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Predigt am Vorabend der Engelweihe

13. September 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Justinus Pagnamenta

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Mit der Pontifikalvesper von heute haben wir das Weihefest der Gnadenkapelle begonnen. Dieses so wichtige Fest für unser Dorf ist mit dem Namen Engelweihe besser bekannt. Dieser Name geht auf eine alte Legende zurück. In der Nacht auf den 14. September 948 hatte Bischof Konrad von Konstanz eine Vision. Er sah, wie Jesus Christus selbst – begleitet von mehreren Heiligen und Scharen von Engeln – die Gnadenkapelle weihte. Der volkstümliche Name Engelweihe bezieht sich eben auf diese vielen Engel, die bei der Weihe anwesend waren.

Wenn wir von einer Legende sprechen, dann bedeutet das für uns Menschen des 21. Jahrhunderts oft: "Diese Erzählung ist nicht wahr, sie ist erfunden und historisch nicht haltbar". Das ist das eine Extrem, in das man fallen kann, wen man eine Legende liest oder hört. Im anderen Extrem nimmt man eine Legende einfach als historischen Bericht an. In beiden Fällen ist das Ergebnis das gleiche: Man übersieht den tiefen Sinn der Legende.

Legenden sind aber keine Geschichtsschreibung nach den heutigen Massstäben. Vielmehr wollen sie mit wunderbar farbig ausgemalten Erzählungen tiefere Einsichten eingängig vermitteln. Sie haben eine Botschaft und beschreiben eine Wirklichkeit, die jenseits unserer Sinneswahrnehmungen ist. Diese Wirklichkeit ist aber nicht weniger wahr, nicht weniger real als die Wirklichkeit, die wir täglich am eigenen Leib erfahren können. Schauen wir uns also die Engelweihlegende etwas genauer an.

In seiner Vision sah Bischof Konrad, wie Jesus Christus in violettem Messgewand ein Pontifikalamt feierte und in Gegenwart seiner Mutter, der Jungfrau Maria, die Gnadenkapelle weihte. Das Pontifikalamt war sehr feierlich gestaltet: Die vier Evangelisten hatten ihm jeweils die Mitra aufgesetzt und abgenommen, der heilige Petrus trug den Hirtenstab und der heilige Gregor einen hohen Fächer, die heiligen Augustinus und Ambrosius assistierten und die heiligen Diakone Stephanus und Laurentius trugen die Lesungen und das Evangelium vor. Mitbeteiligt waren auch Scharen von Engeln: Einige von Ihnen schwangen goldene Rauchfässer, andere ministrierten und wieder andere sangen unter der Leitung des Erzengels Michael.

Zwei wesentliche Punkte möchte ich hier hervorheben.

(1) Es wird uns gesagt, dass Jesus Christus persönlich die Gnadenkapelle von Einsiedeln weihte. Was heisst das? Wenn ein Zelebrant die heilige Eucharistie feiert – sei er der Papst, ein Kardinal, ein Bischof oder ein einfacher Priester – der eigentliche, der handelt, ist niemand geringer als Jesus Christus selbst! Der Zelebrant (Bischof oder Priester) ist nur ein Werkzeug, ein Instrument Gottes. Der Zelebrant ist nicht Stellvertreter eines Abwesenden, sondern er ist wie eine Ikone (ein Bild) des anwesenden Christus. Auch Abt Urban soll jetzt hinter den Messgewändern verschwinden, damit durch seine Handlungen und seine Worte das Wirken Christi zum Vorschein kommt.

(2) Der Name Engelweihe erinnert uns daran, dass in der Vision von Bischof Konrad Scharen von Engeln und viele Heiligen Christus begleiteten und das Pontifikalamt mitfeierten. Was hat das für eine Bedeutung? Es ist feste Überzeugung der Kirche, dass jede heilige Messe eine Handlung der ganzen (vollständigen) Kirche ist – egal ob die Messe im Petersdom, in Einsiedeln oder in einer abgelegenen winzigen Kapelle gefeiert wird. Anwesend sind nicht nur der Priester, die Ministrantinnen und Ministranten und die Gläubigen, die die Kirchenbänke belegen, sondern – in geheimnisvoller Weise – auch alle Christinnen und Christen aller Welt und aller Zeiten, die Heiligen, die uns vorangegangen sind, und natürlich auch die Engelscharen. Jede Eucharistiefeier ist im wahrsten Sinn eine Handlung der ganzen Kirche.

In unserer Kirche sind mehr als tausend Engel und Heilige dargestellt. Die vielen Fresken und Statuen wollen uns spürbar machen, dass das Ereignis, dass wir jetzt feiern, eine mystische Dimension hat. In jeder Eucharistiefeier begegnen sich Himmel und Erde. Was für ein grossartiges Ereignis! Deswegen sollte man – während der heiligen Messe – nicht auf die Uhr schauen; am besten zieht man die Armbanduhr ab. Denn die Zeit spielt jetzt keine Rolle. Wir berühren die Ewigkeit. Jetzt ist die Zeit der Begegnung mit dem Herrn; wir vernehmen sein Wort in den Lesungen, wir berühren ihn und vereinen uns mit ihm in den eucharistischen Gestalten.

Lassen wir zu Hause oder im Büro alle unsere Beschäftigungen, Aufgaben, Briefe, E-Mails, Termine, Verträge usw. Es ist jetzt nicht die Zeit, darüber nachzudenken und uns damit zu beschäftigen. Wir sind nicht am Arbeitsplatz oder in einem Einkaufszentrum, wo wir unsere alltäglichen Geschäfte erledigen. Jetzt ist die Zeit des Zuhörens, des Lobes, der persönlichen Begegnung mit dem Herrn. Lassen wir für eine gute Stunde unsere innere Marta mit ihren vielen Sorgen und Mühen zu Hause, denn jetzt ist die Zeit der Maria, eine Zeit, in der wir uns vom Herrn bereichern und stärken lassen. Jetzt ist die Zeit, in der wir das Bessere, das eine Notwendige wählen sollen.

Bereichert von der Begegnung mit dem Herrn, können wir dann unseren alltäglichen Sorgen, Mühen und Beschäftigungen eine ganz neue, übernatürliche, geistliche Dimension geben. Denn nicht die Verweltlichung unseres Daseins im Gottesdienst wollen wir erreichen, sondern die Vergöttlichung unseres Daseins in der Welt.

Liebe Schwestern und Brüder! Nach dieser Eucharistiefeier wollen wir hinausziehen und der Legende der Engelweihe in unseren Häusern, auf den Strassen, an unseren Arbeitsplätzen eine konkrete Gestalt verleihen, so dass die Markthallen der Welt zu Orten der Begegnung mit Christus werden. Amen.