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Predigt an der Äusseren Feier des Festes Unserer Lieben Frau von Einsiedeln

20. Juli 2014, Klosterkirche, Abt Christian Meyer OSB, Kloster Engelberg

Liebe Mitbrüder aus dem Kloster Einsiedeln,
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben

In den beiden Lesungen, die wir soeben gehört haben, wird uns allen ein wichtiges Bild mit auf den Weg unseres Lebens gegeben: Ganz schlicht und einfach ausgedrückt: Gott ist mit uns vom Anfang des Lebens bis zum Ende. Wir müssen nur die unsere geistigen Augen und unser Herz auftun.

In der Lesung aus dem Brief an die Galater wird uns aufgezeigt, dass für uns alle als Getaufte ein neues Zeitalter begonnen hat. Es ist, wenn ich dies einmal so ganz einfach sagen darf, das Zeitalters des "Mit uns seins!". Es die Erfüllung der alten Verheissung: "Gott ist mit uns!". Dieser Gott wählt den Weg eines jeden Menschen, wie uns das Herzstück des Briefes an die Galater auch aufzeigt: "Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe die unter dem Gesetz stehen und wir die Sohnschaft erlangen."

Dieser Gott will nicht eine Extrawurst haben. Nein von Anbeginn weist der die Richtung: Er will den Weg des Menschen gehen. Auf diesem Weg zeigt er uns die unauslotbare und manchmal nicht zu ertragende Wahrheit unseres Lebens: Es gibt am Ende nur einen Ort, einen Punkt, in dem wir unser Leben festmachen können, auch wenn alles dagegen spricht in Leid, Schmerz und Sterben: Es ist Gott selbst.

Wenn wir davon überzeugt sind, dann können wir in unserem Herzen, in unserem Menschsein, dem Geist Jesu Platz machen, der je nach Lebenssituation und dem eigenen Befinden, dann vertrauensvoll ruft, betet, singt, schreit, weint, flüstert, stottert: "Abba, Vater!". Wir wissen ja alle, dass dieses "Abba, Vater!" eine sehr persönliche Anrede ist, wie "Papi, Dädi, Aetti". Sie wird nur gebraucht für jemanden den ich kenne, liebe und auch grundlegend vertraue. Darum nennet der Theologe Ebeling, übrigens liebe Mitbrüder von Einsiedeln, ein Lieblingstheologe von P. Magnus Löhrer sel., den er in seinen Vorlesungen oft zitierte, sagte zu dieser Stelle: "Das Abba in unseren Mund, ist gleichsam der Urlaut des Geistes."

Jesus hat diesen Urlaut des Geistes ausgesprochen. Nicht nur das, er hat auch den, ich sage es mal so, den leeren Raum dieses Urlautes des Geistes, stehen lassen. Er hat, wie wir es auch manchmal bis oft tun, die Gegenwart Gottes, die vertrauensvolle Hinwendung des "Abbas", des "Vaters" in sein Leben, in unser Leben, nicht konkret erfahren. Denken wir an die Versuchungen in der Wüste, denken wir an den Garten Getsemani, wo Jesus betete, dass der Kelch doch vorbeigehen solle, denken wir als er am Kreuz starb.

Diese Spannung hat Jesus selbst ausgehalten und ertragen, weil es für ihn keine Alternative gab.

Maria hat diese Spannung in ihrem Leben, wie übrigens alle biblischen Glaubensgestalten, lernen müssen auszuhalten. Am Ende gibt es nur das eine: Ganz in Gott zu vertrauen. Die alte Verheissung des "Gott ist mit uns!" hat sich in Jesus ganz erfüllt und erfüllt sich immer wieder, in jedem Leben von uns, wo wir das Vertrauen aufbringen, diesen leeren Raum freizuhalten, ohne ihn füllen zu wollen.

Ein wunderbares Beispiel für uns auch heute, ist dazu die Erzählung, die wir im Evangeliumsabschnitt von Johannes gehört haben. Schlicht und einfach zeigt Jesus als Gottessohn auf, was es heisst, "Gott ist mit uns!", indem er ganz trocken, aber mit allem nötigen Geist gefüllt sagt: "Frau, siehe dein Sohn; Siehe deine Mutter!". Dort, wo Menschen einander beistehen, für einander da sind, da ist Gottesgegenwart Wirklichkeit. Da ist Gott unscheinbar mit uns auf den Wegen des Lebens. Und dort wo wir alleine sind, da gilt es den leeren Raum die Abwesenheit auszuhalten, in der Gewissheit, dass er doch da ist.

Eine alte und fasst abgedroschene Geschichte, erhellt den gesagten Sachverhalt so:

Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder. Der ältere unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen. Sie pflügten ihre Felder zusammen und streuten gemeinsam das Saatgut auf das Land. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich grosse Stösse, für jeden einen Stoss Garben. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben zum Schlafen nieder. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und dachte bei sich: «Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder, und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht!»

Er stand auf und nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein. In der gleichen Nacht, geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: «Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?» Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoss des Älteren. Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder. Und jeder war erstaunt, dass die Garbenstösse die gleichen waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte darüber zum anderen ein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafen wähnte. Dann erhoben sich beide und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoss des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da liessen sie ihre Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe.

Gott im Himmel aber schaute auf sie herab uns sprach: «Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!»

Nur so werden wir alle, unsere Klostergemeinschaften, unsere grosse Gemeinschaft als Kirche mit den verschiedensten Gruppierungen, unsere Familien und Lebensgemeinschaft zu lebendigen Zellen der Gegenwart Gottes im Heute und jetzt.

Liebe Mitbrüder von Einsiedeln, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, Öffnen wir uns Gott und seiner Zusage, dass er auf den Wegen mit uns geht. Das ist das neue Zeitalter, indem wir leben. Öffnen wir uns den Menschen, die uns brauchen, wie Jesus und Maria es durch die Zeiten hindurch getan haben und tun. Öffnen wir uns für die kleinen Gesten in unserem Leben, in denen wir Gottes Gegenwart unter uns erfahrbar machen können durch unser eigenes tun. Öffnen wir uns, dass wir den leeren Raum, wo wir die Gegenwart Gottes in unserem Leben nicht zu spüren glauben, aushalten können. Dazu wünsche ich uns allen das nötige Vertrauen und den Beistand unserer Lieben Frau von Einsiedeln.

Amen.