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Predigt an Palmsonntag

13. April 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

«Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig, und er reitet auf einer Eselin» – Liebe Mitchristen, ich weiss nicht, wie Sie sich diesen Jesus von Nazareth vorstellen. Friedfertig reitet er auf einem Esel in Jerusalem ein, während der Verhandlung mit Pilatus sagt er plötzlich nichts mehr. Er lässt alles über sich ergehen, lässt sich kreuzigen, obwohl er doch nichts getan hat. Jesus: ein Softie? Das perfekte Mobbingopfer, mit dem man alles machen kann, der sich alles gefallen lässt? Ist es das, was das Wort «friedfertig» meint? Ist es gar dieses Bild von Jesus, das Religion langweilig macht? Ist dieser Weichling nicht nur gerade etwas für schwache Gemüter? Und ist Religion so sicher nichts für Männer?

«Er ist friedfertig» – Der Einzug in Jerusalem ist im Matthäusevangelium kein Tatsachenbericht, sondern wird als die Erfüllung einer Verheissung verstanden: Der Evangelist Matthäus zitiert an dieser Stelle den Propheten Sachárja. Die ursprüngliche Stelle bei Sachárja tönt viel kriegerischer als im Evangelium. Von Gott heisst es beim Propheten:

«Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde.»

Sachárja spricht von der Friedensherrschaft Gottes in kämpferischer Sprache. Matthäus sieht diese Friedensherrschaft in Christus erfüllt und braucht dafür einfach die Umschreibung «friedfertig». Aber Matthäus fügt im Evangelium etwas an, was wir im heutigen Abschnitt gar nicht gehört haben! Jesus vernichtet nämlich kurz darauf, was nicht dem wahren Frieden dient: Er geht nach diesem Einzug sofort in den Tempel und vertreibt alle Händler und Geldwechsler, er stösst alle Tische um, die an diesem Ort nichts zu suchen haben – und macht sich so gefährlich für das religiöse Establishment. Jesus ist also alles andere als ein Softie: Er will keine falsche Harmonie, sondern Frieden – und Friede kann etwas kosten, kann schmerzen. Um seine Botschaft nicht zu verleugnen, um sich vor Pilatus nicht verteidigen und damit seine Worte nicht schon fast zurücknehmen zu müssen, schweigt er zu den Vorwürfen seiner Gegner – und muss so die Konsequenzen tragen, die ihn ans Kreuz bringen. Nicht Schwäche, sondern Stärke macht Jesus aus! Schwache Gemüter mögen sich in dieser Karwoche an schönen Tönen und Worten erfreuen. Wer sich in diesen Tagen aber auch auf die Worte der Schrift einlässt, auf diese Spannung zwischen Verheissung und Erfüllung, auf den Kampf zwischen Falschheit und Wahrheit, Verleumdung und Frieden, von Tod und Leben, braucht starke Nerven und das ehrliche Verlangen nach Veränderung, nach Friede im eigenen Leben und in dem anderer Menschen. Ich wünsche uns allen für diese heilige Woche den Mut und die Kraft, uns verändern zu lassen!