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Predigt am Pfingsten 2015

24. Mai 2015, Klosterkirche Einsiedeln, P. Mauritius Honegger

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Es gibt zwei Festtermine, die die Kirche aus dem Judentum übernommen hat: Das Pascha-Fest und das Wochenfest. Das Pascha-Fest orientiert sich bekanntlich am ersten Frühlingsvollmond. Und das Wochenfest richtet sich wiederum nach dem Pascha-Fest aus: Es findet nämlich genau 7 Wochen nach dem Pascha-Fest statt. Sieben Wochen: Das sind 7 mal 7 Tage, insgesamt also 49, beziehungsweise 50 Tage, wenn man den ersten Tag auch noch mitrechnet. Das Wochenfest wird also am fünfzigsten Tag nach dem Pascha-Fest begangen. Und das ist genau, was der Name "Pfingsten" ursprünglich bedeutet: Pfingsten ist nämlich die verdeutschte Version des griechischen Wortes "Pentekoste", das heisst "der fünfzigste", gemeint ist natürlich "der fünfzigste Tag".

Beide jüdischen Feste, das Pascha- und das Wochenfest, waren ursprünglich Erntedankfeste. Für uns in der Schweiz ist es ein bisschen komisch, im Frühling ein Erntedankfest zu feiern, ist doch die Natur erst gerade erwacht und in höheren Lagen noch nicht einmal der letzte Schnee geschmolzen. Aber in Palästina, wo der jüdische Festkalender seinen Ursprung hat, sind die Wetterverhältnisse ganz anders als hier in den Alpen. Die letzten Regentropfen fallen dort im April, dann beginnt die lange Trockenzeit. Fünf Monate lang brennt die Sonne auf das Land hinunter, sodass auf den Feldern alles verdorrt und nichts mehr gedeihen kann. Deshalb war im alten Israel der Frühling vor der grossen Sommerhitze die Zeit der Getreideernte: Am Paschafest Ende März/Anfang April war die Gerste reif und am Wochenfest jetzt im Mai der Weizen. An diesen Tagen dankten die Menschen Gott für die gute Ernte und als Zeichen ihrer Dankbarkeit brachten sie ihm im Tempel von Jerusalem ein besonders schön gebackenes Brot aus dem frischen Getreide dar.

Doch der Sinn dieser beiden Feste erschöpft sich für das Judentum natürlich nicht im Erntedank. Sondern an diesen Tagen erinnern sich die Juden an zentrale, identitätsstiftende Ereignisse in der Geschichte ihres Volkes: Am Pascha-Fest geht es um den Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der Sklaverei des Pharaos. Das ist das grosse Wunder, bei dem Gott machtvoll eingegriffen hat zugunsten seines Volkes.

Das Wochenfest erinnert an einen anderen wichtigen Moment auf der Wanderung von Ägypten ins Gelobte Land: an die Übergabe der zehn Gebote. Nach dem Durchzug durch das Rote Meer kamen die Israeliten zum Berg Sinai. Dort stieg Mose auf den Berg hinauf und brachte dem Volk die Steintafeln mit den Geboten Gottes herunter. Es war das Gesetz der Freiheit, weil das Volk dem Machtbereich des Pharaos entkommen war. Tyrannei und Willkür waren endlich vorbei. Von nun an sollte allein der lebensfreundliche Gott über die Israeliten Herr sein.

Wenn wir uns des jüdischen Hintergrunds bewusst sind, dann werden wir auch besser verstehen, was die beiden Feste für uns Christen bedeuten. Das Christentum ist ja aus der jüdischen Tradition hervorgegangen. Jesus, Maria und die Apostel waren selber Juden, sie lebten nach dem jüdischen Kalender und feierten selbstverständlich auch die jüdischen Feste, wie es damals Brauch war.

Die christliche Gemeinde hat aber die jüdischen Feste nicht einfach kopiert, sondern sie hat sie mit neuem Inhalt gefüllt. Klar – die Befreiung aus Ägypten und die Übergabe des Gesetzes auf dem Berg Sinai sind und bleiben auch für uns Christen beeindruckende Ereignisse in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Aber bei uns stehen sie nicht mehr im Zentrum unseres Glaubens. Das neue und identitätsstiftende Ereignis für uns Christen ist das, was mit Jesus passiert ist, insbesondere seine Auferweckung von den Toten.

Die Evangelien bezeugen übereinstimmend, dass die Kreuzigung Jesu und seine Auferstehung zeitlich mit dem jüdischen Pascha-Fest zusammenfallen. So hat das jüdische Fest für uns Christen eine Umdeutung erfahren: An Ostern steht für uns nicht mehr der Durchzug durch das Rote Meer im Zentrum, sondern die Auferweckung Jesu von den Toten. Beim ersten Pascha-Fest hat Gott ein Volk aus den Fängen des Pharaos gerettet; an Ostern, dem christlichen Pascha-Fest, hat er allen Menschen den Zugang zum Heil eröffnet.

Und in ähnlicher Weise hat auch das jüdische Wochenfest im Christentum eine Umdeutung erfahren. An Pfingsten, dem christlichen Wochenfest, erinnern wir uns nicht mehr an Mose auf dem Berg Sinai, sondern wir erinnern uns an das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Jünger in Jerusalem. Das jüdische Pfingsten erinnert an das Gesetz der Freiheit für das Volk Israel. Das christliche Pfingsten erinnert an das, was uns Christen das Leben in Freiheit ermöglicht: der Heilige Geist. Der Apostel Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (2 Kor 3,17).

Und dass dieser uns frei machende Geist nicht irgendeine Kraft ist, sondern dass er von Gott kommt und selber Gott ist, das hat bereits das Konzil von Konstantinopel im Jahr 381 festgehalten. Seither beten wir im grossen Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist zusammen mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird. Das heisst, dass der Heilige Geist auf derselben Stufe wie der Vater und der Sohn ist, dass also der Heilige Geist eine von den drei Personen im Geheimnis des dreifaltigen Gottes ist.

Im Heiligen Geist ist somit Gott selber gegenwärtig und wirksam. Als der Heilige Geist am Pfingsttag auf die Jünger herabkam, ist also Gott selber zu ihnen gekommen und hat eine neue, unmittelbare Beziehung zwischen sich und den Menschen gestiftet.

Im Bericht über die Pfingstereignisse in der Apostelgeschichte lesen wir eine interessante Bemerkung: Alle befanden sich am gleichen Ort, als der Heilige Geist auf die Jünger herabkam. Es war also der Morgen des jüdischen Wochenfestes und die Jünger Jesu haben sich an diesem Feiertag versammelt, um miteinander zu beten und gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Der Zeitpunkt, an dem der Heilige Geist auf die Urgemeinde herabkam, war also der Sonntagmorgen. Und der Ort, an dem das passierte, war die gottesdienstliche Versammlung. Die Apostelgeschichte will uns darauf hinweisen, dass der Gottesdienst der christlichen Gemeinde ein privilegierter Ort ist, wo wir das Wirken des Heiligen Geistes auch heute noch erleben können. In der Taufe und in der Firmung ist uns der Heilige Geist verliehen worden. Und in jeder Eucharistiefeier bitten wir um denselben Heiligen Geist, dass er die Gaben von Brot und Wein heilige und verwandle in den Leib und das Blut Christi. Paulus nennt die Eucharistie die geistliche Speise und den geistlichen Trank (1 Kor 10,3-4). Immer wenn wir die Eucharistie empfangen, erneuern wir das Wirken des Heiligen Geistes, der in uns wohnt, uns Leben schenkt und uns in die Liebe des dreifaltigen Gottes hineinnimmt. Amen.