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Predigt in der Heiligen Nacht 2013

24. Dezember 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Mitchristen

Wir Menschen interpretieren Dinge sehr verschieden: Was für den einen Zufall ist, ist für eine andere Bestimmung, wo sich jemand aufregt und die Welt nicht mehr versteht, meint jemand anders, ja nur einen Witz gemacht zu haben. Wie wir etwas auslegen, hängt von unserer Stimmung ab, aber auch von unserem Wissen, unserer Weltanschauung, unserem Glauben. Ich deute in meinem Leben nicht jedes Detail sofort religiös; da sind wir Benediktiner vielleicht etwas sehr nüchtern. Als ich heute Nachmittag aber mein Büro betrachtete, musste ich lachen und schmunzelnd zu Gott sagen: Ich habe verstanden! Im September nämlich dachte ich das erste Mal an dieses Weihnachtsfest. Mir wurde damals bewusst, dass der einzige Mensch, dem ich wirklich erlaubte, mir etwas auf Weihnachten zu schenken, drei Monate vorher verstorben war und ich nun wohl mein erstes Weihnachtsfest ohne Geschenke erleben würde. Dieser Gedanke machte mir nicht etwa Angst, sondern ich fand ihn gut für einen Mönch. Vielleicht hat bei diesem Gedanken Gott gestutzt, den monastischen Stolz gesehen, dann aber geschmunzelt und gedacht: Der soll nicht so klösterlich tun! Warte nur! Und so versuchte ich dann heute mich durch die Berge von Briefen und Geschenken hindurch zu bewegen, was gar nicht einfach ist: In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viel Post und so viele Geschenke erhalten wie in den letzten Tagen – und so sagte ich zu Gott: Ich habe verstanden, danke! Nur: das war nun schon fast zu viel des Guten...

Wir Menschen interpretieren Dinge sehr verschieden. Ich selbst stelle mir gerne Gott schmunzelnd vor, wenn ich mich abmühe und alles richtig machen möchte. Ich deute dann gerade das, was mir nicht gelingt, etwa so: Wo ich mit viel Wille und ein bisschen Verstand etwas erreichen möchte, versucht Gott mich wieder zu einem Kind zu machen. Kinder nämlich deuten die Welt anders als wir. Vielleicht haben Sie sie ja heute Abend erlebt: Wo wir an Preise und das richtige Geschenkpapier denken, stehen Ihre Kinder oder Grosskinder mit glänzenden Augen vor dem Christbaum und können zuerst einmal nicht aufhören zu staunen. Kinder nehmen eine andere Perspektive der Welt gegenüber ein als wir Erwachsene: eine unmittelbare, oft sehr spontane. Mir gefällt darum die Anekdote, die vom Schweizer Maler Ferdinand Gehr erzählt wird, der in unserer Propstei St. Gerold in Vorarlberg 1966 das Altarbild schuf. Eine Frau konnte diese neue Bildsprache überhaupt nicht interpretieren. Sie schimpfte und sagte dem Künstler: "Was sie da malten, das kann ja jedes Kind!" Darauf antwortete Gehr: "Sie haben recht: Ein Kind kann das, aber Sie nicht!"

Meine Lieben, Gott interpretiert unsere Welt offensichtlich kindlich, denn er nimmt an Weihnachten die Perspektive eines Kindes ein. Und wer denkt, das war aber nur gerade am Anfang bei seiner Geburt, kann im Evangelium nachlesen, wo Jesus auch uns auffordert, wie Kinder zu werden (vgl. Mt 18,3). Wenn ich mir die Konflikte und Kriege vor Augen führe, die auch in diesen Minuten auf der Welt herrschen, wünsche ich mir für uns Erwachsene so sehr, dass wir es Gott gleicht tun: ein Kind werden, nicht berechnend sein, in einem guten Sinne mehr ohnmächtig. Denn auch wenn ein Kind genau weiss, wie es etwas erhalten kann: Es ist doch noch nicht fähig, andere zu vernichten und aus dem Weg zu räumen.

Natürlich gibt es im Südsudan und Syrien nicht viel zu interpretieren: Das sind Fakten, die uns zeigen, wie brutal wir Menschen sein können. Interpretieren können wir aber die Worte, die Gott in diese Situation hineinspricht: das Wort des Friedens. Als um etwa 730 v. Chr. das Land Juda verwüstet dalag und sich das verängstigte Volk in einer kollektiven Depression befand, liess Gott durch den Propheten Jesaja das Wort sprechen:
«Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht;
über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.»

Und der Prophet kündigt diesen neuen Frieden in der Perspektive eines Kindes an:

«Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.
Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter;
man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.»

Einige werden diese Worte als billigen Trost, als Opium fürs Volk deuten. Ich lege sie als kraftvolles Wort Gottes aus. Beeindruckend sehe ich das im Land meiner Schwägerin, in den Philippinen. Das Leid nach der grossen Katastrophe treibt die Menschen nicht etwa von Gott weg, sondern umgekehrt: Die halb zerfallenen Kirchen füllen sich in diesen Tagen und werden einziger Zufluchtsort in zerstörten Dörfern und Städten. Alles wurde den Menschen genommen – die Hoffnung lassen sich viele anscheinend aber nicht nehmen. Die Hoffnung, der Glaube: sie sind kleine, wehrlose Pflänzchen – wie ein Kind. Aber sie vermögen uns eher zu Frieden und Versöhnung führen als grosse Worte, denn sie kommen von innen, werden uns geschenkt, sind Wort Gottes – das Wort Gottes: Jesus Christus! Auch im Westen sind wir wie das damalige Volk Israel in der Gefahr, in einer kollektiven Despression zu versinken: Gerne verwalten wir das Erreichte. Es fehlt dafür so oft an der Freude, am Glauben an die Zukunft, an der Hoffnung. Gehen wir darum zur Krippe, zum kindlichen Wort Gottes, das Jesus Christus ist und lernen wird dort die Perspektive des Kindseins: «Ein Kind kann das», sagte Ferdinand Gehr. Das Christkind richtet uns von innen her auf, gewaltlos, leise. Machen wir es wie dieser Kuppelraum: Von der Kuppel her kommt durch Engel das Friedensangebot: «Ehre sei Gott in der Höhe» – und die Antwort kommt dort drüben von Engeln, die von unten her kommen: «Dann ist Friede bei den Menschen seiner Gnade!» Wer zur Krippe geht, wer zu Gott geht, erlernt Frieden.

Liebe Mitchristen, so interpretiere ich heute Abend die Krippe. Meistens sind es ja doch Kinder, die das heutige Weihnachtsevangelium spielen. Zwar geniessen wir dieses Kinder-Spiel, doch sind wir wohl zu überlegt für eine solche Geschichte. Wenigstens Gott soll aber nun wieder etwas zum Schmunzeln haben, wenn ich hier ansatzweise aufleben lassen, was in dieser Kirche vor bald 1000 Jahren auch für Erwachsene normal war: Natürlich muss die Weihnachtsgeschichte gespielt werden! Nicht zwei Kinder, aber zwei selbständige Jugendliche, eine Ministrantin und ein Ministrant, werden nun von diesem kleinen Friedenslicht aus Bethlehem nehmen und es zur Krippe bringen und dort die Kerzen anzünden, damit wir uns nachher an diesem kleinen Licht erwärmen können. Gehen Sie beim Hinausgehen bei der Krippe vorbei. Wenn wir nur etwas an Freude und Frieden aus dieser Feier mitnehmen können, die vom kleinen Kind ausgehen, dann ist uns und unserer Welt schon viel geholfen.