Gemeinschaft

Seelsorge

Kultur

Schulen/Betriebe

Umfeld
Aktuelles
Archiv
Predigten

>> Home

[ print ]

 

Predigt am Fest der hl. Familie 2014

28. Dezember 2014, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Philipp Steiner

Meine Grossmutter lebte die letzten Jahre bis zu ihrem Tod in einem alten Haus wenige Schritte von der Ingenbohler Pfarrkirche entfernt. Ich ging unser "Chilägrosi", wie wir sie liebevoll nannten, immer gerne besuchen, denn bei ihr war es so ganz anders als bei uns zu Hause. Alles in ihrer Wohnung atmete den Hauch vergangener Tage: Der Holzofen in der guten Stube, die niedrige Decke und der knarrende Fussboden oder auch der uralte Kaffeekocher in der kleinen Küche. Die Zeit schien dort irgendwie stehen geblieben zu sein.

Diesen Eindruck hatte ich auch von jenem grossen Bild, welches hinter Glas in einem dicken, goldenen Rahmen über Grossmutters Bett hing. Darauf war in kitschig-frommer Weise die Heilige Familie dargestellt: Das kleine Jesuskind zusammen mit Maria und Josef inmitten ländlicher Idylle.

Das Bild stammt aus einer für uns heutige Menschen mentalitätsmässig sehr fernen Zeit. Und es führt uns in gewissem Sinne auch zu den Ursprüngen des heutigen Festes. Mit der Verehrung der Heiligen Familie im 19. und 20. Jahrhundert reagierte die Kirche auf die sozialen Folgen der Industrialisierung und der damit einhergehenden Zerrüttung traditioneller Familienstrukturen. Das Ideal der Heiligen Familie sollte die gefährdeten Familien zu einem christlichen Lebenswandel anregen.

Ich weiss nicht, wie sehr sich diese malerische Darstellung der Heiligen Familie über dem Ehebett meiner Grosseltern auf das konkrete Familienleben ausgewirkt hat. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass das Leben in einer 18-köpfigen Schwyzer Bauernfamilie herzlich wenig mit der frommen Familienidylle auf jenem Bild zu tun hatte. Aber noch drängender stellt sich uns doch die Frage, ob sich die reale Familie von Nazareth in diesem Bild wiedergefunden hätte?

Ich glaube übrigens nicht, dass das Bild der Heiligen Familie nach dem Tod meiner Grossmutter den Weg in das Schlafzimmer eines ihrer Kinder oder Enkel gefunden hat. Wieso auch?!

Denn ein solch idealisiertes Familienbild taugt nicht für unsere Zeit. Es suggeriert, dass nur eine "heile" Familie auch eine "heilige" Familie sein kann. Damit macht es die Familie als Institution derart sakrosankt und abgehoben, dass dieses Idealbild der christlichen Familie als gar nicht mehr nachahmungsfähig angesehen werden kann. Denn Ideale können auch überfordern und das Perfekte ist oft Feind des Guten. So wird auch aus dem besten Ideal nur allzu leicht eine unerreichbare Utopie.

Einen sehr viel realistischeren Blick auf die Heilige Familie vermittelt uns hingegen das heutige Evangelium. Es führt uns in den Tempel von Jerusalem, wo Jesus von seinen Eltern Gott geweiht werden soll. Bei diesem Besuch im Tempel begegnen Maria und Josef dem greisen Simeon, der eine Prophezeiung ausspricht: der kleine Knabe in den Armen seiner Mutter sei "Licht, das die Heiden erleuchtet" und "Herrlichkeit für das Volk Israel".

Doch es bleibt nicht bei dieser hoffnungsvollen Vorhersage. Schon ganz anders klingen Simeons Worte, wenn er sagt, dass das Kind "ein Zeichen sei, dem widersprochen wird" und dass Maria "ein Schwert durch die Seele dringen" wird.

Die erhoffte Familienidylle zerplatzt also spätestens in diesem Augenblick wie eine Seifenblase. Schon leuchtet das Kreuz über dem Leben Jesu und seiner Mutter auf. Doch dies ist nur ein Beispiel dafür, dass es selbst in der Familie Jesu alles andere als einfach nur idyllisch zu und her ging. Auch die Flucht nach Ägypten und das Verlieren des 12jährigen Jesus im Tempel werden ihren Einfluss auf das Familienleben gehabt haben. Am meisten bewundere ich Josef, der einen Sohn aufzieht, der nicht sein eigener ist.

Die Heilige Familie war also keineswegs eine "heile Familie". Und trotzdem – oder gerade deswegen! – kann und soll uns diese Familie Vorbild sein! Denn gerade in diesen schwierigen Situationen – in der Erfahrung des Fremdseins, des Verlierens, des Unverständnisses des eigenen Kindes – bewährt sich diese Familie aus Nazareth. Maria und Josef sind bereit, ihre eigenen Lebenspläne immer wieder von Gott durchkreuzen zu lassen. Sie verzichten auf eine Lebensgestaltung allein nach ihren Vorstellungen und ziehen ein Kind auf, das ihnen von Gott anvertraut worden ist. So beweisen sie eine grundsätzliche Offenheit für den Willen Gottes.

In dieser Familie setzte sich die Mensch-Werdung des Sohnes Gottes schliesslich fort, bis zu dem Tag, als es galt, Abschied zu nehmen.

Denn Jesu Horizont war weiter gefasst als die eigene kleine Familie oder die dörfliche Gemeinschaft von Nazareth. Er bricht auf, um Menschen in seine Nachfolge zu rufen und so eine neue, universale Familie zu gründen, deren Angehörige Gott ihren Vater nennen dürfen.

Von dieser Familie Gottes spricht auch der Apostel Paulus in seinem Brief an die Kolosser. Dort legt er der Gemeinde einen eigentlichen "Familienspiegel" vor. Einige der dort erwähnten Punkte können auch uns helfen, unser Familien- oder Gemeinschaftsleben auf einen tragfähigen Boden zu stellen.

Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld sollen nach Paulus unser Zusammenleben prägen. Besonders betont er das gegenseitige Verzeihen und nennt auch gleich die Begründung dafür: "Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!" Diese Bereitschaft zur Vergebung hat ihre tiefste Motivation in der Liebe, denn nach Paulus ist sie "das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht." Ich bin davon überzeugt, dass es genau diese Liebe war, welche in der Familie von Nazareth gelebt wurde und diese schliesslich zur "Heiligen Familie" werden liess.

Liebe Brüder und Schwestern, ich weiss nicht, was bei Ihnen im Schlafzimmer über dem Bett hängt. Sollte es sich tatsächlich um eines dieser vom Aussterben bedrohten Bilder der Heiligen Familie handeln, dann werfen Sie es trotz meinen oben angebrachten Kritikpunkten nicht weg.

Denn wir brauchen Ideale, die uns zeigen, in welche Richtung wir uns bewegen können und sollten. Und wir brauchen richtig verstandene Bilder, die uns zeigen, dass eine heilige Familie auch in unserer Zeit keine fromme Utopie ist, sondern reale Möglichkeit, wenn wir Gott in unseren Familien und Gemeinschaften Raum schenken.

So werden unsere Familien zwar keine "heilen" Familien, wohl aber Familien, welche sich Gott und seiner Heiligkeit öffnen.

Amen.