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Predigt an Christi Himmelfahrt

29. Mai 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern,

Ich möchte Ihnen etwas ganz Verrücktes erzählen. Denn das heutige Fest verbirgt eine verrückte Botschaft. Diese gilt es zu entdecken.

Gewöhnlich haben wir das Gefühl, dass wir mit diesem Fest nichts Neues erfahren. Wir feiern doch einfach die letzte Erscheinung Jesu, die damit endet, dass Christus sich verabschiedet und endgültig weggeht und uns im Prinzip alleine lässt. Eigentlich kommt zu Ostern nichts Neues hinzu. Im Gegenteil: Wir befinden uns nun in einem Warteraum zwischen dem Weggehen Christi und der Herabkunft des Heiligen Geistes. Und diesen Heiligen Geist können wir sowieso nur schwerlich fassen.
Wenn das so ist, schauen wir mal einfach an, was uns Ostern gebracht hat.

Durch sein Kreuz und seine Auferstehung hat uns Jesus erlöst, das heisst, die ursprüngliche Würde als Kinder Gottes wiederhergestellt und "ewiges Leben" geschenkt.

Im Religionsunterricht habe ich mit Jugendlichen überlegt, was "Ewiges Leben" denn meint. Und wir haben entdeckt, dass damit keine Zeitdauer ausgedrückt ist. Es geht auch nicht um ein Leben nach dem Tod, später einmal. "Ewiges Leben" bedeutet ein Leben mit neuer Qualität, ein Leben mit einer Würde, die uns aus der Einheit mit Gott gegeben ist.

Und was meint dann diese Würde? Ein Jugendlicher definierte die Würde mit Hilfe einer Person, die etwas von sich hält. Wer etwas von sich hält, zeigt seine Würde. Ein König wird zum Beispiel keine öffentlichen WCs reinigen. Dies ist unter seiner Würde. Diese Definition ist noch recht selbstzentriert und könnte als Hochmut ausgelegt werden. Würde ist nicht etwas, das ich mir erarbeite, sondern etwas, das schon vorgegeben ist.

So haben wir die Würde im christlichen Sinn anders umschrieben: Nicht "jemand, der von sich etwas hält", sondern "Gott hält etwas von mir". Jeder hat Würde, weil Gott von jedem Grosses hält. Und ist das nicht ein verrückter Gedanke: "Gott hält Grosses von mir"?

Damit müsste Ostern alle unsere Minderwertigkeits-komplexe wegwischen und uns von unserer Kleinkariertheit heilen. Wenn Gott Grosses von mir hält, dann bin ich ein freier Mensch. Dann muss ich nicht hinter allen neuesten Trends nachrennen, um nur ein wenig Ansehen und Anerkennung zu erheischen. Ich habe die grösste Anerkennung schon!

Aber mit dem heutigen Fest Christi Himmelfahrt kommt es noch verrückter. Schauen wir an, was im Glaubensbekenntnis steht: Wir glauben an Christus, der "aufgefahren ist in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters".

Damit ist nicht ein ferner kosmischer Raum angesprochen, an dem Gott sozusagen seinen Thron aufgerichtet und auf diesem Thron auch Jesus einen Platz gegeben hätte. Gott ist nicht in einem Raum neben anderen Räumen. Gott steht über Raum und Zeit. "Zur Rechten sitzen" meint mit gleicher Ehre und Macht ausgestattet, auf gleicher Ebene mit Gott zu sein. "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde" (Mt 28, 18), sagt Jesus im Evangelium.

Und damit kommen wir dem wahnsinnig Verrückten langsam näher. Jesus sagt nämlich bei seinem Abschied: "...ich komme wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin" (Joh 14,3). Wir werden also da sein, wo Jesus ist: zur Rechten Gottes. Weiter sagt er: "Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch" (Joh 14,20). Mit Christus sitzen wir zu Rechten Gottes des Vaters, wo wir Ihn schauen von Angesicht zu Angesicht – so beten wir jeweils im Hoch-gebet. Durch Christus sind wir Gott gegenüber auf gleicher Augenhöhe und dürfen Gott in die Augen schauen. Und das ist die verrückte Aussage des heutigen Festes, die ich Ihnen erzählen wollte. Gott will mir in die Augen schauen. Und ich darf Ihm in die Augen schauen – nicht weil ich so gut bin, sondern weil ich zu Christus gehöre. Gott nimmt uns ernst als ebenbürtiges Gegen-über. Mit Christus sind meine Worte und Taten ebenso gültig wie sein Schöpfungswort. Gott handelt nicht an-stelle von mir, sondern er übergibt mir Verantwortung. So kann er sagen: "Geht zu allen Völkern ... und lehrt sie" (Mt 28,19f).

Das sind wahnsinnig verrückte Aussagen, die uns zurück-schrecken lassen und die wir lieber nicht wahrhaben wollen.

Aber genau das feiern wir doch mit Christi Himmelfahrt. Jesus sagte nämlich vor seinem Abschied: "Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbrin-gen, und er wird noch grössere vollbringen, denn ich gehe zum Vater" (Joh 14,12). Dieses "ich gehe zum Vater" drückt seine Himmelfahrt zur Rechten des Vaters aus, wo wir mit Ihm vereint sind. In dieser Einheit mit Christus und dem Vater sind wir fähig grössere Werke zu vollbringen, eben Gottes Werk. Damit will dieses Fest nicht einfach schöne Theorie bleiben, sondern unsere ganze Lebenshaltung wandeln. Der Glaube, dass wir durch und mit Christus auf Augenhöhe mit Gottvater sind, gibt uns eine neue Freiheit, einen Wagemut, unser Leben mit Freude und Initiative in die Hand zu nehmen und sich für den Aufbau des Reiches Gottes einzusetzen. Das möchte ich vor allem den jungen Leuten, die hier sind, sagen. Weil Gott Grosses von mir hält, darf ich in aller Freiheit mein Leben wagen. Gott hat mich geschaffen, damit ich Ihm auf Augenhöhe von Angesicht zu Angesicht begegne. Gott will mir in die Augen schauen. Er wartet darauf, bis ich sein Blick erwidere.

Und ich sage euch, das ist eine ganz verrückt schöne Sache.