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Predigt in der Heiligen Nacht 2014

24. Dezember 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Jean-Sébastien Charrière

Liebe Schwestern und Brüder

Als man am Fuss des Tannenbaums einen kleinen Bub fragte, welche Krippenfigur er am liebsten sein würde, schaute er mit seinen grossen Kinderaugen die Darstellung an und antwortete unbekümmert und ohne zu zögern: der Esel.
So eine überraschende und gleichsam tief theologische Antwort konnte fast nur von einem kleinen Kind kommen! Vielleicht deshalb, weil ihnen und ihresgleichen das Himmelreich gehört (siehe Markus 10,14)! Ja, der Esel ist uns allen ein Vorbild! Und wenn Gott in der Geschichte von Bileam (siehe Numeri 22,21ff.) schon einen Esel sprechen liess, fühle ich mich ermutigt, auch in dieser Heiligen Nacht über Esel zu sprechen!

In den Weihnachtserzählungen erwähnen die Evangelien nirgends einen Esel. Aber ein Stall in der damaligen Zeit ist kaum ohne Esel zu denken. Noch heute sind Esel im Nahen Osten sehr beliebt. Sie sind bescheidene Reittiere, die mit Ausdauer erstaunlich schwere Lasten tragen können. Und dies sogar auf steilen und holprigen Wegen! Nicht umsonst wiederholte der heilige Papst Johannes der dreiundzwanzigste gerne: "Da wo die Pferde versagen, schaffen es die Esel".
Aber falls der Stall in Bethlehem verlassen und leer war, können wir wohl annehmen, dass die hochschwangere Maria von Nazareth bis nach Bethlehem auf dem Rücken eines Esels gereist ist. So hätte der Esel selbstverständlich auch seinen Platz im Stall gefunden, und dem Kind durch seine Gegenwart sogar Wärme gespendet.

Der spirituelle Zusammenhang von Ochs und Esel in der Weihnachtsgeschichte ist beim Propheten Jesaja zu finden. Im Kapitel 1 steht geschrieben: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht (Jesaja 1,3)". Im Gegensatz zum Volk Gottes stehen hier Ochs und Esel als Sinnbild für Einsicht, Erkenntnis und pragmatische Weisheit. Die Anwesenheit der beiden Tiere bei der Krippe sollte uns nachdenklich machen: Kenne ich, wie der Ochs, meinen Besitzer - wer oder was tatsächlich Macht und Einfluss auf mein Leben hat? Weiss ich, wie der Esel, wo mein tägliches Brot zu finden ist - das, was mich tatsächlich stärkt und nährt? Handle ich danach wie Ochs und Esel?
Selbst durch seine Gestalt ist uns der Esel ein Vorbild. Mit seinen vier Beinen steht er fest auf der Erde. Er gaukelt sich nicht etwas vor. Demütig und stark bleibt er verankert auf dem Boden der Realität. Seine zwei langen Ohren hingegen sind zum Himmel hin ausgestreckt. Er hört zu, was vom Himmel kommt. Höre ich auf das Wort Gottes, auf die Tradition? Nehme ich mir Zeit für Stille, Geistliche Lesung, Gebet und Auseinandersetzung? Wie beim Esel muss aber unsere Spiritualität Ohren und Beine haben! Der Apostel Jakobus würde sagen: "wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot" (Jakobus 2,26). Bin ich hilfsbereit? Teile ich Zeit, Raum, Kenntnisse und Güter mit Bedürftigen? Setze ich mich ein für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Liebe?

Wir haben uns viel zu sehr an das Weihnachtsgeheimnis gewöhnt. Wir merken nicht mehr einmal wie schockierend Weihnachten ist, wie Gott alle Konventionen sprengt, um uns zu treffen, da wo wir sind, in unserem Stall. Es ist merkwürdig, dass Gott nicht im Tempel von Jerusalem, dem Haus Gottes auf Erden, Mensch wird. Er scheint alles zu ignorieren, was die Religion als Gebäude und Zeremonien zu seiner Ehre aufgebaut hat! Der wahre König des Universums stellt sich auch in Gegensatz zum Weltherrscher Augustus - übersetzt: "der Erhabene". Der Immanuel – Gott mit uns - verzichtet auf seine Macht, seinen Reichtum und seine Kraft. Er kommt nicht in einen Palast, sondern nackt, ohnmächtig, arm und schwach in einen Stall. Er kommt dorthin, wo Tiere, wo Esel und Ochs, ihren Platz haben. Mist, Spinnennetze, Heustaub jagen ihm keine Angst ein. Auch unsere Sünden, unsere dunklen Seiten und schlechten Gewohnheiten erschrecken ihn nicht. Er braucht nur eine offene Türe, unser "Ja", um in unserem Leben gegenwärtig zu werden. Das Brot des Himmels liegt sogar in einer Krippe, einem Futtertrog, um die Tiere zu füttern. Wir können uns im Wort und Sakrament bei ihm stärken.
Die Hinweise, die die Engeln den Hirten gegeben haben, um Gott zu erkennen, sind Einfachheit, Bescheidenheit, ja Banalität: "Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt". Was ist da besonders? Entspricht das unserem Verständnis von "Retter, Messias und Herr"? Wahrscheinlich nicht! Gott kommt in die Bescheidenheit des Alltags. In unserer Jagd nach Events und Erlebnissen, in unserer Flut an Informationen und Hektik, können wir Gott leicht übersehen und dabei meinen, dass er weit weg von uns sei! Oder sogar abwesend! Ja, sind wir noch fähig ab und zu ruhig zu sein – ruhig zu bleiben -, das Gewöhnliche, die Banalität anzunehmen und anzuschauen, wie der Esel Gott in seiner Krippe anschaut?

Der Esel und die Krippe erinnern uns daran, dass "was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, (...). Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, (...). Das Geringe vor der Welt und das Verachtete - das, was nichts ist - hat Gott erwählt, (...)" (1Korinther 1,27-29). Das ganze Geheimnis werden wir nie verstehen. "Wir sind nur Ochse und Esel gegenüber dem Ewigen Gott" schrieb Papst Benedict in einer Weihnachtsmeditation. Die Esel aber kennen ihren Herrn. In der Bibel sind sie Symbol für Bescheidenheit, Frieden und Demut (siehe Genesis 49, 14-15); Tugenden, die uns helfen, Gott zu begegnen. Deshalb hat Gott, so wie der Prophet Sacharja es verkündet hatte, einen Esel erwählt, um am Palmsonntag in die Stadt Jerusalem getragen zu werden: "Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel" (Sacharja 9,9). Gott erwählt auch uns, um in die Welt getragen zu werden. "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast" (Lukas 10,21), betete Jesus.

Liebe Schwestern und Brüder
Als man den kleinen Bub fragte, warum er nicht etwa Josef oder ein Hirt, oder einer der Drei Könige mit ihren Schätzen und prächtigen Kleidern, gewählt hat, antwortete er, dass der Esel Jesus am nächsten an der Krippe steht.
Ja, da ist das ganze Weihnachtsgeheimnis. Es geht um Nähe. Eine Nähe, die uns verwandelt. Gott macht sich klein. Er macht sich uns ganz nah, damit wir uns ihm ebenfalls leicht nähern können. So schreibt Jakobus in seinem Brief: "Sucht die Nähe Gottes; dann wird er sich euch nähern" (Jakobus 4,8). Die Kinder und Esel sowie ihresgleichen haben es verstanden! Selig sind sie! Amen.