Gemeinschaft

Seelsorge

Kultur

Schulen/Betriebe

Umfeld
Aktuelles
Archiv
Predigten
Newsletter

>> Home

[ print ]

 

Predigt zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel

15. August 2014, Klosterkirche, Weihbischof Herwig Gössl, Bistum Bamberg.

Im Radsport gibt es Rennen mit sogenannten "Schrittmachern". Auf einem speziell konstruierten Motorrad fährt der Schrittmacher voran und hinter ihm, in einem genau bemessenen Abstand, fährt in seinem Windschatten der Radrennfahrer. Auf diese Weise erreichen die Radfahrer höhere Geschwindigkeiten und können sie auch über längere Distanzen halten.

Ich weiß nicht genau, was die Ursache dafür ist. Sicher spielt der Windschatten eine wichtige Rolle. Aber ich denke eine besondere Bedeutung hat auch die psychologische Motivation, die von einem solchen Schrittmacher ausgeht. Er gibt die Richtung vor und das Tempo, und er ermutigt die ihm nachfolgenden, mit ihm Schritt zu halten, nicht ins Trödeln zu kommen und abzuhängen. Solche Schrittmacher-Funktionen übernehmen in Radteams auch oft Team-Kollegen – ganz ohne Windschatten, ohne Motor, aber motivierend und damit unersetzlich für die anderen im Team.

Wie komme ich auf dieses Bild – heute am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel? Es war die Lesung aus dem 1. Korintherbrief, die mich auf den Gedanken brachte. Da war von einem solchen Schrittmacher die Rede, von einem Schrittmacher auf dem Weg zum Leben, zum Himmel, und dieser Schrittmacher ist Jesus Christus. Er ist der erste der Entschlafenen – und dann folgen alle, die zu ihm gehören. Christus hat uns diesen Zugang zu Gott, zum Leben Gottes, zum ewigen Leben, zum Himmel aufgetan. Er geht uns voran und er zieht uns hinter sich nach, wie ein Schrittmacher die ihm folgenden Radfahrer. Doch der Abstand ist groß zwischen Christus, dem Sohn Gottes, und den Menschen, die ihm folgen. Da könnte man schon entmutigt werden und aufgeben wollen in all den Anstrengungen eines christlichen Lebens. Wie gut ist es da, wenn es auch einen Team-Kollegen als Schrittmacher gibt, einen der genau wie wir in die Pedale treten muss, und der uns trotzdem mitreißt durch sein Vorbild und seine Einstellung. Und das ist Maria!

Wir feiern heute Maria als die Frau, die uns zeigt, wo’s lang geht. Sie ist keine Halbgöttin, sie hat uns den Himmel nicht aufgeschlossen, aber als die Mutter ist sie ganz sicher die erste, die zu Christus gehört. Und so zeigt sie uns den Himmel als eine reale Perspektive für unser Leben und zieht uns hinter sich her als Schrittmacherin unseres Glaubens. In einem alten Gebet, das ich sehr schätze, heißt es: "Maria hilft mir in den Himmel hinauf." Ja, das tut sie, unsere himmlische Mutter, aber nicht indem sie uns alle eigenen Anstrengungen und Mühen erspart, sondern indem sie uns motiviert, indem sie uns Beine macht und den Himmel als reale Perspektive zeigt. Und, liebe Schwestern und Brüder, ich meine das haben wir gerade heute bitter nötig.

Woran wir heute in Mitteleuropa meiner Meinung nach am meisten leiden, das ist, dass wir den Himmel als Realität aus dem Sinn verloren haben. Alles spielt sich nur noch im Diesseits ab. Daher muss auch das Paradies sich im Hier und Heute ereignen. Wir suchen Urlaubsparadiese, Schlemmerparadiese, Wohnparadiese und paradiesische Zustände am Arbeitsplatz, aber das geht nur auf Kosten von anderen, der Schwächeren und Ärmeren. Wir erwarten auch von den zwischenmenschlichen Beziehungen den Himmel auf Erden – und schaffen tatsächlich oft nur die Hölle, weil der Ehepartner, die Kinder, die Eltern mit diesen Erwartungen hoffnungslos überfordert sind. Und selbst der Glaube ist – so scheint es – oft ganz aufs Diesseits bezogen: er soll zum Glücklich-Sein helfen, eine Art Wohlfühl-Faktor vermitteln und das irdische Leben verlängern. Und tut er das nicht, dann geht man eben anderswo auf die Suche.

Natürlich ist das Streben nach Glück und Zufriedenheit in diesem Leben nichts Schlechtes, wenn es denn verbunden ist mit dem Streben nach Gerechtigkeit. Natürlich dürfen wir uns freuen an unserem Glauben, heute an diesem Festtag in dieser prächtigen Kirche, mit dieser himmlischen Musik. Aber all das darf und will uns nicht verleiten, uns im Diesseits einzurichten, sondern muss uns auf den Himmel verweisen und dorthin auf die Spur bringen.

Was das ganz konkret bedeutet, das beweisen uns wie die Martyrer aller Jahrhunderte gerade unsere Glaubensschwestern und –brüder im Irak, die sich lieber von Fanatikern vertreiben und sogar massakrieren lassen, als ihrem Glauben abzuschwören. Da ist der innerweltliche Wohlfühlfaktor gleich Null, aber für die Realität des Himmels legen diese Christen ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel will uns motivieren, will uns Beine machen, auf den Himmel zuzugehen. Wir dürfen mit dem ewigen Leben bei Gott rechnen – und dieser gewaltige Horizont macht es überhaupt erst möglich, sich an diesem Leben in dieser Welt richtig zu freuen: Die Erwartungen an dieses Leben hier werden realistischer und der beschwerliche Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden wird möglich. Dies klingt ja auch in den Worten Marias im heutigen Evangelium an, im Magnificat, wo sie davon singt, dass sich im Angesicht Gottes die ungerechten Verhältnisse umkehren, die Mächtigen erniedrigt und die Niedrigen erhöht werden.
Maria geht uns voran. Als Schrittmacherin unseres Glaubensweges ist sie in den Himmel aufgenommen worden – mit Leib und Seele, wie das Dogma sagt. Sie ist also ganz zur Vollendung gelangt. Aber sie zieht uns hinter sich her, sie hilft uns in den Himmel hinauf.

Diese Perspektive macht uns stark und mutig und froh für ein Leben aus dem Glauben – hier und jetzt.