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Predigt an Maria Empfängnis 2014

8. Dezember 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, in den für mich schönsten Marienkirchen Roms zu sein und zu beten: in Santa Maria Maggiore und in Santa Maria in Trastevere. In beiden Basiliken befinden sich hinter dem Hochaltar wunderschöne, reiche Fresken aus dem Mittelalter. In Santa Maria Maggiore setzt Christus seiner Mutter Maria die Krone auf. Es geschieht also im Bild, was wir an Maria Himmelfahrt und an Maria Krönung feiern: Christus krönt das Leben Marias, indem er sie ganz in das Leben des dreifaltigen Gottes hineinnimmt. In Santa Maria in Trastevere nun habe ich für mich ein Bild für das heutige Fest gefunden: Christus legt seinen Arm um seine Mutter, sie ist damit gleichsam vom göttlichen Leben umfangen, darin aufgehoben, oder um es mit den Worten des Engels im heutigen Evangelium zu sagen: Maria ist die Begnadete: der Herr ist mit ihr.

Begnadete – Gnade, meine Lieben, steht im Gegensatz zur Sünde. Während die Sünde die Abwesenheit von Gott in unserem Leben meint, das Getrenntsein vom Leben Gottes, ist Gnade die Anwesenheit Gottes im Leben des einzelnen Menschen und in der Gemeinschaft der Kirche. Sünde heisst darum in erster Linie nicht: ich habe etwas falsch gemacht; etwa ich habe gelogen, ich habe gestohlen. Die Sünde sollte nicht auf Moral reduziert werden. Und so sehen heute ja leider viele Menschen die Kirche: einzig als moralische Instanz, die sagt, was wir vor allem nicht tun dürfen! Den Menschen in Sünde kann Christus zuerst einmal nicht umarmen, weil dieser Mensch nicht offen für das Leben Gottes ist, weil der Mensch sich wie Adam und Eva im Paradies versteckt, anstatt das Gegenüber Gottes zu sein und sich lieben zu lassen. Dass der Mensch sich dann auch moralisch vergeht, dass der Mensch also etwas macht, das gegen das Leben gerichtet ist, das Gott für uns Menschen möchte, ist eine Folge davon, dass wir Menschen nicht wir selbst sind, dass wir uns verstecken und darum etwa zu lügen beginnen oder gar zu töten. Sünde geht also tiefer als unser Tun: Sünde trennt uns vom Leben Gottes.

Heute nun feiern wir Maria, die ohne Sünde empfangen wurde: Sie lebte also von Anfang an in der Umarmung Gottes, in der Gnade. Und gerade so wichtig ist: Maria hat diese Gnade nicht für sich behalten, sondern weitergegeben, sie hat der Welt Christus gegeben, was wir in ein paar Tagen an Weihnachten feiern. Und diese Aufgabe dürfen wir alle wahrnehmen, wir sind so gesagt alle ein Stück weit wie Maria und dürfen der Welt Christus weitergeben!
Papst Franziskus hat heute vor einer Woche im Gespräch mit der Schweizer Bischofskonferenz uns Hirten ein Bild mitgegeben, das er gerne verwendet: Wir sollen wie der Mond sein: für andere eine Orientierung, ein Licht, und das im Bewusstsein, dass nicht wir von uns aus leuchten, wir uns also nicht selbst verkaufen müssen, sondern dass das Licht von der Sonne kommt. Und da Maria oft dargestellt wird, wie sie auf der Mondsichel steht, darf diese marianische Haltung auf uns alle angewandt werden: Christliches Leben heisst nicht zuerst etwas tun oder nicht tun, sondern das sich Hineinstellen in das Licht Christi! Je mehr wir uns von Ihm bescheinen lassen, desto mehr werden wir leuchten, sein Licht ausstrahlen und das Gute für uns und andere tun wollen.

"Sei gegrüsst Du Begnadete", sagte der Engel zu Maria. Liebe Mitchristen, zuerst kommt der Anruf Gottes an uns, das Licht der Sonne für uns, bevor wir dieses Licht zu anderen tragen können. Nun ist das aber alles andere als eine einfache Angelegenheit. "Sie erschrak über diese Anrede", heisst es zur Reaktion von Maria. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott kann im Leben eines Menschen eine Erschütterung sein. Wir fühlen uns oft einfach zufrieden mit unserem Leben und versuchen es in sichere Bahnen zu leiten; da kann die Begegnung mit Gott eigentlich nur stören. Wenn uns nun aber Gott wirklich im Innersten erschüttert, werden wir herausgerissen aus einer falschen und unechten Sicherheit. Wir spüren im Tiefsten, dass wir nicht echt sind, uns teilweise etwas vormachen und oft durchaus nicht bereit sind, dass der Hl. Geist in unserem persönlichen Leben oder im Leben der Kirche etwas verändern möchte. Marias Antwort auf den göttlichen Anruf, auf ihr inneres Erschüttert-Werden: "Mir geschehe, wie du gesagt hast", ist darum alles andere als einfach nachzuvollziehen. Ihre Reaktion zeigt uns: Bevor wir uns fragen, wie wir am besten gut und richtig leben können, müssen wir uns fragen, ob Gott bei uns überhaupt eine Chance hat, uns zu erschüttern und aufzurütteln. Bevor wir Gott in unser System von Glaube und Kirche einbauen, sollten wir uns von Ihm zuerst ansprechen lassen und unser Leben von Gott her verstehen. Denn Gott bringt das Licht, Er ist die Sonne, wir haben die befreiende marianische Aufgabe, nicht uns selbst zu verkünden, sondern wie der Mond Gottes Licht in unserem Leben zum Leuchten zu bringen.

Liebe Brüder und Schwestern, in Santa Maria in Trastevere legt Christus seinen Arm um seine Mutter Maria, sie ist so ganz in der Gnade, im Leben Gottes. Das ist das erste und das Wichtigste, was wir als Christinnen und Christen leben dürfen: uns von Gott umarmen lassen. Auch wenn diese Begegnung uns erschüttern kann und sogar soll: Erst aus einer solchen Gotteserfahrung heraus werden andere Menschen dieses göttliche Licht, das durch uns leuchtet, für sich entdecken können. Heute in der Kommunion werden wir von Gott einmal mehr ganz tief und fest umarmt. Bringen wir danach diese Umarmung zu denen, die sich nach Echtheit und göttlichem Leben sehnen! Amen.