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Soldatenfotos aus dem Zweiten Weltkrieg an die Einsiedler Schwarze Madonna

"Führe doch unseren Eugen recht bald glücklich in die Heimat zurück"

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Vor Kurzem wurden im Kloster Einsiedeln einmalige Dokumente aus dieser Zeit entdeckt, die interessante Einsichten in das Innenleben von Soldaten an den Fronten Europas und deren sorgenvollen Angehörigen zu Hause gewähren.

Wer im Mittelalter nicht die Zeit oder aus einem anderen Grund nicht die Möglichkeit hatte, auf eine Pilgerreise zu gehen, musste deshalb nicht unbedingt auf die Gnaden einer Wallfahrt verzichten: In solchen Fällen konnte man nämlich gegen entsprechendes Geld jemanden als Stellvertreter schicken, der die Reise für den Auftraggeber unter die Füsse nahm. Als eine solche Stellvertreterwallfahrt der besonderen Art könnte man das Zustellen von Fotografien an einen Wallfahrtsort bezeichnen: War es einem aufgrund der bestehenden Situation nicht möglich, selber am Pilgerort zu erscheinen, konnte man wenigstens sein Bildnis hinschicken und auf diesem Weg seine Fürbitte vortragen, als ob man selber an Ort und Stelle wäre – etwa nach Einsiedeln, zum berühmten Heiligtum der Schwarzen Madonna.

Im Rahmen des hundertsten Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkrieges veröffentlichte der Luzerner Historiker Valentin Groebner verschiedene Artikel über die mehr als dreitausend Soldatenfotos, die in den Jahren zwischen 1914 und 1918 ins Benediktinerkloster Einsiedeln geschickt wurden, verbunden mit der innigen Fürbitte, dass die dort in einem mittelalterlichen Gnadenbild schon seit langer Zeit verehrte Muttergottes den Abgebildeten an Leib und Leben beschützen möge. Vor kurzem wurden nun im selben Kloster mehrere hundert weitere Soldatenfotos gefunden – dieses Mal jedoch zum Erstaunen aus dem Zweiten Weltkrieg, aus der Zeit jener grossen Menschheitskatastrophe, die vor genau 75 Jahren mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 ihren Anfang nahm.

Nicht mehr ganz so viele wie im Ersten Weltkrieg, aber immerhin rund sechshundert Soldaten empfahlen sich mit einer Fotografie dem Schutze Marias. Die zugeschickten Bilder sollten dabei nahe beim Gnadenbild niedergelegt werden, wie dies auch oft auf der Rückseite vermerkt wurde. Knapp die Hälfte der Männer ist darauf in Uniform abgelichtet, die Übrigen wählten ein Bild aus friedlicheren Zeiten, als der Anzug noch nicht gegen das Feldgrau getauscht werden musste. Viele der Bilder tragen auf der Rückseite einen kurzen Text, manchmal jedoch auch nur den Namen des Soldaten, vielleicht noch mit Geburtsdatum. Auf einigen stehen auch Hinweise auf den Beruf des Abgebildeten, vor allem wenn es sich um ehemalige Klosterschüler oder angehende Priester handelte, als ob man damit die Muttergottes noch huldvoller zu stimmen versuchte: "E. L. [in diesem und den folgenden Beispielen werden die Namen nur mit den Initialen widergegeben] Abiturient und angehender Theologiestudent. Seit August 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft. Liebe Gnadenmutter von Einsiedeln! Führe doch unseren Eugen recht bald glücklich in die Heimat zurück!" Vermerkt wurden diese Angaben von sorgenvollen Müttern, Gattinnen oder Geschwistern: "Hochwürdigster Herr Erzabt. Erlauben Sie mir diese letzte Bitte meines einzigen Bruders im harten furchtbaren Kampf an der kalten Ostfront und legen Sie dieses Bild der lb. Gnadenmutter unter den hl. Schutz. Vergelt’s Gott!" – "Cara Madonnina. Prega per il nostro fratello Luigi." Die Fotos hatten dabei die Absender in vielen Fällen selbst zugeschickt bekommen: "Zum Andenken an Deinen Sohn" notierte beispielsweise ein junger deutscher Offizier auf das an seine Mutter gesendete Foto.

Einzelne Bilder zeigen gleich mehrere Söhne oder Brüder, die für das Vaterland in den Krieg ziehen mussten. Auch Kinder bestürmten die Muttergottes mit Bildern ihrer an der Front kämpfenden Väter; viele schickten hierzu das Hochzeitsbild, vielleicht weil grad kein anderes Porträt zur Hand war, vielleicht auch, um den Himmel um die Rückkehr solch glücklicherer Tage zu bestürmen. Nicht wenige Soldaten schickten auch aus eigenem Antrieb Fotos nach Einsiedeln: "Liebe Gottesmutter beschütze mich!", schrieb etwa ein junger Soldat, der in Kampfmontur vor einem verwüsteten Dorf abgelichtet ist. Ein anderer fleht in etwas eigenwilliger Orthographie: "K. U. von Mimmerhausen im Krieg 1942 bittet der lieben Mutter Maria um Schutz vor groser Gefahr. Bite Du liebe Gottes-Mutter für mich damit ich mein Elternhaus wieder besuchen darf." Unter den Fürbittern befinden sich auch einige Priester, die als Feldprediger oder gemeiner Soldat ihre Bürgerpflicht zu erfüllen hatten und dafür um den himmlischen Schutz baten.

Einige Bilder hinterlassen den Eindruck eines verzweifelten Hilferufs, wenn etwa Angehörige um ein Lebenszeichen eines vermissten Sohnes, Bruders oder Gatten flehen: "Liebe Gnadenmutter von Einsiedeln! Führe doch bitte unser liebes vermisstes Kind recht bald & gesund an der Seele & am Leib zu seinen Eltern in die Heimat zurück & wenn er noch lebt, bewahre seine Seele vor allem Bösen." Oder: "Liebe Gnadenmutter, bringe unseren lieben Bruder wieder heim oder sage uns, wo er ist. Maria Hilf!" Andere hingegen wussten bereits um das traurige Schicksal ihres geliebten Angehörigen: Sie baten nunmehr um die ewige Ruhe des auf dem Schlachtfeld Gefallenen. SS-Leute, Soldaten des Afrikakorps, der Marine oder der Luftwaffe, junge Burschen der Hitlerjugend, hohe Offiziere gesetzteren Alters, Freiwillige des Frauenhilfsdienstes, Kämpfer auf Fotopostkarten, auf Studioporträts mit kitschigem Hintergrund oder im rauen Alltag hinter der Front, alleine oder mit Kameraden, in Galauniform, inmitten der Familie oder auf kleinen zurechtgeschnittenen Schnipseln – was aus ihnen geworden ist, kann der Betrachter kaum sagen. Ihre Bilder erzählen jedoch Geschichten des Krieges, wie nur sie es können: Sie künden vom Vertrauen auf Gottes Hilfe, von der Angst der Soldaten an der Front, von der Ungewissheit der Daheimgebliebenen und von der Ohnmacht aller Beteiligten.

Wie schon die Bilder der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, so liegen auch die Fotografien dieser Männer friedlich nebeneinander, ob sie nun zum Ruhme Italiens, Frankreichs oder des Dritten Reiches ihr Blut vergossen. Dazwischen sind auch Bildnisse von Schweizer Soldaten – auffällig viele aus den Kantonen Luzern und St. Gallen – zu finden, die fern ihrer Familien an der Grenze standen. Sie alle schickten ihre Fotos an diesen Ort, um sich im Schoss der Muttergottes zu bergen und sich inmitten des ohrenbetäubenden Kriegsgetümmels einen Ort des Friedens zu bewahren, wohin man wenigstens im Geist und im Gebet Zuflucht nehmen konnte. Einsiedeln scheint dabei für sie ein sicherer Fels in der Brandung gewesen zu sein, eine heile Insel inmitten tosender Meere. Die dortigen Mönche hatten jedoch – wenigstens zeitweise – eine ganz andere Wahrnehmung: Nachdem man nämlich bereits im November 1939 aufgrund der Erfahrung ausländischer Klöster erste Mitbrüder ausgesandt hatte, um in Argentinien für die Gemeinschaft einen möglichen Exilsort zu finden, fürchtete man sich um Pfingsten 1940 – wie in der ganzen Schweiz – auch im Kloster vor einem unmittelbaren Einmarsch deutscher Truppen. In grösster Eile wurden deshalb die Kostbarkeiten des Klosters in Kisten verpackt und in Sicherheit gebracht. Sich innerhalb der Grenzen des Réduits befindend war man von kampfbereiten Soldaten umgeben. Auch Evakuierungspläne für einen Teil der Mönche und die Studenten der klösterlichen Stiftsschule wurden ausgearbeitet, während man mit Letzteren den Aufbau von Zeltlagern übte und Lebensmittel auf Besitzungen in den Bergen brachte.

Genau fünf Jahre später schwiegen in Europa nach der Kapitulation Nazideutschlands die Waffen. Der Krieg war vorüber. Die Soldatenfotos jedoch blieben – obwohl auf einigen vermerkt steht: "Wird abgeholt". Sie blieben und bilden fortan ein Mahnmal an die nachkommenden Generationen: Nie wieder Krieg!

P. Thomas Fässler OSB