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Predigt an Epiphanie 2015

6. Januar 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Wer wie die meisten von uns Mönchen vom Unterland, vom Mittelland nach Einsiedeln kam, musste sich zuerst einmal an die klimatischen Bedingungen in diesem Hochtal gewöhnen. Sogar der Frühling scheint ein Gfrörli zu sein und scheut den Kontakt mit unserer Gegend. Doch bringt die Lage Einsiedelns auch Vorteile: etwa die Sicht auf einen Sternenhimmel, wie er in der Nähe der Städte so nicht zu sehen ist. Hier in Einsiedeln habe ich wohl das erste Mal so richtig die Sterne angeschaut, weil mir das vorher gar nicht in den Sinn kam. Nur: in den Sternenhimmel schauen kann zwar ein grosses Staunen auslösen. Doch dann die Sterne auch zu kennen und die Sternbilder zu verstehen, ist eine andere Sache. Weil mir diese vertiefte Sicht auf die Sterne niemand beigebracht hat, verstehe ich sie heute noch nicht und bleibe beim einfachen Schauen in das grossartige Firmament.

Liebe Mitchristen, am heutigen Fest der Erscheinung des Herrn tritt ein Stern am Firmament unseres Glaubens auf. Beim Glauben verhält es sich genauso wie mit dem Blick zu den Sternen: Zwar kann jeder Mensch das Wort «Gott» lesen, alle können sich an der Schöpfung freuen. Doch von der Schöpfung auf den Schöpfer zu schliessen, mit diesem Gott eine Beziehung aufzubauen, dafür braucht es mehr, dafür braucht es Sterndeuter, die selbst diesen Weg gehen, Menschen, die uns auf das hinweisen, was hinter einem Wort wie «Gott» liegt. Was sagt denn der Blick zum Stern des heutigen Festes? Die vielen Erklärungsversuche, in welcher Konstellation die Sternen damals bei der Geburt Jesu gestanden haben müssen, helfen mir dabei herzlich wenig weiter. Der Stern im heutigen Evangelium weist auf einen König hin, auf einen Herrscher, der Israel endgültig befreien und leiten wird. Darum heisst es schon im Buch Numeri: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel (Num 24,17). Und auch die Geschenke, die von den Weisen zum Kind in der Krippe gebracht werden, sind Geschenke für einen König. Der Stern und die Geschenke führen uns also zu einem König in der Krippe – im Evangelium ist einfach vom «neugeborenen König der Juden» die Rede. Ob die Sterndeuter im Kind mehr fanden als einen König? Dazu sagt das Evangelium nichts. Diese Frage gilt darum uns: Ob der Stern nicht nur unsere Neugierde, sondern auch unseren Glauben zur Krippe führt? Können wir dem Stern unseres Glaubens folgen und Gott huldigen, ihn anbeten?

In meinem Wohnraum steht eine Darstellung des heutigen Festes und ich habe sie auf den heutigen Tag hin das erste Mal richtig betrachtet. Da steht am Rande des Geschehens ein König, neben ihm ein Diener mit Weihrauch, davor ein zweiter König in gebückter Haltung, neben ihm die Myrrhe, und zuvorderst kniet ein schon älterer König, das Gold hat er bereits in die Krippe gelegt. Er küsst Christus die Füsse und dieser streichelt mit seiner kleinen Hand die Glatze des älteren Königs. Ein Bild voller Zärtlichkeit und Hingabe, das Fest einer innigen Beziehung. Diesen Sterndeuter brauchen wir! Bei diesem König scheint auch sein Glaube bei der Krippe angekommen zu sein, er sucht in dem Kind seinen Schöpfer, die Quelle seines Lebens. Hat nicht Papst Franziskus an Weihnachten von der Zärtlichkeit gesprochen? Das Kind in der Krippe ist für den Papst in seiner Weihnachtspredigt Ausdruck des Wunsches Gottes, dem Menschen so nahe wie möglich zu kommen, «ihn zu umarmen». Er sagte: «Das ist die Frage, die das Christuskind uns mit seiner Gegenwart stellt: Lasse ich zu, dass Gott mich lieb hat?» Und weiter meinte der Papst: «Gehen wir noch einen Schritt weiter: Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren? Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit!»

In der Haltung dieses Königs lässt uns der Stern des Glaubens dem Kind in der Krippe nicht einfach Gold, Weihrauch und Myrrhe darbringen. Wenn sich unser Glaube durch den Stern zum König führen lässt, dann gehört da noch ganz anderes in diese Krippe hinein! Natürlich, das Gold weist auf den König hin! Das Gold steht aber auch für unsere Versuchbarkeit, das Glück zu erzwingen, zu kaufen, ja Gott uns das Gold miteinander zu verwechseln.
Weihrauch wird Gott dargebracht! Aber mit dem Weihrauch bekennen wir nicht nur Gott in diesem Kind. Er steht für unsere Probleme mit der Macht, denn wir beweihräuchern gerne anderes und nicht zuletzt auch uns selbst. Es ist schön, dass Gott Gott ist. Aber die Macht: die gehört doch mir, oder? Wir haben doch unser Leben im Griff, sind unseres Glücks Schmied und wissen selber, wann es beginnt und wann es fertig ist!? Ich muss mich doch nicht wirklich in die Hände dieses ohnmächtigen Gottes in der Krippe legen?
Und die Myrrhe, sie steht für die medizinische Heilung, für den Heiland, den mir der Stern in der Krippe zeigt. Aber Myrrhe hat auch betäubende Wirkung, wird darum auch Christus am Kreuz gereicht. Ist es nicht manchmal einfacher, seine Sinne zu betäuben, als hinzuschauen auf unsere Welt, auf mein Leben, auf das des Menschen neben mir? Muss ich mir Fragen stellen nach dem Warum, Wieso und Wie, und Antworten suchen, wenn nach mir ja doch die Sintflut kommen kann? Ist es nicht einfacher zu sagen: wir sind überfremdet, als im flüchtenden Menschen Gottes leidendes Antlitz zu erkennen?
In meiner Versuchbarkeit, in meinem Drang zur Macht, in der Verlockung, mich lieber zu betäuben, als zu reagieren und zu handeln – als dieser Mensch führt mich der Stern zu Krippe. Und wenn ich dann Christus die Füsse küsse und er mir die Glatze streichelt (was er wenigstens bei mir kann!), dann kann geschehen, wie es in der Lesung aus dem Buch Jesaja von Jerusalem hiess: «Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir.» Dann sind eigentlich wir die Beschenkten, denn er ist der Heiland, der mir Heil schenken kann: Mein Herz wird weit, die Schätze kommen plötzlich nicht nur zu Gott, sondern auch zu mir!

Natürlich kann es schön sein, in den Himmel zu schauen und keine Zusammenhänge sehen zu wollen. Wer seinen Glauben durch den Stern Gottes führen lässt, versteht aber mehr, kommt nicht einfach bei Gold, Weihrauch und Myrrhe an, sondern bei der Liebe Gottes für uns. «Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren? Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit!» Amen.