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Predigt am Festtag des hl. Meinrad 2016

21. Januar 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Thomas Fässler

Ich habe letzthin von einem Experiment gelesen. Bei diesem wurden Männern und Frauen verschiedene Fotos mit Gesichtern vorgelegt. Die Probanden wurden dabei aufgefordert, jene Gesichter auszusortieren, die sie als schön bezeichnen würden. Das Resultat, liebe Schwestern und Brüder, überraschte mich: Denn als schön wurden jene Gesichter empfunden, die eigentlich ganz normal sind, bei denen nichts Aussergewöhnliches zu finden ist, bei denen einfach die Proportionen stimmen, also weder die Nase zu breit noch der Mund zu gross ist. Nicht das Ausserordentliche ist demnach schön, sondern das ganz Normale, das, was nicht extrem ist.

Dieses Experiment kam mir nun wieder in den Sinn, als ich mich auf diesen Gottesdienst vorbereitete. Denn am heutigen Tag feiern wir auch jemand, der nicht gerade atemberaubend ausserordentlich war. Jedenfalls ist der heilige Meinrad nicht bekannt als grosser Schriftsteller bedeutender Werke, als einflussreicher Reformer oder als Gründer mehrerer wichtiger Klöster. Er hat einfach das getan, was jeder Tag von ihm verlangte: Die tägliche Arbeit, das tägliche Gebet. Vielleicht war er damit den Menschen des Mittelalters aber etwas gar gewöhnlich; jedenfalls versuchten sie, ihn doch noch eine Spur aussergewöhnlicher zu machen: So wurde denn aus ihm plötzlich ein Adeliger, ein Spross der Familie Hohenzollern, um ihm wenigstens von der Geburt her den Hauch des Besonderen zu verleihen.

Damit aber überdeckte man gerade das, was die Heiligkeit Meinrads eigentlich ausmacht: Dass er in aller Stille das Alltägliche, das Gewöhnliche in grosser Treue lebte. Denn das ist häufig schwieriger, als es im ersten Moment scheint. Welch grosse Versuchung ist es, das Gute, das man getan hat, an die grosse Glocke zu hängen, um dafür viel Lob und Beifall zu ernten. Und wie einfach ist es, grosse Vorhaben lauthals zu verkünden, um andere damit zu beeindrucken, sie dann aber vielleicht doch nicht wirklich umzusetzen. Jeden Tag aber einfach das tun, wozu man von Gott gerufen ist, dort, wo man gerade gebraucht wird, ist eine grosse Herausforderung. Jeden Tag ist vielleicht dasselbe zu erledigen, etwas, womit man nicht viel Aufsehen erregt und viel Lob erntet. Aber genau damit erfüllen wir den Willen Gottes, unsere je eigene Berufung. Wir sollen ja nicht darauf warten, dass dies oder das geschehen soll, bevor wir mit dem Guten beginnen. Wir sollen nicht sagen: "Ja wenn ich in dieser Position wäre, könnte auch ich dies tun!" oder: "Hätte auch ich so viel Geld, würde ich dies auch machen!"

Es kann sein, dass einige von uns, liebe Schwestern und Brüder, von Gott zu etwas ganz Besonderem berufen sind, doch die meisten von uns hat er wohl an einen stilleren, aber nicht minder wichtigen Ort gerufen, um dort die Liebe Gottes unter den Menschen sichtbar zu machen: In Geduld und Freundlichkeit die uns anvertrauten Aufgaben an unserem Arbeitsplatz auszuführen, in Treue die tägliche Vesper zu feiern, in Liebe jeden Tag für die Kinder da zu sein, weil wir in ihnen Gottes Angesicht sehen. Und dies selbst dann zu tun, wenn man eigentlich keine Lust dazu hat.

Diese Treue im Alltäglichen, im Gewöhnlichen kann uns geradewegs zu Gott führen, zu ihm, der nicht im aussergewöhnlichen Sturm, im Feuer und Erdbeben daherkommt, sondern vielmehr im leisen, leicht zu überhörenden Windhauch; wir werden so zu Gott geführt, von dem die heilige Theresa von Avila sagt, dass er auch mitten unter den Kochtöpfen zu finden ist. So heiligen wir unseren ganz gewöhnlichen Alltag, so erfüllen wir Gottes Gebot, allzeit im Gebet zu verharren, weil all unser Tun zum Gottesdienst wird.

Dann sind auch wir in den Augen Gottes schön. Amen.