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Eucharistiefeier zum Abschluss des Jahrs des Glaubens / Ende der Amtszeit von Abt Martin Werlen

Begrüssung

Liebe Schwestern und Brüder

Zu dieser Eucharistiefeier heisse ich Sie alle ganz herzlich willkommen. Miteinander dürfen wir das "Jahr des Glaubens" abschliessen, oder besser gesagt: vollenden. Ich freue mich, dass ich gleichzeitig Gott und so vielen Menschen danken darf für das, was mir in den vergangenen 12 Jahren geschenkt wurde.

Eines der Bahngleichnisse im neuen Buch "#Bahngleichnis" lautet: "Ein Zug ist angekommen, wenn er stillsteht; ein Bahngleichnis ist angekommen, wenn es weiterrollt." Das gilt auch für das Jahr des Glaubens und für die Amtszeit eines Abtes: Sie sind angekommen, wenn sie weiterrollen.

In der heutigen Lesung – geschrieben vor 2500 Jahren - ist von Feuer die Rede. Die Priester und das Volk nehmen die Zeit nicht ernst; sie nehmen Gott nicht ernst. Am Tag des Herrn wird alles Unheilige wie im Feuer verbrannt werden. Über die Gottesfürchtigen aber werden das Feuer der Liebe und die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen.

Und heute: Nehmen wir die Zeit ernst? Nehmen wir Gott ernst? Alles Unheilige wollen wir in das Feuer der Liebe Gottes werfen.

Feuer anzünden

Herr, du bist gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen und du willst, dass es brennt!
Kyrie eleison.

Herr, es ist deine Freude, jetzt in unserer Mitte zu sein!
Kyrie eleison.

Herr, es ist dein Wille, dass wir alle das Leben in Fülle finden!
Kyrie eleison.


Der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er entzünde in uns das Feuer seiner Liebe und führe uns zum ewigen Leben. Amen.

Predigt


Höre und du wirst ankommen!

Unter dieses Motto stellte ich vor 12 Jahren meine Zeit als Abt des Klosters Einsiedeln und des Klosters Fahr. Unter dieses Motto - das erste und das letzte Wort der Benediktsregel – stelle ich auch diese Worte, die ich an Sie, liebe Schwestern und Brüder, richte.

Höre und du wirst ankommen! Das steht in lateinischer Sprache auf meinem Abtsring. Ein Faksimile aus unserem ältesten Buch in der Stiftsbibliothek, eine Benediktsregel, geschrieben um das Jahr 800. Diesen Ring gebe ich nun in die Runde. Reichen Sie ihn einfach weiter und prägen Sie sich das Motto ein: Höre und du wirst ankommen. Ich kann es aus eigener Erfahrung empfehlen. Behalten Sie den Ring nicht zu lange in den Händen, weil wir diesen Gottesdienst erst mit dem Segen vollenden, wenn der Ring wieder zu mir zurückgekommen ist…

Höre! Damit meint der heilige Benedikt nicht nur das Wahrnehmen von Geräuschen mit Hilfe unserer Ohren. Er nimmt das Thema gleich wieder auf und spricht davon, dass wir das Ohr des Herzens neigen sollen. In deutscher Sprache könnten wir auch sagen: Wir sollen ganz Ohr sein. Benedikt braucht auch noch andere Ausdrücke: Wir wollen mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren unterwegs sein. Warum? Weil Gott da ist! Auch jetzt. Weil Gott da ist, sollen wir ihn suchen und in seiner Gegenwart leben.

Da wird etwas ganz Einfaches und doch so Überraschendes klar: Wer glaubt, lebt nicht in einer anderen Welt; oder in zwei Welten – der wirklichen und der Parallelwelt des Glaubens. Wer glaubt, lebt in derselben Welt wie derjenige, der nicht glaubt. Aber: Wer glaubt, sieht mehr. Wer glaubt, sucht hinter allem die Gegenwart Gottes. Wer glaubt, hat darum mehr vom Leben, nicht etwa weniger. So wird das Leben eines Glaubenden sehr spannend, voll Feuer. Der heilige Benedikt ist überzeugt: "Wer im Glauben und im Klosterleben voranschreitet, dem weitet sich das Herz." Wenn also bei einem Menschen das Herz immer enger und ängstlicher wird, dann ist er sicher nicht auf dem Weg des Glaubens.

Das ist oft dann der Fall, wenn der Glaube zu einer Parallelwelt geworden ist. Im Extremfall hat der Glaube dann nichts mehr mit dem konkreten Leben zu tun, ausser den Gebeten, die gesprochen werden müssen, um kein schlechtes Gewissen zu haben oder am Sonntag zur Kirche zu gehen, weil man das muss. So kann Glaube nicht mehr furchtbar werden. Wir können dann problemlos in der Kirche die Worte Jesu hören: "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen", antworten darauf brav und fromm mit "Lob sei dir, Christus!", aber in der wirklichen Welt darf die Kirche an diese Worte nicht erinnern.

Wenn der Glaube eine Parallelwelt bildet, fordert die wirkliche Welt unseren Glauben nicht mehr heraus. Und unser Glaube kann nicht Sauerteig in der Welt sein. Man wird besorgt sein, dass in der Welt des Glaubens alles beim Alten bleibt. Selbstverständlich wird mit den Psalmworten gesungen: "Singt dem Herrn ein neues Lied", aber wehe, wenn einmal ein neues Lied eingeübt wird. Oder man betet: "Sende aus deinen Geist und alles wird neu", aber wehe, wenn sich etwas verändert. Nicht selten gedeiht in solchem Klima auch die Verachtung, zum Beispiel gegenüber Menschen aus anderen Kulturen, gegenüber Menschen, die andere Überzeugungen haben oder – nicht selten – auch gegenüber Frauen. Das ist unchristlich, auch wenn diese Haltungen oft mit frommen Sprüchen untermauert werden. So wird das Glaubensleben zur Asche. Es wirkt abstossend. Es steckt keinen gesunden Menschen an.

So verleidet Kirche – nicht wegen der bösen Welt, sondern weil das Feuer des Glaubens fehlt. Das Fehlen des Feuers erlebe ich leider auch selbst oft: wenn ich nicht hörend bin beim Lesen der Heiligen Schrift, bei der Feier der Eucharistie, in Begegnungen mit Menschen. Papst Benedikt XVI. hat diese Not wahrgenommen. Im Schreiben, in dem er im Oktober 2011 ein Jahr des Glaubens angekündigt hat, ruft er auf: Die "Kirche als ganze und die Hirten in ihr müssen … sich auf den Weg machen", "die Freude am Glauben wieder entdecken und die Begeisterung in der Weitergabe des Glaubens wieder finden".

Höre und du wirst ankommen! Dieses Motto bewegt. Wo werden wir ankommen, wenn wir hören? Wir werden Gott begegnen. Gott wird uns immer wieder überraschen. Papst Franziskus betont, dass unser Gott ein Gott der Überraschungen ist. Dort, wo im Glauben und in der Kirche alles klar ist, dort haben wir es nicht mit dem lebendigen Gott zu uns. Dort pflegen wir unsere eigene Parallelwelt eines Pseudoglaubens. Denn in der Tat: Das Ankommen ist sozusagen nie so, wie wir es uns vorgestellt haben. Wenn ich auf die 12 Jahre meiner Amtszeit zurückschaue, so fällt eines sofort auf: Selten ist es so herausgekommen, wie ich es erwartet hatte. Wir sind nur dann wirklich Hörende, wenn wir uns immer wieder überraschen lassen. Unser Glaube ist nichts für Festgefahrene. Unser Glaube ist nicht Asche, sondern Glut, knisterndes Feuer.

Darum habe ich als Motto für das "Jahr des Glaubens" diesen Satz gewählt: "Miteinander die Glut unter der Asche entdecken". Wer meine Publikation dazu mit den Begriffen konservativ oder progressiv erklären wollte, hat nichts davon verstanden, was mir ein Anliegen ist. Es geht nicht um Kirchenpolitik. Es geht um Treue – Treue zu Gott, Treue zur Berufung, die er uns anvertraut hat. Es geht darum, dem Menschen dort zu begegnen, wo er ist. Die Zeit ernst nehmen. Gott ernstnehmen. Gott ist Mensch geworden, nicht in einer Parallelwelt, sondern in der ganz konkreten Welt. Darum müssen wir Asche ansprechen, wo wir die Kirche in der konkreten Welt nicht als Hörende wahrnehmen.

Was ich damit meine? Lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel nennen. Die Situation der Familie macht der Kirche Mühe. Sehr oft haben heute die Familien leider nur ein Kind. Zudem ist der Vater nicht einmal der leibliche Vater des Kindes. Immer wieder höre ich das Klagen über diese Situation. Da haben wir wiederum die zwei Welten: Die konkrete Welt, in der nun einmal viele Familien sind, die nur ein Kind haben und der Vater nicht einmal der leibliche Vater ist. Und wir als Kirche bleiben beim Klagen. Wir haben diesen Familien, die die Erfahrung von Kirche besonders nötig hätten, kaum mehr etwas zu sagen. Das Klagen brauchen sie nicht zu hören. Wir sind nicht bei ihnen. Und in der anderen Welt feiern wir Gottesdienste und auch Feste. Und wir realisieren nicht, dass unsere Welt des Glaubens höchst aktuell ist, um bei den Familien in unserer Zeit zu sein. Weil wir nicht hören, realisieren wir nicht, was das Fest der Heiligen Familie nach Weihnachten bedeuten könnte – der Ideal-Familie, wie wir fromm meinen. Wir realisieren dabei nicht, dass genau diese Heilige Familie nur ein Kind hat, und der Vater nicht der leibliche Vater ist – und dazu waren sie noch Migranten.

Wenn wir wirklich hören, kommen wir überraschenderweise in unserer Zeit an, weil Gott da ist. Dann können wir – wie uns Jesus im heutigen Evangelium auffordert – dort Zeugnis ablegen, wo immer wir sind, selbst in schwierigsten Situationen. Wenn wir hören, werden wir immer wieder alle Verhärtungen, alle Asche ansprechen und die Glut des Glaubens wieder entdecken und dieses Feuer mit Begeisterung weitergeben. Dann schenkt der Glaube Hoffnung. Das hat unser Mitbruder P. Jean-Sébastien als Künstler auf dem Bild dargestellt, das hier vorne beim Ambo aufgestellt ist. Es war ein Werk zur Illustration und Meditation in meinem Büchlein "Miteinander die Glut unter der Asche entdecken". Sie alle erhalten beim Hinausgehen am Schluss des Gottesdienstes eine Karte mit diesem Bild. Asche – Glut – Feuer - und mit grüner Farbe die Hoffnung.

Solche Zeichen der Hoffnung wurden mir im Jahr des Glaubens viele geschenkt. Höre und du wirst ankommen – mit dieser Haltung habe ich immer wieder Wunder erlebt, wo andere nur noch schwarz sehen. Ich wage sie Wunder zu nennen, weil sich plötzlich die Augen des Glaubens öffnen, die vorher für Gottes Gegenwart blind waren. Drei davon möchte ich hier kurz erzählen:

Am 27. August, dem Festtag der heiligen Monika, fiel mir am späten Abend eine Monika ein, die bei Verantwortungsträgern in der Kirche nicht einen guten Namen hat: Monika Schmid, Gemeindeleiterin, Initiantin der Pfarreiinitiative. Ihr schrieb ich folgende Nachricht per E-Mail:
Liebe Frau Schmid
Zu Ihrem heutigen Namenstag sende ich herzliche Segenswünsche aus Einsiedeln!
Im Gebet mit Ihnen verbunden
Abt Martin


Und einen Tag später erhielt ich folgende Rückmeldung:
Lieber Abt Martin
Das ist ja unglaublich, dass Sie bei aller Arbeit an mich gedacht haben. Ganz herzlichen Dank für Ihre Segenswünsche zum Namenstag. Die heilige Monika ist mir sehr nah und ich bin glücklich ihren Namen zu tragen. Danke für Ihr Gebet. Ich hätte da ein Anliegen im Zusammenhang mit der heiligen Monika. Eine Familie in unserer Pfarrei leidet an ihrem Sohn … Die Mutter weint um diesen Sohn… Es ist sehr, sehr schlimm, was der Sohn dieser Mutter im Moment antut, man kann es nur der Krankheit zuschreiben. Vielleicht können sie diese Familie auch ins Gebet einschliessen. Danke ganz, ganz herzlich für alles und für Ihr Wirken.
Mit einem herzlichen Gruss
Monika Schmid

Das berührt. Weil wir eine Seelsorgerin wahrnehmen, die sich um die Menschen in ihrer Not kümmert.

Ein zweites Beispiel. In der Bischofskonferenz sprachen wir über die Not einer Menschengruppe. Jemand meinte: "Da tragen wir keine Schuld, da brauchen wir keine Unterstützung zu leisten. Das würde ja aussehen, als ob wir verantwortlich wären." Und Bischof Vitus Huonder erwiderte: "Ob Schuld oder nicht: es geht um Menschen in Not, um Menschen, die leiden. Und da muss die Kirche mit ihnen sein."
Das berührt! Weil hier ein Seelsorger spricht, der die Not der Menschen wahrnimmt.

Vor zwei Wochen erhielt ich einen Brief von einem freikirchlichen Pastor. Was haben uns Freikirchen schon zu sagen? Versuchen wir einmal zu hören:

Sehr geehrter Herr Werlen, nein … besser
Lieber Bruder Martin Werlen,
Beim Recherchieren im Internet bin ich auf Ihre Schrift "Miteinander die Glut unter der Asche entdecken" gestossen. Ich bin seit 40 Jahren Pastor in verschiedenen evangelischen Freikirchen. Und ich bin immer noch mit grosser Freude dabei, - meistens. Ihre Art, wie Sie die Not in den Kirchen angesprochen haben, hat mich bewegt. Bei uns sind nicht genau die gleichen Fragen aktuell, aber sehr ähnliche und auch gleiche. Ich schreibe Ihnen, weil ich möchte, dass Sie wissen, dass es auch in Freikirchen Menschen gibt, die für Sie und für Ihre Kirche beten. Mir tut es wohl in der Seele, wenn Sie schreiben, dass es nicht um konservativ oder progressiv an sich geht, sondern um den Willen Gottes für uns und unsere Gemeinden und Kirchen heute. Ich habe mich da überraschend im selben Boot wieder gefunden. Die Bootsgeschichte von Jesus ist mir eine grosse Ermutigung. Als der Sturm tobte und die Jünger schon den Untergang befürchteten, war Jesus noch am Schlafen. Er schläft heute nicht wirklich. Doch manchmal vermisse ich ihn. Aber er ist an Bord, bei Ihnen und bei mir! Er, der gesagt hat, ich bin derselbe gestern, heute und für alle Zeit.
In diesem Sinne freue ich mich, mit Ihnen als meinem Bruder unterwegs zu sein. Wir kennen uns nicht persönlich, aber wir haben einen gemeinsamen Freund! Und das zählt!

Sie sehen, all das hat nichts zu tun mit konservativ oder progressiv, sondern mit Treue, beim Menschen sein in Gottes Gegenwart.

Liebe Schwestern und Brüder
In den vergangenen 12 Jahren durfte ich immer wieder erfahren, wie sehr sich die Menschen unserer Zeit nach dem sehnen, was unserer Kirche anvertraut ist: Gott suchen und ihm begegnen. Viele Menschen haben mich dabei begleitet: im Gebet, mit Wort und Tat, mit Kritik. Dafür sage ich allen ein herzliches Vergelt’s Gott!

Höre und du wirst ankommen! Wir alle hören von den Unwettern auf den Philippinen. Diese Not in unserer Welt soll uns auch hier berühren. Die Kollekte, die nachher aufgenommen wird, ist zuhanden der Caritas Schweiz für die Opfer der Unwetter auf den Philippinen bestimmt. Herzlichen Dank, wenn Sie hören und jetzt ein Zeichen der Hoffnung setzen – damit Menschen die heilende Nähe Gottes erfahren dürfen!

Ich freue mich, mit Ihnen als meine Schwestern und Brüder unterwegs zu sein. Wir kennen uns nicht persönlich, aber wir haben einen gemeinsamen Freund! Und das zählt!

Fürbitten

Herr Jesus Christus, du hast gesagt: "Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen."

Wir bitten dich:

  • Ermutige alle Getauften, dich zu suchen, auf dich zu hören und immer wieder deine Gegenwart zu erfahren.
  • Lass die Notleidenden auf den Philippinen deine heilende Nähe erfahren.
  • Lass das Wirken von Abt Martin reiche Frucht tragen und segne alle, die ihn in seiner Amtszeit begleitet haben.
  • Lass unsere Klostergemeinschaft einen Mitbruder zum Abt wählen, der das Feuer deiner Liebe zusammen mit den ihm anvertrauten Menschen in unserer Zeit glaubwürdig zu bezeugen vermag.
  • Erneuere deine Kirche – und fange bei uns an.
  • Schenke unseren Verstorbenen für immer und ewig Gemeinschaft mit dir und allen Heiligen.

Herr, auf dich vertrauen wir. In deine Hände legen wir unser Leben. Dir sei Lob und Preis, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Vor dem Segen

Liebe Schwestern und Brüder, in der Kirche dürfen wir einander vertrauen. Der Ring ist zurück, Zeit für den Segen.

Höre und du wirst ankommen! Als Hörende wollen wir unseren Weg weitergehen. Und wir werden ankommen bei Gott und bei den Menschen.

Wir bitten Gott um seinen Segen, dass wir als Brandstifter weitergehen: Das Feuer der Liebe, das Jesus selber ist, in die Welt tragen!