Gemeinschaft

Seelsorge

Kultur

Schulen/Betriebe

Umfeld
Aktuelles
Archiv
Predigten
Newsletter

>> Home

[ print ]

 

Predigt an Epiphanie 2014

6. Januar 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Schwestern und Brüder,

In der Primarschule fand ich das Fach Geschichte sehr interessant. Der Lehrer erzählte die Schweizergeschichte so spannend, dass ich mich voll mit den rauen Schwyzern, die gegen die übermächtigen Habsburger kämpften, identifizieren konnte. Als Küssnachter war man natürlich doppelt stolz, den grausamen Gessler beseitigt zu haben. Diesen Stolz, Schwyzer zu sein, brachte ich mit ins Kloster und teilte ihn hier mit einer Handvoll anderer Landsgenossen.

Dieser Schwyzer Stolz wurde aber in der Klostergemeinschaft jäh herausgefordert. Denn bei unserem allabendlichen Gedenken an die verstorbenen Mönche des Klosters kommen die Schwyzer Bürger nicht immer gut weg. Am 26. Mai heisst es zum Beispiel: "Um 1316 verstarb Rudolf von Wunnenburg. Mönch von Einsiedeln. Die Schwyzer hielten ihn mit anderen Mönchen nach ihrem Überfall auf das Kloster 1314 einige Zeit in Schwyz gefangen." Natürlich ernten dabei die heutigen Schwyzer Klostermitglieder einen scherzhaft bösen Blick von den anderen Mitbrüdern. Wenn auch im Kloster kein Kantönligeist herrscht, so nimmt man diese Gelegenheit zur Neckerei doch gerne wahr.

Wie kam es aber soweit mit diesem Rudolf von Wunnenburg? 1018 schenkte nach fränkischem Königsrecht Kaiser Heinrich II. dem Kloster Einsiedeln das Einzugsgebiet von Sihl und Alp zu eigen. Dieses Gebiet war kaum besiedelt. Die Gotteshausleute roden Weiden für ihr Vieh und nehmen allmählich das Gebiet in Besitz. Nach alemannischem Rodungsrecht treiben die Landleute von Schwyz die Herden ihrerseits auf nicht genutztes Land auf. Die Sennen des Klosters und die von Schwyz stossen schliesslich aufeinander. So kommt es zu Auseinandersetzungen, Überfällen, Waffengewalt, Verhandlungen und Schiedssprüchen. 1283 geht die Schirmvogtei über Einsiedeln an die Habsburger über. Damit nimmt der Streit politischen Charakter an. In der Dreikönigsnacht 1314 – also diese kommende Nacht vor 700 Jahren – überfallen die Schwyzer das Gotteshaus, suchen seine Besitzurkunden zu vernichten, plündern Kloster und Kirche schwer und treiben Konvent, Vieh und Knechte nach Schwyz unter ihnen auch den Mönch Rudolf von Wunnenburg. Abt Johannes von Schwanden hatte sich und die Kaiserurkunden, auf die sich das Kloster im Streit berief, in Sicherheit bringen können.

Warum erzähle ich Ihnen das? Natürlich, weil diese unglaubliche Tat genau vor 700 Jahren hier vorgefallen ist, aber auch noch wegen folgender interessanten Beobachtung. Neben allen Neckereien über die jeweilige Herkunft dieses oder jenes Mitbruders ist eines viel wichtiger geworden. Wir verstehen uns nicht so sehr als Schwyzer, als Luzerner oder noch schlimmer als Walliser. Wir verstehen uns als Christen, die gemeinsam auf dem Weg sind. Und genau das will uns doch die heutige Weihnachtsgeschichte erzählen. Die Weisen aus dem Morgenland sind nicht Juden. Sie sind Fremde. Sie haben aber eines gemeinsame mit Josef und Maria, den Hirten und den Engeln. Sie suchen den Messias, den Retter und huldigen ihm. Damit ist ihnen ein Licht, ein Stern aufgegangen.

Will uns das Bild von der Krippe, wo Josef und Maria, Hirten und Engel, Könige und Knechte, Ochs und Esel, Kamele und Dromedare vereint sind, nicht etwa erzählen, dass wir alle gleich sind in der Suche nach Christus? In erster Linie bin ich nicht dieser oder jener Landsmann oder Landsfrau, sondern Christ und Christin. Zuerst bin ich Christ und nicht Chef oder Untergebener, Schreiner, Verkäuferin oder Arzt.

Diese Sichtweise geschieht nicht automatisch, sondern kommt aus einer bewussten Überlegung. Letzthin beklagte sich eine Frau, sie könne gewisse Leute in ihrer Umgebung nicht spontan lieben. Niemand von uns kann jemanden, der ihm nicht sympathisch ist, spontan lieben. Niemand kann spontan seinen Feind lieben, wie es Jesus uns aufträgt. Lieben bis zum Letzten, so wie Christus, können wir nur aus einer bewussten Entscheidung, aus dem Licht, mit dem uns Christus erleuchtet hat.

Wenn die Sternsinger gestern in Einsiedeln von Haus zu Haus gegangen sind, und auf den Türsturz den Segen "CHRISTUS MANSIONEM BENEDICAT – Christus segne dieses Haus" geschrieben haben, haben sie genau diese Botschaft verkündet: Alle sind eingeladen Christus in ihrer Mitte zu suchen und in ihr Eigenes aufzunehmen.

Nicht die Familie so und so wohnt hier, sondern Christus wohnt hier. Diese Sichtweise lässt einem die eigene Behausung und die des Nachbarn ganz neu sehen. Sie erscheint in einem neuen Licht. Es ist als wäre der Stern von Bethlehem über der eigenen Wohnung und die des Nachbarn stehen geblieben. Und so feiern wir Epiphanie, Erscheinung des Herrn.