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Predigt im Rorate-Gottesdienst

10. Dezember 2013, Kloster Fahr, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Es gibt viele Zufälle in unserem Leben. Der heutige Tag ist voller Zufälle. Am Schluss meiner 12-jährigen Amtszeit als Abt vom Kloster Einsiedeln und vom Kloster Fahr schaue ich dankbar zurück. Ich denke an viele Begegnungen, die mich geprägt haben. Von solchen besonderen Begegnungen möchte ich Ihnen erzählen.

Die Begegnung mit Nelson Mandela. Er wird heute beerdigt. Ein Zufall: Am Menschenrechtstag. 27 Jahre war er als politischer Gefangener in Haft. Mandela begleitete den Übergang von der Apartheid zum demokratischen Staatswesen. 1993 erhielt er den Friedensnobelpreis, 1994 wurde er zum ersten schwarzen Präsident seines Landes gewählt. Es lohnt sich, die Würdigungen zu lesen, die in diesen Tagen in den Medien veröffentlicht werden. In dunkler Finsternis durften Menschen wieder Licht sehen und aufatmen. Unser Land hat bis zum Schluss die Apartheidsregierung unterstützt. Die Schweizer Bischofskonferenz hat eine Studie in Auftrag gegeben, die die Beziehung katholische Kirche in der Schweiz und Apartheidsregime in Südafrika aufarbeitet. Im August 2011 durfte ich diese Studie mit einer Delegation aus der Schweiz in Johannesburg vorstellen. Es ist ein trauriges Kapitel der neueren Geschichte unseres Landes, dass Politik und Wirtschaft die Archive für die Aufarbeitung dieser Beziehung noch nicht geöffnet hat.

In Johannesburg erlebte ich die zweite Begegnung, von der ich heute erzählen will: die Begegnung mit dem weissen Dominikanerpater Albert Nolan. Über die Begegnung mit schwarzen Studenten fand er den Weg in den Widerstand gegen die Apartheid. Er schreibt: "Ich habe mehr von den jungen Menschen in den townships gelernt, was es heisst, Christ zu sein, als aus allen meinen Büchern." 1983, in der Apartheid-Krise, wurde er in Rom zum Ordensmeister der Dominikaner gewählt. Nach einer im Gebet verbrachten Bedenkzeit verzichtete er darauf, weil er merkte, dass sein Platz jetzt in Südafrika sei. Im Nachhinein fällt es schwer sich auszumalen, was ohne ihn in Südafrika geschehen wäre. Über P. Nolan konnte ich eine Schweizerin kennenlernen, die wie wohl kein anderer Mensch in der Schweiz sich für die Überwindung der Apartheid in Südafrika engagiert hat: die Menzingerschwester Claire-Marie Jeannotat.

Letztes Jahr durfte ich dem schwarzen Erzbischof Desmond Tutu begegnen. Für sein Engagement gegen die Apartheid wurde ihm 1984 der Friedensnobelpreis verliehen. Erzbischof Tutu sprach mich sofort auf P. Albert Nolan an und würdigte dessen Einsatz, besonders in der Sensibilisierung der weissen und der schwarzen Jugendlichen für den Kairos, das richtige Verhalten im richtigen Moment. Als 9-jähriges Kind hat Desmond Tutu etwas erlebt, das ihn das ganze Leben hindurch prägte. Er war mit seiner Mutter im Zug unterwegs. Die weissen und die schwarzen Menschen mussten in getrennten Wagen reisen. Die Weissen stiegen auf ihrem Perron aus, die Schwarzen auf ihrem. Plötzlich kam ihnen auf dem Perron der Schwarzen ein weisser Priester entgegen. Das passte überhaupt nicht in seine Erfahrungswelt. Und als er an ihnen vorbeiging, zog er den Hut vor seiner Mutter. Desmond fragte seine Mutter, warum er dies tue. Und sie sagte zu ihm: Weil er ein Mann Gottes ist. "Als sie mir erzählte, dass er ein anglikanischer Priester ist, beschloss ich, selbst ein anglikanischer Priester zu werden und ein Mann Gottes zu sein."

Wenn P. Nolan, Nelson Mandela und Desmond Tutu ihre Berufung nicht gelebt hätten, wäre das Wunder von Südafrika nicht geschehen. Wenn Sr. Marie-Claire Jeannotat ihre Hände in den Schoss gelegt hätte, wäre in der Schweiz kaum für Gerechtigkeit in Südafrika geschrien worden. Sie haben gelebt, wozu uns Jesus im heutigen Evangelium am Menschenrechtstag aufruft: "Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte? Und wenn er es findet – amen, ich sage euch: er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben."

Das muss auch unsere Botschaft zum Menschenrechtstag sein: Die Liebe Gottes zu jedem Menschen durch unser Leben bezeugen – zu jedem Menschen! Dann sehen Menschen ein Licht. Sie können aufatmen. Das ist unsere Botschaft.