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Predigt an Epiphanie 2016

6. Januar 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Lukas Helg

Liebe Mitchristen! Liebe Mitbrüder!

Zweimal Weihnachten. – Bei uns in der reichen Schweiz, vermutlich auch in anderen Ländern, gibt es den schönen Brauch der Aktion Zweimal Weihnachten. Da kann man Pakete an Bedürftige verschicken und die Post übernimmt das Porto. Etwas Ähnliches haben wir auch bei uns im Kloster. Der Dekan stellt leere Schachteln ins Coiffeur Zimmer. Dort kann jeder erhaltene Weihnachtsgeschenke deponieren, selbstverständlich auf freiwilliger Basis. Nach den Festtagen fährt der Dekan mit den grossherzig gefüllten Schachteln nach Zürich zu Pfarrer Sieber und seinem Hilfswerk. Ihnen allen sehr herzlich zur Nachahmung empfohlen. Es ist immer noch Weihnachtszeit.

Zweimal Weihnachten – das gilt auch in der Liturgie. Weihnachten und Epiphanie sind zwei Lichtfeste. Wir feiern zweimal, was der Evangelist Johannes in seinem berühmten Prolog in die einfachen Worte fasst: "Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt, aber die Welt erkannte es nicht." "Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erkannt." Wenn nur dieses verflixte "aber" nicht wäre! Trübt es nicht ein bisschen unsere Weihnachtsfreude wie ein Tintenklecks auf einem schönen Bild?

Wir können halb hinten in unserer Klosterkirche eine eindrückliche Krippendarstellung bewundern. In den vergangenen Tagen, bei diesem herrlichen sonnigen Wetter, sind grosse Scharen von Menschen, hoffentlich wir selber auch, davor gestanden und haben die Figuren betrachtet, haben gebetet, haben sich vielleicht überlegt, wo ist mein Platz, wo stehe ich, welchen Bezug habe ich zu diesem Kind, was geht mich dieses Kind an?

Links vom Hochaltar, ganz zuvorderst in unserer Kirche, für Sie im Schiff leider nicht sichtbar, aber die Mitbrüder wissen es bestimmt, haben wir ein herrliches Epiphanie-Relief eines unbekannten Bergamaskers. Oben ein von 7 Engeln begleiteter riesiger, unübersehbarer, goldener Stern, unten unter dem Vordach eines alten Tempels auf der linken Seite die heilige Familie. Der kleine Jesus auf dem Schoss Marias streckt den Königen in freudiger Erregung seine Arme entgegen. Rechts die drei oder sogar vier Könige mit ihrem Gefolge. Wobei der vorderste, der älteste König sich in einer theatralischen Geste ganz auf den Boden zu werfen scheint, wie es vor 51 Jahren, bei meinem Klostereintritt, von uns Jungen verlangt wurde. Man hat dem Prosternieren oder Fliegen, "uf Schwizerdütsch flüge" gesagt. Eine Demutsübung, wie man uns erklärt hat. Fragen Sie nach dem Gottesdienst an der Pforte, vielleicht zeigt Ihnen unser Pförtner dieses kostbare Epiphanie-Relief.

Szenenwechsel. Im Museo del Prado in Madrid, in einem der grössten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt, habe ich vor Jahren unter den 3000 Gemälden eine Epiphanie entdeckt, von der ich fast nicht mehr loskam. Gemalt hat sie der niederländische Renaissancemaler Hieronymus Bosch. Wir feiern heuer seinen 500. Todestag. Es ist ein dreiteiliger Flügelaltar, innen und aussen bemalt. Es geht mir jetzt nur um das zentrale innere Hauptbild. Und dort nur um das allerwichtigste. Oben am Horizont ein winziger Stern. Er ist so klein, dass man ihn fast suchen muss. Unten eine brüchige, vom Einsturz bedrohte Ruine, deren Dach mit einem s-förmigen Ast ganz notdürftig gestützt wird. Ein Dachbalken ist bereits geknickt. Rechts im Bild, unter dem Vordach, in lebensgefährlicher Position also, Maria, ganz in blau gehüllt wie ein Altar. Auf ihrem Schoss ein winzig kleines nacktes Jesuskind auf einem weissen Tüchlein – wie eine Hostie auf dem Korporale. Es gleicht eher einer kleinen Puppe, wie sie kleine Kinder gerne herumtragen. Josef sucht man vergeblich auf dem zentralen Hauptbild; er ist auf dem linken Flügel unter dem durchlöcherten Vordach einer anderen Ruine, sitzt auf einem Hocker an einem Feuer und trocknet Windeln. In zentraler Position der älteste König, gekleidet wie ein Papst in seinem Rauchmantel, knieend und mit gefalteten Händen in Anbetung versunken. Auf der linken Seite dann der mittelalterliche zweite und der junge schwarze dritte König, fast wie zwei Ministranten. Ganz auffällig, weil ungewohnt, die Hirten am rechten Rand in einem eher negativen Kontext. Zwei hocken faul auf dem Dach, stützen gelangweilt mit der rechten Hand ihren Kopf, einer klettert schaulustig auf einen Baum, einer gafft durch ein auffälliges Mauerloch. Nein, bei diesen Hirten spürt man wirklich gar nichts von einer Weihnachtsfreude. Und im Mittelgrund verschiedenste Szenen aus dem damaligen Leben, wie man sie aus vielen anderen Bosch-Gemälden kennt. Kriegsheere, Volkstanz zum Dudelsack, verschiedene Tiere, eingestürzte Brücken, geknickte Bäume. Und im Hintergrund ein seltsames Jerusalem mit ganz ungewohnten Gebäuden.

Ich hoffe, Sie können sich dieses Bild einigermassen vorstellen. In einem Kunstbuch oder ganz sicher im Internet können sie es farbig vor ihre Augen holen. Für meine Mitbrüder lege ich gerne ein Buch ins Lesezimmer. Schaut doch heute hinein.

Diese Epiphanie von Hieronymus Bosch fasziniert mich. Sie ist ehrlich, zeitgemäss, realistisch. Gott wird Mensch, Gott versteckt sich in einem hilflosen nackten Kind. Gott begibt sich mitten in eine vom Bösen bedrohte Welt. Der Flügelaltar war vermutlich als Sakramentsaltar für eine Kirche vorgesehen. Es geht um das Sakrament der Eucharistie. Bethlehem heisst übersetzt Haus des Brotes. Wie Christus in diesem winzig kleinen Menschlein in Bethlehem, im Haus des Brotes, gegenwärtig ist, so ist er es in der hauchdünnen Brotscheibe auf dem Altar. Das ist mein Leib, der für Euch hingegen wird. Die Gaben der Könige sind mit unmissverständlichen Symbolen geschmückt: Abraham, der seinen Sohn schlachten soll; der Pelikan, der seine Brust aufreisst.

Wenn ich vor dieser Epiphanie stehe, ist es ganz klar: Mein Glaube ist gefordert. Unterwerfe ich mich diesem Kind, anerkenne ich es als meinen Gott, der mein Leben bestimmt? Oder fehlt mir der Glaube, wie offensichtlich den Hirten, die hier die Juden repräsentieren? Oder interessiert mich das ganze Geschehen überhaupt nicht wie die Menschen, die weiter hinten auf der Wiese tanzen oder anderes tun? Achtung: der Stern ist so klein und unscheinbar, das Kind unter dem Vordach der verlotterten Ruine auch, Du kannst es übersehen. Komm her, knie dich nieder und bring deine Gaben.

Noch etwas Erstaunliches: es gibt keinen einzigen Engel auf diesem Bild. Will Bosch uns vielleicht damit sagen, wie es eine deutsche Musikgruppe in einem kleinen Oratorium über dieses Bild vertont hat:

Engel sind nicht auf dem Bild
Engel sollt ihr sein
Seid Gottes Boten in der Welt
Dazu hat er euch auserwählt
Geht hin zu allen Menschen
Und kündet Gottes Nähe
Seid Beistand und Begleiter
Wegweiser hin zu Gott.
Seid Licht im Dunkel.

Ich glaube, ein langer Kommentar erübrigt sich. Ich soll ein Engel sein, soll zu andern Menschen fliegen, ihnen Freude und Licht bringen. Es müssen nicht Pakete sein. Schon ein Lächeln auf dem Gesicht, ein liebes Wort auf der Zunge, ein stummer Gruss mit der Hand können bewirken, dass beim Andern Weihnachten wird. Zweimal Weihnachten. Amen.