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Predigt an der Primiz von Pater Philipp Steiner

12. Oktober 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Schwestern und Brüder,
Lieber P. Philipp,

Ein Primizspruch ist so etwas wie ein Regierungsprogramm. In unserem Fall müssten wir es eher Dienstprogramm nennen. Dir, Philipp, war es wichtig, dass ich gerade dieses Programm aufnehme und zum Grundthema meiner Predigt mache: "Folge mir nach!"

Diese Aufforderung spricht Jesus zu Beginn seiner Tätigkeit nicht zu irgendjemandem, sondern gerade zum Apostel, dessen Name du seit deiner Taufe tragen darfst. Seit deiner Taufe stehst du persönlich unter diesem Anspruch der Nachfolge. Und wie reagierte damals der Apostel Philippus? Er zog nicht einfach hinter Jesus her, sondern rannte zuerst zu Nathanael und brachte ihn ebenfalls zu Jesus. Das ist schon das erste Merkmal der Nachfolge Jesu. Sie führt nicht auf einsame Wege, sondern in eine grössere Gemeinschaft. Du wirst nicht umsonst gerade eine Klostergemeinschaft für deine Form der Nachfolge gewählt haben.

Nathanael war zuerst sehr skeptisch: "Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen" (Joh 1,46)? Auch der Mann im Evangelium und vor allem die Jünger reagierten schockiert: "Wenn das so ist, wer kann dann noch gerettet werden" (vgl. Mk 10,26)? Der Ruf der Nachfolge – und das mag ein weiteres Merkmal sein – wirft Fragen auf, ja, erschreckt: "Damit kann doch nicht etwa Ich gemeint sein? Das ist unmöglich!" Der Ruf zur Nachfolge kommt oft recht unvermittelt, drängend und mit einer unausweichlichen Bestimmtheit. Nur Gott ruft so absolut. Als erste Reaktion auf diese scheinbare totale Überforderung möchten wir davonrennen. Je mehr wir aber die Widerstände niederlegen, umso mehr entdecken wir einen gangbaren Weg, der zu einer grösseren Liebe, zu einer neuen Freiheit führt.

Genauso wie Abraham aus der Sicherheit seines Landes, seiner Verwandtschaft und seines Vaterhauses ausziehen musste, um ins Gelobte Land zu kommen, genauso geht es jedem, der in der Nachfolge Christi aus seiner Bequemlichkeit und berechenbaren Sicherheit den Schritt ins unbekannte Grosse tut. Er weiss nicht, was kommen wird, aber er vertraut darauf, dass Grosses kommen wird. Wir bauen auf Verheissungen, nicht auf Sicherheiten. Nachfolge bedeutet immer ein Exodus aus Bekanntem, aus der eigenen Komfortzone hinein in Unbekanntes. Der Ruf der Nachfolge ist immer klar, aber selten präzis.

Der Schritt ins Ungewisse widerstrebt uns. Es geht uns auch gegen den Strich auf jemand anderen zu hören und ihm zu gehorchen. Wir möchten lieber selbstbestimmt unseren eigenen Weg verfolgen. Wer aber den Schritt wagt, wird Segen erlangen – nicht nur für sich, sondern für alle, weit über den eigenen Horizont hinaus. Von Abraham hat es geheissen, dass er zum Segen für alle Völker werde (vgl Gen 12,3).

Einen sehr wichtigen Aspekt habe ich bis jetzt sträflich unterlassen. Der Ruf der Nachfolge ergeht nicht nur an dich, Philipp. Der Ruf der Nachfolge hat schon deine Eltern erreichte auf ihre Weise Gott zu dienen. Der Ruf der Nachfolge ergeht genauso an deinen Bruder und deine Verwandten - als Getaufte zu leben. Durch die Taufe ergeht an jeden von uns der Ruf: "Folge mir nach!" Die Nachfolge Christi ist kein ausserordentlicher Weg, sondern der Normalfall. Wenn ich die Taufe ernstnehme, bin ich ständig der Angesprochene. Gott sucht in mir einen Partner, der Ihm auf gleicher Ebene antwortet, wie er mich angesprochen hat.

Genau das ist das Schöne an unserem Glauben. Gott ist nicht irgendein fernes, mächtiges Wesen, sondern ein naher Liebender, der sich selber hingibt, einer, der für mich in die Bresche springt und sozusagen sein letztes Hemd für mich hingibt. Er ist einer, der mich als wahres Gegenüber ernstnimmt. Deswegen lohnt es sich, alles zu lassen, um das eine, resp. den Einen zu gewinnen. Deswegen ist es eine erfüllende Freude, auf vieles zu verzichten, um Alles zu erreichen, resp. sich von dem alles Umfassenden ergreifen zu lassen. Deswegen kann es nichts Schöneres geben, als auf Ihn zu schauen, auf Seinen Ruf zu hören, weil er der absolute Gute, Schöne und Wahre ist. Auf Ihn hin sind wir geschaffen. Alles andere wäre zu wenig für uns. Nur der Absolute kann uns ganz erfüllen.

Und so wie dieser absolut Liebende sich für uns hingegeben hat, so sollen auch wir unser Leben hingeben. Gott ersehnt sich von uns eine adäquate Antwort: die Selbsthingabe. Dieses Hingeben des Lebens ist das Pascha, der Übergang vom Tod zum Leben, vom Karfreitag zu Ostern. Johannes sagt es in seinem Brief wie folgt: "Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Das ist der Inhalt unseres Lebens als getaufte Menschen. Das ist es, was wir hier als Klostergemeinschaft versuchen zu leben: den Übergang. Im Alten Testament haben die Israeliten dies "Pascha" genannt, den Übergang von der Sklaverei in die Freiheit. Dieses Pascha hat Jesus am Letzten Abendmahl neu gedeutet, damit wir in diesen Prozess des Überganges vom Tod zum Leben hineingenommen werden. Er sagt: "Das ist mein Leib für euch hingegeben" oder "Mein Blut für euch vergossen". Deswegen ist die Eucharistiefeier das Zentrum der Woche oder das Zentrum des klösterlichen Alltages – seit einiger Zeit feiern wir die Eucharistie tatsächlich in der Mitte des Tages. In der Eucharistiefeier wird unsere Hingabe hineingenommen in die Selbsthingabe Gottes. Hier vollziehen wir im Sakrament, was wir als Getaufte im Leben zu verwirklichen suchen. Hier vereint sich der Ruf Christi "Folge mir nach!" mit unserer Antwort "Ja, Amen, so sei es."

Gestern habe ich P. Philipp gesagt, dass ich das "Amen" in der Predigt schon gefunden habe, ich wisse aber nicht, ob dadurch meine Predigt schon abgeschlossen sei. Er antwortete mir ganz spontan: "Die Predigt solle sich fortsetzen im Leben!" Amen!