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Predigt an Allerheiligen

1. November 2014, Klosterkirche Einsiedeln, P. Cyrill Bürgi

"Die idealen Bedingungen heilig zu sein, ist heute hier gegeben"

Liebe Brüder und Schwestern
Wenn wir das heutige Evangelium hören, könnte es uns Angst und Bang werden. Die Seligpreisungen genau zu befolgen, hiesse ja, immer den Kopf zu neigen, hinten anzustehen und friedliebend und brav durch die Welt zu gehen. Kurzum: Sie hinterlassen uns das Gefühl, dass wir es in dieser Welt zu nichts bringen würden und im eigentlichen Leben zu kurz zu kommen. Gerade die Angst, zu kurz zu kommen, hindert uns daran, mit der Beziehung zu Gott ernst zu machen, unser Leben ganz Gott zu schenken. Es ist die Angst, zu kurz zu kommen, die uns fragen lässt, ob wir wirklich das Leben in Fülle finden, wenn wir uns ganz Gott schenken? Dieser Zweifel ist der Urzweifel des Menschen gegenüber Gott (vgl. Gen 3,2-6). Wir wollen auf Nummer sicher gehen. Und damit riskieren wir, uns selbst das Glück zu versperren, das uns in der Ganzhingabe an Gott geschenkt wird.

Die Kunst, ein Heiliger zu sein, muss darum wohl hier ansetzen: "Herr, nimm von uns die Angst, zu kurz zu kommen."

Ein zweites grosses Hindernis in unserer Selbsthingabe ist das Warten auf die idealen Bedingungen: wenn ich Zeit habe; wenn der Papst, der Bischof oder der Pfarrer so sind, wie ich sie mir wünsche; wenn ich alles im Griff habe; wenn die Gottesdienstzeiten meinem Rhythmus entsprechen; wenn ich in der richtigen Stimmung bin; wenn ich die richtige Arbeit habe usw. Dabei vergessen wir etwas Entscheidendes: Weder wir selbst noch die anderen müssen zuerst ideale Bedingungen schaffen, um auf dem Weg zur Heiligkeit zu sein. Die Heiligkeit besteht gerade darin, dass wir uns in jeder Situation – und mag sie noch so wenig ideal sein – uns ganz Gott anvertrauen. Wir legen unser konkretes Leben in Gottes Hände, nicht das ideale.

Niemand von uns wächst unter neutralen Bedingungen auf. Wir sind alle geprägt von unserer Herkunft, unserer Erziehung, den gemachten Erfahrungen. All dies kann, wie wir wissen, auch eine sehr grosse Belastung darstellen. Aber es ist kein Hindernis, heilig zu werden. Unser Charakter, die physischen und psychischen Gebrechen, das Ungenügen und das Versagen sind Teil unserer Persönlichkeit. Wir können das als Entschuldigung brauchen, um bei uns selbst stehen zu bleiben, oder wir können uns damit ganz Gott anvertrauen.

Vor einem Jahr wurde in Linz der Österreichische Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstetter selig gesprochen. Er selbst war ein uneheliches Kind und an seiner Seligsprechung war neben seiner Frau auch seine uneheliche Tochter anwesend. Gerade dieses Faktum zeigt, dass Heilige nicht Menschen sind, bei denen alles rund gelaufen ist. Auch der hl. Augustinus hatte einen unehelichen Sohn.

Vor drei Wochen wurde die Schweizerin Mutter Maria Bernarda Bütler heilig gesprochen. Sie sagte einmal mit Rückblick auf ihr Leben: "In meinem 75 Jahren habe ich von früher Jugend an so viel […] (Schweres erfahren), dass ich an Leib und Seele völlig zermürbt worden wäre: aber Jesus hat mich gestärkt und geleitet. Es gab Zeiten, wo ich von keiner Seite weder Rat noch Trost noch Hilfe empfing. Gott, der Herr, sei jetzt am Abend meines Lebens gepriesen für alles, jetzt und ewiglich."

Heilige haben sich nicht von negativen Bedingungen hindern lassen. Sie sind Menschen, die nicht liegen geblieben sind, die sich nicht mit dem Mittelmässigen zufrieden gegeben haben. Sie haben sich immer wieder aufgerafft: Wer 1000mal fällt und 1001mal aufsteht, ist ein Heiliger, so sagt Helder Camara. Nicht das Fehlen von Sünden macht den Heiligen aus, sondern das Wiederaufraffen und Vorangehen auf der Gottsuche.

Ein drittes Hindernis auf dem Weg zur Heiligkeit hängt eng mit dem zweiten zusammen. Wir vergleichen unsere vielleicht schwierige Situation mit anderen. In diesem Vergleich passiert es leicht, dass wir die Situation der anderen idealisieren. Wir vergleichen unsere konkrete Situation mit allen Schwierigkeiten mit einer idealen Situation, die es so nicht gibt. Kein Mensch lebt in einer idealen Situation. Wenn wir ehrlich auf das Leben der Heiligen schauen, werden wir entdecken, dass keine und keiner von ihnen in einer idealen Situation gelebt hat. Das ruft uns das Fest von Allerheiligen deutlich in Erinnerung. Die Heiligen waren Menschen wie du und ich.

Bezüglich idealer Situation haben wir die gleichen Bedingungen wie alle Heiligen. Wir murren über die Zustände, in denen wir leben müssen. Aber Gott traut uns zu, dass wir an diesem Ort Heilige werden können. Wir murren über die Mitmenschen, mit denen wir auf dem Weg sein müssen. Aber Gott traut uns zu, dass wir mit diesen Mitmenschen heilig werden können. Wir beklagen die Bedingungen und Anordnungen in der Kirche und vergessen dabei, dass nicht neue Strukturen zur Heiligkeit verhelfen, sondern die Beziehung mit Christus im Hier und Jetzt.

Gibt es den idealen Ort der Gottsuche? Ja, es gibt ihn. Das Fest Allerheiligen spricht klar dafür. Der ideale Ort für unsere Gottsuche ist dort, wo wir daheim sind. Und dies ist der ideale Ort, weil Gott uns dort sucht. Und die ideale Situation ist immer jetzt, weil Gott uns jetzt sucht. Hier und heute will Gott bei uns sein!

Wie leicht machen wir uns selbst etwas vor! Statt die Kirche zu lieben, lieben wir das Idealbild, das wir von der Kirche haben. Statt die konkrete Pfarreifamilie zu lieben, lieben wir das Idealbild, das wir von einer Pfarrei haben. Statt den Nachbar oder den Arbeitskollegen zu lieben, lieben wir das Idealbild, das wir von einem Menschen haben.

Die Kirche ist nicht ein Ideal, das wir zu verwirklichen hätten, sondern es ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen.

Wenn aber die Kirche nicht ein Ideal ist, das es zu realisieren gilt, sondern eine Gott gegebene Wirklichkeit, dann ist es grosse Gnade, wenn die eigenen Idealvorstellungen bald möglichst zum Scheitern gebracht werden. Die grosse Enttäuschung über die Andern, über die Christen im Allgemeinen und, wenn es gut geht, auch über uns selbst, ermöglicht erst offene Augen für Gottes Gegenwart und Wirken in der jetzt und hier gegebenen Glaubens¬gemein-schaft, die wir ausmachen.

Ein Idealbild ist kein Realbild der Gegenwart Gottes. Ein Wunschtraum wird zum Albtraum des Hier und Jetzt. Wer seine Idealvorstellungen mehr liebt als die Realität, tritt als Fordernder auf und richtet danach die Mitmenschen und Gott selbst. Er tut, als habe er erst die Kirche Gottes zu schaffen und verkennt deren Realität. So wird er erst zum Ankläger seiner Mitmenschen, dann zum Ankläger Gottes und zuletzt zum verzweifelten Hasser seiner selbst. Weil Gott den einzigen Grund der Kirche schon gelegt hat, Jesus Christus, brauchen wir sie nicht neu zu definieren. Weil Gottes Reich schon Wirklichkeit ist, brauchen wir nicht Wunschbildern nachzurennen.

Wenn wir die Gegenwart Gottes im Hier und Jetzt erkennen, treten wir nicht als Fordernde, sondern als Dankende und Empfangende in das gemeinsame Leben mit anderen Christen. An Allerheiligen danken wir Gott für das, was er an uns getan hat. Wir danken Gott, dass er uns Menschen gibt, die unter seinem Ruf, unter seiner Vergebung, unter seiner Verheissung gelebt haben und heilig geworden sind. Wir beschweren uns nicht über das, was Gott uns nicht gibt, sondern wir danken Gott für das, was er uns täglich gibt. Und ist es nicht genug, was uns gegeben ist: Mitmenschen, Brüder und Schwestern, die in Sünde und Not mit uns unter dem Segen seiner Gnade dahingehen und versuchen, da wo sie leben heilig zu sein?

Liebe Brüder und Schwestern,
Wir legen unsere konkrete Situation in Gottes Hände, nicht die ideale. Wir haben unsere unheiligen Geschichten. Die Heiligen hatten auch ihre unheiligen Geschichten. Sie hatten ihre Berufung keineswegs unter idealen Bedingungen gelebt. Sie haben sich aber nicht davon hindern lassen, sondern haben sich wieder neu aufgemacht, Gottes Gegenwart im Hier und Jetzt zu suchen. Mit Gottes Hilfe haben sie die Angst überwunden, dabei zu kurz zu kommen. Wie sie dürfen wir voll Zuversicht unsere Leben Christus schenken, damit er es einmal vollende in der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater.