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Predigt am Karfreitag

25. März 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Cyrill Bürgi

Liebe Brüder und Schwestern,

Bei der sechsten Kreuzwegstation begegnet Veronika dem leidenden Christus. Sie steht hilflos am Wegrand des Kreuzweges Jesu und kann das ungerechte Urteil nicht ändern. In ihrer Trauer und Ohnmacht gibt sie Christus ein Zeichen des Mitleides und des Trostes und reicht ihm ein Tuch, damit er sein Gesicht vom Blut und Schweiss befreien kann. Auch wenn Veronika die Situation nicht ändern kann, so lässt sie sich doch davon berühren und schenkt Jesus ein Zeichen der Liebe.

Jesus ist gekennzeichnet von den Misshandlungen und der Folter. Sein Antlitz ist entstellt, nicht mehr das eines Menschen, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen (vgl. Jes 52,14). Gott hat den Menschen sehr gut gemacht. Er hat sein Abbild dem Menschen eingeprägt. Was wir aus diesem göttlichen Abbild gemacht haben, ist im Antlitz Christi erkennbar. "Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten (Jes 53,2). In seinem Antlitz erkennen wir die Missachtung unserer eigenen göttlichen Würde. Was wir unserer göttlichen Würde antun, wird in seinem entstellten Antlitz sichtbar. Veronika sieht dieses Antlitz, den Mann voller Schmerzen (vgl. Jes 53,3). Ohnmächtig und hilflos schenkt sie ihm ein Zeichen des Mitleidens.

Unsere Situation ist jener der Veronika nicht unähnlich. Wir alle stehen am Wegrand dieser Erde und beobachten hilflos das Leid rund um den Globus. Es sind die Bürgerkriege, die Terroranschläge, das Elend der Flüchtenden, die Korruption, die Armut, die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen, die Ungerechtigkeiten dieser Welt, auch unsere persönlichen Situationen von Leid und Not. Sie alle lassen uns gleichzeitig wütend, traurig, ohnmächtig und hilflos fühlen. Wir haben kaum Mittel um einzugreifen, zu verändern, zu trösten oder zu lindern. Es sind hilflose Zeichen der Solidarität, von flehendem Gebet und kleinen Spendenaktionen, denen wir teilnehmen. Letztlich sind das alles kleine Tropfen auf einem heissen Stein, ohne wirklich etwas an der korrupten Situation ändern zu können. Die Bitternis des Leidens bleibt im Leben der Betroffenen und in unseren Herzen.

Gott hat die Schöpfung schön und gut gemacht. Sie ist ein Abglanz seiner kreativen Freude, ein Geschenk seiner Liebe. Was wir aus diesem Geschenk gemacht haben, ist sichtbar auf dem Antlitz der Erde. Es wir durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Im Egoismus geht jeder für sich seinen Weg (vgl. Jes 53,5-6).

Auf dem Weg zum Golgatha gibt Jesus der Veronika das Tuch zurück. Darin erkennt sie sein Antlitz. Jesus gibt ihr zu verstehen, dass in ihrem eigenen Leid sein Leiden eingeprägt ist. Was sie durchmacht, macht er durch. Das geschundene entstellte Antlitz Christi zeigt sich aber nicht nur im Schweisstuch der Veronika. Das entstellte Antlitz Christi scheint heute in all den entsetzlichen und widerlichen Situationen dieser Erde auf. Den Terror, die Ausbeutung, den Egoismus, das Elend dieser Erde lässt Jesus nicht kalt. Jesus ist der Erste, der leidet, wenn die Würde eines noch so geringen Menschen verachtet wird. Das entstellte Antlitz der heutigen Welt ist das entstellte Antlitz Christi. Wenn wir das heutige Elend betrachten, nehmen wir den aktuellen Schmerz Jesu wahr. Er leidet die 1000 Tode dieser Erde.

Vielen gibt dieser Gedanke Trost, wenn sie erkennen, dass Jesus heute mit ihnen leidet – vielleicht mehr als sie selbst. Oder sie schöpfen Trost aus dem Gedanken, dass sie selbst am Leiden Christi Anteil haben, um die korrupte Welt mit Christus der Auferstehung entgegen zu tragen. Mit diesen Gedanken geht auch die Hoffnung einher, dass dieses Leid letztlich nicht sinnlos erduldet wird. Wir verehren heute das Kreuz nicht um des Leidens willen, sondern weil wir gerade darin das Erlösungswerkzeug erblicken. Gott hat aus der grössten Sünde des Menschen das höchste Erlösungszeichen gemacht. Wir haben versucht Gott am Kreuz zu töten. Er aber macht daraus unser Heil.

Als Christen stehen wir dem Elend dieser Erde nicht hoffnungslos und verzweifelt gegenüber. Gerade heute bekennen wir, dass im Kreuz Heil liegt, dass durch das Kreuz uns Rettung zuteilwird, dass wir in der Verbundenheit mit dem Kreuz Christi Anteil an der Auferstehung in einem neuen Leben mit Gott haben.

In den Grossen Fürbitten verbinden wir das Leiden dieser Welt mit dem Leiden Christi in der Hoffnung, dass daraus neues Leben ersteht.

So wie Veronika nicht teilnahmslos am Rande des Kreuzweges stand, sondern tat, was in ihrer Macht stand, so wollen wir uns berühren lassen vom entstellten Antlitz dieser Erde. In der Verbindung mit Christus wollen wir in unserem Leben die 1000 Tode dieser Erde sterben, um die Auferstehung für alle zu erlangen.