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Predigt an Christi Himmelfahrt

5. Mai 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Lorenz Moser

Liebe Pilgerinnen und Pilger, liebe Brüder und Schwestern

Schon immer ist mir Christi Himmelfahrt als jenes Fest im Kirchenjahr vorgekommen, das irgendwie aus der Reihe tanzt. Und warum? Nicht nur, weil es so mitten in der Woche steht - ohne grosse Vorbereitung und ohne Nachheiligtag.

Während uns an den anderen Hochfesten etwas geschenkt wird: an Weihnachten der menschgewordene Gottessohn, an Ostern das neue Leben durch die Auferstehung und an Pfingsten der hl. Geist, feiern wir heute einen Abschied: der Auferstandene kehrt dorthin zurück, von wo er gekommen war. Die Jünger bleiben zurück, ohne ihren bisherigen Meister, jetzt müssen sie sich selber arrangieren, sie werden gleichsam in die Selbständigkeit entlassen. Das ist ein eher ungewohnter Festinhalt, der uns nicht Geborgenheit schenkt, sondern aufrüttelt und herausfordert.

Versuchen wir, uns in die Situation der Jünger von damals hineinzuversetzen: sie wussten noch nicht, was in Zukunft geschehen wird, sie merkten nur, dass Jesus lebt und dass mit dem Tod am Kreuz seine Sache keineswegs zu Ende ist. Er ist auferstanden. Er lebt. Es geht weiter. Aber sie wussten nicht wie.

Da taten sie, was auch wir in einer solchen Situation tun würden: sie taten sich zusammen, um den Weg trotzdem weiterzugehen, sie trafen sich in Jerusalem im Abendmahlssaal, besannen sich miteinander auf das, was sie mit Jesus erlebt hatten und öffneten sich so für den Geist, den er ihnen versprochen hatte.

Das ist, meine ich, auch unsere heutige Situation als Christen, deren wir uns oft zu wenig bewusst sind. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, Mitglieder der Kirche zu sein, von ihr verchiedenste Dienstleistungen zu erwarten und in Anspruch zu nehmen, sie gleichsam als Ersatz und Weiterführung dessen zu betrachten, was Jesus damals getan hat. Das ist sicher auch gut und richtig, aber vergessen wir nicht, dass unsere heutige Situation nicht wesentlich anders ist als jene der Apostel von damals: Jesus Christus ist nicht greifbar unter uns, und so müssen auch wir uns zusammenfinden und immer wieder neu Gemeinschaft der Kirche werden. Wir alle bilden die Kirche, aber nicht einfach dadurch, dass wir eingeschriebene Mitglieder sind; Taufscheinchrist zu sein genügt nicht. Das ist die grosse Herausforderung, an die uns das heutige Fest erinnert.

Ein ähnlicher Gedanke drängt sich auf beim Blick auf die Herabkunft des hl. Geistes. Die Heilige Schrift erzählt uns zwar, wie der hl. Geist auf die Apostel herabgekommen ist: damals am ersten Pfingstfest, als die Jünger mit den Frauen im Abendmahlssaal versammelt waren. Aber was damals geschah, ist kein Zustand, der bis heute geblieben wäre. Auf ihn folgte der Alltag, wo es darum geht, auf diesen Geist zu warten, nach ihm Ausschau zu halten; nur so wird er uns immer wieder neu geschenkt. Auch an dieses Warten erinnert uns das heutige Fest.

So fällt Christi Himmelfahrt wirklich etwas aus dem Rahmen: heute steht nicht die Geborgenheit in Gott im Vordergrund, nicht das Feiern eines unschätzbaren "Besitzes", der uns im Glauben geschenkt ist; heute werden wir wie die Apostel in die Selbständigkeit als mündige Christen entlassen. Zwar haben wir den Auferstandenen und den hl. Geist im Rücken, aber eben nur im Rücken, wir sind herausgefordert, wie damals die Jünger uns selber zu arrangieren; wir sind nicht einfach Empfänger von Weisungen und Anhänger einer bestimmten Lehre, wir sind berufen, selber Kirche zu bilden und Kirche zu leben. Das ist ein Bewusstsein, das es heute ganz bewusst zu pflegen gilt.

Es ist interessant und sollte uns auch zu denken geben, dass ein solches Kirche-Sein in Freikirchen (vor allem in Amerika) oft viel intensiver gepflegt wird als bei uns - allerdings oft auch nur kurzlebig, und da können wir froh sein um unsere Kirche, in der dieses Zusammensein organisiert ist, von wo wir immer wieder Impulse erhalten und wo wir uns immer wieder anschliessen können, wie z. B. in unserem heutigen Gottesdienst. Aber dieses Kirche-Sein bleibt steril und kraftlos, wenn es nicht durch das Engagement ihrer Glieder immer wieder neu belebt wird.

So bleibt am heutigen Tag der Aufruf an uns alle: nicht einfach zur Kirche zu gehören, sondern wirklich Kirche zu sein und Kirche zu leben. Amen.