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Predigt am Festtag des hl. Meinrad 2015

21. Januar 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Benedict Arpagaus

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
liebe Gäste und Pilger,
liebe Pfarreiangehörige und Mitbrüder!

Fröhlich begehen wir wieder ein liturgisches Fest und pflegen so eine Tradition. Der Meinradstag reiht sich ein in solch zahlreiche Feiertage. Hier in Einsiedeln wissen noch einige, dass der heilige Meinrad die Entwicklung unseres Ortes angestossen hat, er der Ortspatron ist; ach ja, gestorben ist er eines gewaltsamen Todes, von Räubern umgebracht, während Meinrad die Gastfreundschaft pflegte. Aber das ist halt weit weg. Sein Martyrium, sein Glaubenszeugnis ist irgendwie weit weg. Das Hochfest des heiligen Meinrad möchte uns eine zentrale Botschaft, ein zentrales Wort nahe bringen: Martyrium.

Martyrium! Heute eher ein in Verruf gekommener Begriff. Aber ein christlich verstandenes Martyrium hat nichts mit brutaler Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen zu tun. Christliches Martyrium heisst einfach "Zeugnis geben", konkret Zeugnis geben von dem, dessen Namen wir tragen: Jesus Christus. Ein Christ gibt Zeugnis von seinem Glauben und dies nicht bloss in Worten, vielmehr mit seinem ganzen Leben, ja unter Umständen bis zur Hingabe seines eigenen Lebens; einer Hingabe, die der Versöhnung und dem Frieden, sowie einem barmherzigen Gerechtigkeitsverständnis und einem achtsamen Freiheitsverständnis dient.

Mit dem Feiern eines religiösen Festes ist noch kein Glaubenszeugnis gegeben. Mit dem Pflegen von christlichen Traditionen ist noch kein Glaubenszeugnis gegeben. Ein Kloster, reich an kulturellen Gütern, ist noch kein Glaubenszeugnis. Klöster, Gemeinschaften, Familien werden erst dann zu Kulturträgern, wenn sie sich vor allem und zuerst um die geistlichen Aufgaben kümmern. Das bedeutet, das Evangelium Jesu Christi mit ganzer Kraft, mit ganzer Hingabe, mit ganzem Verstand zu leben (vgl. Mk 12, 30). Eine gegenseitig wohlwollende Streitkultur gehört dazu, die im Miteinander den Willen Gottes zu erfüllen versucht, Wege des Füreinanders geht – und dabei jedes einzelne Leben hochachtet, auch dann, wenn Meinungen und Wege auseinander gehen.

Zahlreiche Menschen, unzählige Flüchtlinge, sind auf der Flucht vor den Wellen des Hasses, der Gewalt, des Terrors und des Krieges. Kinder, Frauen und Männer sterben eines gewaltsamen Todes, weil sie anders sind, anders denken, anders glauben, nicht ins Schema ihres Umfeldes passen und andere Wege gehen. Menschen sterben, weil sie ihre Meinung sagen, Menschen sterben, weil sie sich gegen Ungerechtigkeiten wehren und sich für Frieden einsetzen. Menschen sterben, weil sie zu ihrem Glauben stehen. Solche Meldungen überfluten gegenwärtig unsere Ohren und Augen und belasten unsere Herzen.

Heute stehen vor allem Islamisten im Visier der Kritik, fanatische verblendete Muslime. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es in der Geschichte Gewaltakte von christlichen Akteuren gab. Und es finden sich auch buddhistische Eiferer, die, wie heute in Myanmar (Burma), gewaltsame Übergriffe gegen Muslime veranstalten. Muslim, Buddhist, Hindu, Jude, Christ: Äussere Begriffe sagen nicht viel über einen Menschen aus, über sein Wesen, über seine wahre Religiosität.

Wenn Religion nur zu einem äusseren Begriff verkommt, dann hat sie keine spirituelle Kraft. Als Kulturchristen und Traditionschristen können wir heute einen Feiertag begehen und morgen wieder einen anderen. Aber für einen Herzenschristen, für einen wahrhaft religiösen Christen muss es tiefer gehen, muss es existentiell werden, ans Lebendige gehen. Der heilige Meinrad war wohl so einer. Eben kein Kulturchrist, kein Traditionschrist, kein Papierchrist, sondern ein Herzenschrist, ein Christ mit ganzer Kraft, mit ganzer Hingabe, mit ganzem Verstand.

Meinrad war ein Herzenschrist. Er lebte das, was wir heute in der ersten Lesung aus dem Buch Tobias vernommen haben: "Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser, barmherzig sein als Gold aufhäufen" (Tob 12, 8). Das Gebet öffnet zu Gott hin, der bewusste Verzicht macht uns frei, die Barmherzigkeit öffnet uns zum Nächsten hin.
Meinrad lebte das, was wir im Evangelium gehört haben. Er hielt nicht einfach die Gebote Gottes ein, weil das so vorgeschrieben ist und als ob Gott ein Buchhalter wäre. Er nahm die Weisungen Gottes zu Hilfe, um sich selbst, sein EGO zu überwinden. Er war bereit, sein ängstliches ICH zu überwinden und sich dem Gott der Liebe zu öffnen. "...Geh, verkauf alles, was du hast, gib das Geld den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben..." (Mk 10, 21). So öffnete Meinrad die Türe seiner Klause und die Türe seines Herzens, um den Menschen, die zu ihm kamen Gastfreundschaft zu erweisen. Gastfreundschaft ist sowohl in der Bibel als auch in der Regel des heiligen Benedikt fest verankert.

Das Feiern des heutigen Tages macht nur Sinn, wenn es nicht bei einer äusseren Feier bleibt. Wir sollen selber Zeugen des Glaubens werden, indem wir für die Botschaft des Evangeliums eintreten, indem wir uns zu Jesus Christus bekennen als den Mensch gewordenen Gott, der sich für uns hingab bis zum Tod am Kreuze, der seine Herzenstüre weit öffnete, um Gottes Liebe zu verströmen über alle Menschen – und der auferstanden ist in Herrlichkeit.

Wir dürfen unsere Türen und Herzenstüren vertrauensvoll weit öffnen, die Türen der Solidarität, der Barmherzigkeit, des Wohlwollens und der Gastfreundschaft, weil wir so – aus himmlischer Perspektive – nichts zu verlieren haben, aber alles gewinnen dürfen: Leben in Fülle (vgl. Joh 10, 10). Meinrad glaubte das. Er lebte ganz aus der Freundschaft mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Er wurde zum Glaubenszeugen, zum betenden, barmherzigen und gastfreundlichen, ja menschenfreundlichen Zeugnis christlichen Lebens. Meinrad glaubte: Gebet kann Hass überwinden, Barmherzigkeit den Egoismus, Gastfreundschaft vermag die aus Angst und Vorurteilen geschaffenen Grenzen zu überwinden, Liebe schliesslich den Tod.

Verschliessen wir nicht die Türen unserer Herzen aus Angst, weil uns viele schlechte Nachrichten bedrängen. Öffnen wir die Türen unserer Herzen, weil wir der Guten Nachricht Jesu Christi vertrauen. Seien wir Glaubenszeugen, Zeugen des Gebetes, der Barmherzigkeit und der Gastfreundschaft in dieser mit Angst und Gewalt beladenen Welt. Amen.