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Predigt am Dreifaltigkeitssonntag 2015

31. Mai 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn wir über den dreifaltigen Gott nachdenken, haben wir vielfach ein statisches Bild in unserem Kopf. Nicht nur das Wort, sondern auch das Konzept der Trinität scheint kompliziert, unverständlich und para-dox zu sein. Der Glaube an die Dreifaltigkeit erscheint nicht hilfreich und etwas mit dem wirklichen Leben zu tun zu haben.
Solange wir nicht erfahren, dass unser Gottesglaube ans Lebendige geht, werden wir nie die Lebens¬kraft erfahren, die uns fähig macht, uns ganz Gott zu ver-schenken.

Um diesem Missverständnis entgegenzuwirken, möchte ich heute drei Aspekte dieses Glaubens an die Dreifaltigkeit herausnehmen. Dafür machen wir zuerst gemeinsam ganz bewusst und langsam das Kreuz-zeichen über uns: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Spüren Sie wie Er uns in diesem göttlichen Liebes-zeichen ganz umspannt von oben bis unten, von links nach rechts. Unser ganzes Leben von oben bis unten, von Anfang bis zum Ende umspannt Er. In diesem ein-fachen Zeichen der Umarmung bildet Er die Mitte. Alles, was mich betrifft, umspannt Er. Durch dieses Zeichen bildet Er die Mitte meines Seins. Er macht mein Leben sich zu Eigen. Meine Geschichte wird Seine Geschichte. – Meine Geschichte wird Seine Geschichte.

Mit dieser Vorstellung wird die dreifaltige Liebes-gemein¬schaft Gottes plötzlich sehr lebendig und dynamisch. Wer würde schon sein eigenes Leben statisch und langweilig bezeichnen? Wenn es auch nicht gerade spannend sein mag, so gewiss spannungs-reich. Und Gottes Liebesgemeinschaft sitzt genau in dieser Spannung. Er ringt sozusagen mit mir in meinen Hochs und Tiefs. Er lässt sich berühren, von dem, was mich berührt. Er beschäftigt sich mit dem, was mich beschäftigt. Er lädt mich ein, meine Geschichte im Fadenkreuz seiner Liebe zu zentrieren und mich so umarmen und heilen zu lassen. Er möchte meine Geschichte zu seiner eigenen Geschichte machen, meine Geschichte zur Heilsgeschichte wandeln.

Das Fest der dreifaltigen Liebesgemeinschaft Gottes bekräftigen noch einen zweiten Aspekt: Gott ist nicht geistig abgehoben. Gott selber hat Geschichte und macht Geschichte. Durch die Erschaffung von Materie tritt Er selber in die Geschichte ein. Mit der Berufung des Volkes Gottes, mit der Menschwerdung in Christus und mit der Vollendung der Zeiten am jüngsten Tag hat Gott selbst eine Geschichte, als Beziehungsgeschichte mit den Menschen. Faszinierend daran ist, dass Gott sich von dieser Geschichte berühren, ja verändern lässt. Gottessohn erhält einen menschlichen Leib, der in der Herrlichkeit nicht einfach wieder ins Geistige aufgelöst wird. Die Dreifaltigkeit erfährt durch die Mensch¬wer-dung des Sohnes in sich eine dauerhafte Veränderung. Die Wunden, die Jesus Christus erdulden musste, trägt er mit ins innerste Geheimnis Gottes hinein. Die Be-zieh¬ungs¬ge¬schichte Gottes mit den Menschen hat Ihn ver¬wundet.

Durch die Taufe – und das ist ein dritter Aspekt dieses Dreifaltigkeitsfestes, den ich hervorheben möchte -, nehmen wir Teil an der Geschichte Gottes mit den Menschen von der Schöpfung über den Sündenfall, die Erlösung, die Neuschöpfung bis hin zur Vollendung. Diese Gottesgeschichte wird meine Geschichte. So forderte schon Mose sein Volk auf: "Forsche doch einmal in früheren Zeiten nach […]:
Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören, wie du ihn gehört hast?
Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm […], wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen (Dtn 4,32.33.34)?"

Diese Geschichte Gottes mit den Menschen ist meine Geschichte, weil die früheren Zeiten bis in die Gegen-wart meiner Person im Fadenkreuz seiner Liebe sind. Was andere Menschen betrifft von den Anfängen bis in unsere Gegenwart, wird uns berühren, erschüttern oder erfreuen, denn es geht um Ihn. Es ist Seine komplizierte Beziehungs¬geschichte, die sich heute in allen Herrenländern fortsetzt.
Wenn wir dies bedenken, dann ist der Glaube an die Dreifaltigkeit etwas sehr Dynamisches, Spannendes und Spannungsreiches. Wir leben und leiden mit Gott mit – im Leben und Leiden, in den Freuden und Sorgen des Heute.

Jedes Mal, wenn wir also das Kreuzzeichen über uns ziehen, dürfen wir uns dankbar daran erinnern, dass wir uns im Fadenkreuz seiner Liebe befinden.
Meine Geschichte ist Gottes Geschichte und
Gottes Geschichte wird meine Geschichte.

In diesem Bewusstsein lassen wir uns noch einmal umarmen von seinem Liebeszeichen – gemeinsam, bewusst und langsam: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.