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Predigt an Neujahr 2015

1. Januar 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn ein Mitbruder in den langen Klostergängen im Gegenlicht entgegenkommt, erkennt man sofort, wer er ist. Seine Silhouette und seine Gangart verraten ihn. Bevor Sie einen Hand geschriebenen Brief lesen, wissen Sie, von wem Sie ihn erhalten haben. Sie kennen die Handschrift der Menschen, mit denen Sie Umgang haben. Jeder hat seinen Stil sich auszudrücken, sich zu kleiden und sich zu verhalten. Jeder hat seine Art und Weise, etwas zu fragen, heikle Themen anzusprechen oder um Verzeihung zu bitten. Wir unterscheiden uns, in der Art und Weise zu lachen oder zu weinen. Jeder hat seinen Führungs- oder Verführungsstil.

Wenn wir über alte Lehrer, Mitbrüder oder verstorbene Verwandte sprechen, werden solche Eigenarten besonders unterhaltsam demonstriert. Jeder und jede hat seine Handschrift, seinen Stil.

An Weihnachten wird uns der Stil Gottes ganz deutlich bewusst gemacht. Gott zeigt sich in Einfachheit und Armut. Er verbirgt sich in der Ohnmacht eines Kleinkindes.

Maria, ein schlichtes junges Mädchen, ist die Mutter des Gottessohnes. Wie alle um sie herum, versteht sie nicht was abgeht. Sie kann nur mit den anderen staunend erahnen, welches Geheimnis sich in ihrem Kind auftut. Sie "bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach." Mit diesem Meditieren erkennt sie allmählich die Handschrift Gottes. Ja, sie selber wird zu einem Kennzeichen der Handschrift Gottes. Es ist nicht von ungefähr, dass wir gerade zu Beginn eines neuen Jahres ihr Fest feiern. Sie ist die Handschrift Gottes.

Seine Handschrift erkennen wir aber schon in der Schöpfung. Denken wir an die Vielfalt und Schönheit. Denken wir an den Überfluss und die Kreativität, an die Schöpfungskraft und Urgewalten oder auch an die Milliarden von Jahren bis der Mensch in Erscheinung tritt. Offenbar hat es Gott gar nicht so pressant.

Gott begnügte sich damit, von vielen Völkern auf sonderliche und abwegige Weisen verehrt zu werden, bis er sich endlich Abraham und Mose offenbarte. Ist nicht gerade die Geduld und Barmherzigkeit, die Zurückhaltung und Freiheit schenkende Weise Kennzeichen Gottes in der Beziehung zum Volk Israel? Gott lässt sich Zeit, bis er sich als der eine wahre Gott offenbart. Er lässt aber auch seinen Geschöpfen Zeit, ihn zu erkennen und lieben zu lernen. Der Brief an die Galater drückt dies sehr schön aus: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn." Gott liess den Moment reifen und wachsen bis zur Fülle der Zeit.

Für uns ungeduldige Menschen ist es beispiellos schwer, die Fülle der Zeit abzuwarten. Wir möchten immer alles nullkomaplötzlich hier und sofort.

Mit einem anderen Merkmal Gottes haben wir auch ständig zu kämpfen. Zwar bekennen wir es in jeder heiligen Messe und doch bleibt es weiterhin ein Geheimnis. Gott zeigt sich und er entzieht sich gleichzeitig. Christus schenkt sich wahrhaft in der Eucharistie und er ist doch nicht fassbar. Es bleibt eben ein Geheimnis des Glaubens.

Gottes Handschrift setzt sich in unserem Leben fort. Sie ist eindeutig erkennbar und doch nicht fassbar. Vielleicht müssten wir vermehrt wie Maria alles, was in unserem Leben "geschehen war, im Herzen bewahren und darüber nachdenken." Gott ist gegenwärtig mit einer Zurückhaltung, die uns fast das Gegenteil glauben macht. Stetig und ohne nachzulassen führt er uns zu einer grösseren Freiheit der Liebe. Mit einer drängenden Geduld und einer abwesenden Gegenwart führt er die Fülle der Zeit herbei. Das ungeduldige Vorwärtsdrängen lässt mich erahnen, mit welcher Liebe mich jemand ruft. Für mich ist gerade diese drängende Präsenz ein Gottesbeweis. Gott zieht mich, drängt mich, ja stösst mich geradezu der Fülle der Zeiten entgegen. Diese Fülle der Zeiten kann ich nicht selber machen, aber ich kann ihr entgegenrennen. Dann werden wir staunen über die Handschrift Gottes in dieser Welt und in unserem Leben. Dann werden wir im Geist Gottes rufen: Abba, Vater.