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Papst Franziskus: eine Herausforderung

Gedanken zum postsynodalen Schreiben «Amoris Laetitia» von Papst Franziskus

Dieses fast 200 Seiten starke Dokument ist eine Herausforderung – für die Lesenden und für die Kirche. Doch darf zuerst einmal festgehalten werden: Die Grundhaltung der ganzen Schrift ist eine freudige! Das drückt schon der erste Satz aus, dem der Titel entnommen ist: «DIE FREUDE DER LIEBE, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche.»

Papst Franziskus hat dieses Schreiben im Anschluss an die beiden jüngsten Synoden über die Familien verfasst. Hier liegt die erste Herausforderung: Die Lesenden können bei einer raschen Lektüre den Eindruck gewinnen, vieles schon einmal gelesen bzw. gehört zu haben. Tatsächlich nimmt das päpstliche Schreiben eine Haltung des Respekts gegenüber den Synoden bzw. den Synodenteilnehmenden ein. Deren durchaus unterschiedlichen Anliegen und Sorgen – immerhin waren bei den Synoden alle katholischen Regionen und Länder der Welt vertreten – werden in zahlreichen Zitaten aufgenommen. Hier bleibt sich Papst Franziskus treu: Über die Synoden wollte er Debatten ermöglichen. Nun spricht er nicht etwa ein päpstliches Machtwort. Vielmehr gibt er an vielen Stellen die Voten dieser Synoden wider.

Inhaltlich streicht das Schreiben an vielen Stellen das Schöne der Liebe in der Familie heraus. Er hält das Ideal einer verlässlichen Partnerschaft für das Wachsen in der Liebe hoch: Dafür ist für den Papst in der Kirche «eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig» (Nr. 3). Auch deswegen ist der Text für die Lesenden eine Herausforderung! Wer in dieser Perspektive bei der Lektüre vor allem jene Stichwörter sucht, die für Probleme in den verschiedenen Weltgegenden stehen – bei uns etwa die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen oder der Homosexuellen –, erfährt gegenüber den Abschlussberichten der Synoden zuerst einmal nicht viel Neues. Der Text gibt den Aussagen der Synoden-Teilnehmenden und der Lehre viel Raum. Diese Sicht ergänzt er oft sehr selbständig an Orten, an denen das lesende Auge beim schnellen Überfliegen kaum gelangt. Aber gerade dort findet es den Blick des Papstes auf den Menschen, der in und mit der Kirche unterwegs ist.

Und das ist die künftige Herausforderung dieses Schreibens für die Kirche: der pastorale Blick auf den Menschen. Papst Franziskus sieht nicht nur das Ideal, sondern auch den Alltag und die konkreten Sorgen von Familien und Menschen in Partnerschaften. Er will dabei die Wirklichkeit anschauen, wie sie ist, und ruft auf zu einer «verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle» (Nr. 300). Dabei mahnt der Papst als Seelsorger: «Denn den Hirten obliegt nicht nur die Förderung der christlichen Ehe, sondern auch die pastorale Unterscheidung der Situationen vieler Menschen, die diese Wirklichkeit nicht mehr leben» (Nr. 293).
Vor allem die Hirten der Kirche (Priester, aber auch "Laien, die ihr Leben dem Herrn geschenkt haben» [Nr. 312]) werden vom päpstlichen Schreiben an vielen Stellen direkt angesprochen und herausgefordert: Die ihnen übertragene Verantwortung ist viel grösser, als dies in lehramtlichen Texten bisher der Fall war. Sie werden nicht als Ausführungsbeamte der kirchlichen Lehre angesehen, sondern als eigenverantwortliche Menschen, die im Licht des Glaubens andere Menschen begleiten. Der Papst erlässt dazu keine Normen (wer darf genau wann und wo und unter welchen Umständen ein Sakrament empfangen), weil er keine Kasuistik wünscht: «Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, das man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf, doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen. Zugleich muss gesagt werden, dass genau aus diesem Grund das, was Teil einer praktischen Unterscheidung angesichts einer Sondersituation ist, nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann. Das gäbe nicht nur Anlass zu einer unerträglichen Kasuistik, sondern würde die Werte, die mit besonderer Sorgfalt bewahrt werden müssen, in Gefahr bringen» (Nr. 304). Und ein solcher Wert ist für den Papst – und hier bleibt er sich in diesem Heiligen Jahr selbst treu –, die Barmherzigkeit. So wünscht sich Papst Franziskus in der Kirche ein Klima, das davon abhält, «im Reden über die heikelsten Themen eine kalte Schreibtisch-Moral zu entfalten, und uns vielmehr in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe versetzen, die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern. Das ist die Logik, die in der Kirche vorherrschen muss, um die Erfahrung [zu] machen, das Herz zu öffnen für alle, die an den unterschiedlichsten existenziellen Peripherien leben» (Nr. 312).
Aber nicht nur die Hirten der Kirche werden in päpstlichen Schreiben angesprochen, sondern auch die einzelnen Gläubigen. Sie sollen sich in ihren komplexen Lebenssituationen begleiten lassen und ihrem Gewissen folgen. Selbstkritisch sagt der Papst dazu an die Adresse der Kirche: «Wir tun uns ebenfalls schwer, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben, die oftmals inmitten ihrer Begrenzungen, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium entsprechen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen angesichts von Situationen entwickeln, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen» (Nr. 37).

Papst Franziskus ist einmal mehr eine Herausforderung: für die Kirche, die von diesem postsynodalen Schreiben in ihrer Pastoral mehr in die Verantwortung genommen wird. Aber auch für alle Lesenden. Diese haben die Wahl: Lesen und zitieren wir vor allem die Zitate aus den Familien-Synoden? Oder beschränken wir uns auf einzelne uns interessierende Stichwörter, um von diesen aus das ganze Dokument zu beurteilen? Wer dieses Schreiben und damit den Papst verstehen will, sollte aber das Ganze lesen – eine Herausforderung, die bereits in den hier vorliegenden Zeilen verlangt, den zweiten und dritten Abschnitt meiner Gedanken vom vierten her zu lesen. Wenn dieser Papst keine Herausforderung ist!

Abt Urban Federer