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Predigt vom Ostersonntag 2014

20. April 2014, Klosterkirche, P. Jean-Sébastien Charrière

Liebe Schwestern und Brüder im Auferstandenen Christus

Wir brauchen nicht einmal weit weg zu schauen, um zu sehen, dass es viele verschiedene Sorten und Formen von Fenstern gibt. Aber all diese Fenster erfüllen den gleichen Zweck. Fenster sind eine Wand-Öffnung, die das Innere mit dem Äusseren verbinden; sie lassen das Licht hineinkommen und erfüllen eine Schutzrolle, zum Beispiel gegen Unwetter, Lärm oder Ungeziefer.
Es gibt viele verschiedene Formen von Fenstern. Der Archetyp oder die bekannteste Fensterform besteht aus einer Trag-Struktur und vier Haupt-Glas-Flächen. So sehen auch die Fenster in unserer Kloster-Fassade aus, sowie auf vielen Kinder Zeichnungen und sogar bei einem bekannten Computer-Programm!
Vor so einem Fenster sagte einmal ein kleines Kind beim Abendgebet zu seiner Mutter, als es geborgen in seinem Bett lag: "Schau Mama! Das Fenster! Das ist ein Kreuz!"

Das Osterfest zeigt uns, dass nicht nur ein Fenster eine kreuzförmige Tragstruktur enthalten kann, sondern dass das Kreuz tatsächlich auch ein Fenster ist! Ostern heisst im Hebräischen "Pessah", was "Durchgang" bedeutet. Für das Alte Testament ist "Pessah" das Fest des Durchgangs zwischen dem Land der Sklaverei und dem der Freiheit. Für die Christen ist Ostern das Fest des Durchgangs vom Tod zum neuen Leben. Durch das Kreuz kommen das Licht der Auferstehung und der Lebenshauch des Heiligen Geistes zu uns. Auch Segen und Sakramente werden im Zeichen des Kreuzes gespendet. Sie öffnen uns für die Gnade Gottes oder schützen uns, wie ein geschlossenes Fenster, vor dem Unwetter des Bösen.

In einem Fenster steht die Tragstruktur im Dienst der Öffnungen. Und nicht umgekehrt! Es wäre nicht vernünftig, uns auf die Tragstruktur zu fokussieren und dabei das Licht nicht mehr zu sehen! Bei der Kreuzigung sind nicht die Sünde und der Tod das Zentrale, sondern die Liebe, die sie aufnimmt und verwandelt! Das Kreuz ist der Ort, wo die Sünde und der Tod, welche Jesus auf sich genommen hat, sterben. Damit kann uns Gott in seiner Auferstehung das Leben in Fülle schenken.

Im Evangelium haben wir gehört, wie Maria Magdalena draussen vor dem Grab weinte. Ihre Aufmerksamkeit war ganz auf das Grab, auf den Tod, fokussiert. Sie suchte einen gefolterten Leichnam. Deshalb konnte sie zuerst den Lebendigen nicht erkennen, denn er war anders als ihre Erwartung. Der auferstandene Jesus ist anders als ihre Erinnerungen und Vorstellungen.
So wie Maria Magdalena können auch wir sehr fixiert sein auf unser Leid, auf den Schmerz, die Sünde und den Tod. Wie sie weinen wir oft vor unseren Gräbern und nehmen so die Wirklichkeit nicht mehr in ihrem Ganzen wahr.
"Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte" sagte Friedrich Nietzsche. Diese scharfe Kritik mag sehr einseitig sein, trotzdem können wir uns fragen, ob wir tatsächlich nicht allzu oft am Kreuzesleiden und am Tod im Grab hängenbleiben! Sind wir nicht allzu oft pessimistisch, ohne Hoffnung und Zuversicht? Glauben wir wirklich, dass Leid, Krankheit, Streit, Krieg, Sünde oder Tod nicht mehr das letzte Wort haben werden?

Der französische Denker Paul Claudel schrieb "Gott ist nicht gekommen, das Leid zu beseitigen, er ist nicht gekommen, es zu erklären, sondern er ist gekommen, es mit seiner Gegenwart zu erfüllen".
Da steht das Oster-Geheimnis. Das Leid existiert weiter in unserer Welt und wir dürfen Schmerz empfinden. Aber der Glaube erinnert uns daran, dass Leid und Tod nicht mehr das letzte Wort haben. Ostern ist das Fest der Wandlung! Das Kreuz als Folterinstrument ist uns zum Zeichen des Segens geworden. Das Kreuz ist zum Fenster geworden.
Wenn wir uns mit dem Kreuz bezeichnen, öffnen wir ein Fenster vor uns, das uns einen anderen Blick auf die Welt geben sollte; ein Blick voll Hoffnung und Zuversicht. Auch bei der Verkündigung der Frohen Botschaft zeichnen wir uns ein Kreuz auf die Stirn, den Mund und das Herz. Damit wollen wir unseren Geist dem Licht öffnen, um dort das Wort Gottes zu empfangen und zu verstehen. Mit dem Kreuz auf dem Mund, wollen wir das Wort Gottes verkünden, aber uns auch vor dem Durchzug von Klatsch und Tratsch und der bitteren Kälte böser Worte schützen. Das Kreuzzeichen auf der Brust will das Herz öffnen, damit Gott in uns wohnen und handeln kann.
Der Pfarrer von Ars schrieb einst: "Man soll das Zeichen des Kreuzes mit grosser Ehrfurcht machen. Man beginne beim Kopf: Das ist das Haupt, die Schöpfung, der Vater; dann das Herz: die Liebe, das Leben, die Erlösung, der Sohn; die Schultern: die Kraft, der Heilige Geist. Alles erinnert uns an das Kreuz. Wir selbst sind gemacht in Form des Kreuzes."

Liebe Schwestern und Brüder!
Es gibt viele verschiedene Sorten und Formen von Fenstern. In uns begegnen sich Himmel und Erde. Möge uns dieses Osterfest daran erinnern, dass auch wir zu klaren Fenstern werden sollten. Ein Fenster, durch das alle einen Blick in den Himmel werfen können. Aber auch ein Fenster, durch das der Segen Gottes sich auf unserer Erde verbreiten kann zur Ehre und im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

AMEN.