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Predigt an Weihnachten

25. Dezember 2015, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Es klingelte – und wir Kinder rannten los! Liebe Brüder und Schwestern, wie viele unter uns können wohl von dieser Erfahrung erzählen, in wie vielen Familien war es gestern Abend so oder wird es heute Abend nochmals so sein: Die Kinder warten im Nebenraum, bis die Geschenke bereit sind und die Lichter am Baum brennen. Dann klingelt das Christkind beim Verlassen der Wohnung an der Haustüre und das wochenlange Warten hat ein Ende, das «Vergitzeln» der letzten Tage macht staunenden, grossen Augen Platz!

Das mag für einige von Ihnen kitschig daherkommen! Es hat, von mir aus gesehen, dennoch viel mit der religiösen Erfahrung von Weihachten zu tun. Wer die Lesungen dieser Nacht hörte und den Lesungen dieser Feier folgte, wird diese zwei Elemente immer wieder entdecken: Es ertönt etwas – und als Antwort beginnen Menschen sich zu bewegen. Einige bewegen sich, indem sie zu sprechen oder gar singen beginnen: In der heutigen 1. Lesung aus dem Buch Jesaja ertönen Schritte und die Stimme eines Freudenboten für die Stadt Jerusalem. Er kündigt Frieden an, verheisst Rettung für die Stadt, die damals in Trümmern lag. Dann bricht das Volk in Jubel aus, es bewegt sich hörbar aus seiner Lähmung! Andere Menschen bewegen sich in den Lesungen von Weihnachten auch äusserlich, etwa im Evangelium der Heiligen Nacht: Engel bringen die Friedensbotschaft des Himmels und Hirten beginnen zu laufen, bis sie bei der Krippe ankommen!

Liebe weihnachtlich gestimmte Festgemeinde: Es ertönt etwas – und Menschen beginnen sich zu bewegen: Das ist die Botschaft auch dieses Gottesdienstes. Da ertönen zuerst die Kirchenglocken und Menschen machen sich auf zur gemeinsamen Feier. Es ertönt die Orgel und Menschen machen sich bereit, Gott singend zu loben. Und ganz prominent in diesem vorderen Kirchenraum, dem Raum der Weihnachtskuppel: Da stimmen die Engel dort oben das «Gloria» an und Chor und Orchester fielen sofort ins Gloria der Karl-Kempter-Messe in G-Dur ein. Heute taten sie das so wach und schnell, dass ich das Gloria nicht einmal anstimmen durfte! Und wenn nachher die Glocken der Ministranten zu klingeln beginnen, bewegen sich viele von uns auf unsere Knie, andere stehen andächtig da, bereit, mit unseren inneren Augen anschauen zu können, was die Hirten bei der Krippe sahen und was die 1. Lesung aus dem Buch Jesaja mit folgenden Worten verkündet: «Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes.» Diese Worte wird übrigens die Schola während der Kommunion für uns singen.

Was uns die Kinder an Weihnachten also vorzeigen, ist nicht einfach naiv, sondern ein tiefer Vorgang des Glaubens: Es klingelt – und sie antworten, indem sie sich aufmachen, ja gar springen! Glocken, Orgeln, ein Orchester, ein Chor, die Lesungen künden von Gott, bringen die Friedensbotschaft von Weihnachten zum Klingen – und Menschen antworten, indem sie sich aufmachen, Gott bei sich einzulassen und ihn zu anderen Menschen zu bringen. Glaubende Menschen machen sich auf und geben Antwort! Auch das ist in der Weihnachtskuppel umgesetzt! Für jene, die es an ihrem Platz nicht sehen können, möchte ich es kurz erklären: In der Weihnachtskuppel oben halten Engel ein Spruchband, das die Worte zeigt, die sie singen: «Gloria in excelsis Deo» – «Ehre sei Gott in der Höhe». Und auf der Brüstung des Pfeilers über dem Orchester bringen andere Engel die Antwort der Menschen den oben singenden Engeln entgegen: «Et in terra pax hominibus bonae voluntatis» – «Und Friede auf Erden bei den Menschen, die guten Willens sind». Es soll also, so sagt es unsere Weihnachtskuppel, nicht beim tönenden Himmel bleiben, bei den Gloria-singenden Engeln! Dieses Raum sagt vielmehr: Glaubende Menschen machen sich auf und antworten! Wir wollen dieses Friedensangebot Gottes annehmen und gleichsam als Echo des Lobes Gottes in unsere Welt hineintragen. Wenn wir Gott nicht antworten, dann bleibt das Gloria, dann bleibt das Gotteslob abgehoben, irgendwo dort oben! Gott möchte aber Bedeutung in unserem Leben haben, unsere Herzen zum göttlichen Frieden bringen, sie heilen. Er sucht uns als göttlicher Heiland und zeigt uns den Weg! Wer Gott wirklich ehrt, antwortet, indem er oder sie den Menschen ehrt! Wer glaubt, muss sich für die Würde jedes Menschen einsetzen! Wer an Weihnachten «Gott» sagt, sagt gleichzeitig auch «Mensch»! Der Grund dafür, das tiefe Geheimnis dieser Feier ist in den Worten des heutigen Evangeliums so ausgedrückt: «Und das Wort ist Fleisch [Mensch] geworden und hat unter uns gewohnt». Und warum wird Gott Mensch? Das Evangelium sagt dazu: Er gab uns «Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben».

Liebe Mit-Kinder Gottes, es ist also nicht schlimm, Kind zu sein! Weihnachten lädt uns vielmehr dazu ein, unsere Gotteskindschaft neu zu entdecken, denn wir alle haben den gleichen Vater und sind Brüder und Schwestern Jesu Christi. Darum dürfen auch wir aufspringen, wenn es läutet und wenn die Engel den Frieden auf Erden verkünden. Der Weihnachtsfriede beginnt im Herzen all jener, die mit Gott rechnen und ihn suchen. Er wächst dann in unsere Familien hinein und macht sich letztlich in der Welt bemerkbar. Jemand muss den Anfang machen! Und Weihnachten lädt auch jene, die nicht an Gott glauben, ein, sich mit uns zusammen für den Frieden einzusetzen, haben die Engel doch gesungen, dass der Friede Gottes zu allen Menschen komme, die guten Willens sind! Den Anfang dürfen wir machen, denn wir feiern Weihnachten! Was also würden wir tun, wenn es jetzt plötzlich läutet? Müssten wir als richtige Kinder Gottes nicht schon fast losrennen und als erste darauf antworten und unseren Nachbarn, ob wir sie kennen oder nicht, frohe Weihnachten wünschen? [darauf: «Läut-Ton» der Orgel!]