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Predigt am Eidgenössischer Bettag

18. September 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pfr. Christoph Sigrist

Liebe Gemeinde

Viele von uns sind heute Morgen nach Einsiedeln gepilgert. Am Bettag wallfahren Katholiken, Reformierte und Glaubende anderer Religionen in Klöster und Münster, um innezuhalten, nachzudenken, was Gott vorgedacht hat. Das ist heute so, das war früher nicht anders:

An Pfingstmontag 1518 stand in diesem Raum Huldrich Zwingli. Von seinem Traum in Marignano auf dem Schlachtfeld gezeichnet, wetterte er in Glarus so gegen den Verkauf der Schweizer Männer an die Fürsten Europas und gegen die eidgenössische Geldmaschinerie mit dem Krieg, dass er als Prediger und Pfarrer nach Einsiedeln zog. 1500 Frauen, Kinder und Männer aus Zürich zogen an diesem Pfingstmontag hier ins Kloster, so viele wie noch nie. Klipp und klar predigte er: Allein durch Christus geschieht: Arme werden aufgerichtet, Blinde lernen sehen, Verkrüppelte wagen der ersten Schritt ins Offene. Das liturgische Lob Gottes in der Kirche wirkt als diakonische Hilfe vor der Kirche.

Wie Einsiedeln auf Zürich Einfluss nahm, zeigte sich damals unmittelbar: Zwingli wurde als Pfarrer ein paar Monate später ans Grossmünster gerufen. 6 Jahre später ordnete die Zürcher Regierung an, die Einsiedler Wallfahrt abzuschaffen, stattdessen in der Wasserkirche einen Topf aufzustellen: Jeder soll einen Batzen für die Armen hineinlegen.

Und ein Jahr später, 1525, trat die erste Almosenordnung in den Eidgenössischen Ständen in Zürich in Kraft, die das Geld für die Bekämpfung von Armut und Krankheit einsetzte. Eine soziale Ordnung, die Eigenverantwortung und solidarische Haltung miteinander verknüpfte, sorgte, dass das Geld an den richtigen Ort kam.

Seitdem gilt bis heute in der Schweiz: Liberale und soziale Haltung sind zwei Seiten desselben Fünfliber-Frankens, Geld und Geist ist unsre Währung, mit der wir Gott zu dienen und dem Notleidenden zu helfen haben.

Über das Pilgern und Wallfahren nach Einsiedeln sind wir zur Zwinglis Predigt in Einsiedeln, seiner Geld und Sozialpolitik in Zürich sowie zur Geisteshaltung in der Schweiz gelangt. So wollen wir heute Morgen uns dem Geld zuwenden. Für dieses Mal wollen wir den Zürcherischen Geist nicht walten lassen: Über Geld redet man nicht, sondern man hat es….

Der Evangelist Lukas war alles andere als ein Zürcher. Er redete wie kein Zweiter über das Geld. Für Jesus wie die ersten Gemeinden galt: Geld hat man nicht, deshalb redet man darüber. Und Jesus bringt es auf den Punkt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Dieser Spitzensatz der theologischen Ökonomie schreibt bis heute unzählige Kapitel in Herzen und Häuser. Es rechnet und lohnt sich, wenn wir diesen Satz nun meditieren. Sie werden sehen.

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Jesu erzählt von einem gerissenen Verwalter. (Lukas 16,1-19). Ein reicher Mann hörte, dass sein Verwalter sein Vermögen verschleudere. Er rief ihn zu sich: Ich brauche die Abrechnung, oder sonst bist du gefeuert. Der Verwalter dachte nach: Mit den Händen arbeiten bin ich zu schwach, betteln kann ich nicht. Ich mache networking auf meine Art. Er liess die Schuldner kommen und fälschte zusammen mit ihnen ihre Schuldscheine, zum Teil bis zur Hälfte. So war er sicher, dass jemand ihn aufnahm, wenn ihm gekündigt wird. Der Reiche liess ihn kommen, und – lobte ihn: Klug gehandelt. Du hast Freunde mit dem ungerechten Mammon gemacht. Liebe Gemeinde, Ungerecht ist der Mammon, weil er predigt: arm und reich ist Gott gegeben. Arme sind faul und Reiche sind fleissig, that’s it.

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Lukas, der Evangelist, schrieb sich in seinem Buch wegen dem Geld die Finger wund: Christen sollen sich hinter die Ohren schreiben: Geld, Besitz ist nie und nimmer privat, sondern von Gott anvertraut. Der Mensch ist rechenschaftspflichtig. Hab und Gut kann niemand besitzen, sondern beides ist in Gottes Namen weiter zu verwenden. Welches ist das zentrale Kriterium für die Verwendung? Kennst Du die Geschichte vom barmherzigen Samariter: 2 Denare für den Wirt, um den Verletzten zu pflegen, mit einer gesprochenen Defizitgarantie, wenn die Kosten grösser sind (Lukas 10,35). Besitz ist sozialpflichtig, sonst wird es gefährlich.

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Warum gefährlich? Lukas war überzeugt: Geld kann nicht das Leben sichern, sondern Gott allein. Er garantiert über Leben und Tod, er liess sich so in das Leben, Sterben und Auferstehen seines Sohnes ziehen, sodass alle Menschenkinder freie Hände geschenkt bekamen, dem andern zu helfen und nicht sich ans eigene Geld zu klammern. Der reiche Kornbauer zeigt es: Wer sein Herz ans Geld klammert, den bestraft das Leben (Lukas 12,16-21). "Denn wo euer Schatz ist, da wird auch Euer Herz sein." (Lukas 12,34). Radikal wie kein anderer kritisiert Lukas die Vergötzung des Besitzes, bei dem das Streben nach Besitz und die Akkumulation von Gütern zu zentralen Inhalt des Lebens werden. So wird Geld zu Geiz, so entsteht die Religion des Marktes.

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Es war Kurt Marti, der bekannte Pfarrer, Dichter und Theologe, der mit dem Spitzensatz Jesu im Lukasevangelium die 10 Gebote der Markt-Religion entwarf: "Ich, der Markt, bin dein Herr und Gebieter. Du darfst auch andere Götter neben mir haben, doch sollst du mir allein mit dem ganzen Fleiss deines Lebens dienen. Du sollst Dir kein Bild von mir machen, mich nicht durchschauen. Sechs Tage sollst du meine Geschäfte betreiben, am siebten Tage aber überleben, wie sie noch besser betrieben werden können."

Liebe Gemeinde, viermal haben wir den Spitzensatz von Lukas meditiert: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Entscheide ich mich für Gott, dann werde ich frei, über Schuldenerlasse zu verhandeln, die Sozialpflichtigkeit des Geldes zu sehen, der Gefahr des Geldes, zu Geiz zu verführen oder Götze zu werden, bewusst zu werden. Das rechnet sich.

Klöster und Münster, Tempel und Moscheen, Kirchen und Synagogen sind öffentliche Zeichen von einer Religion, die immer wieder rang um diese Entscheidung und mehr als uns lieb ist, dem Mammon diente und dient. Das wissen wir.

Wir begegnen jedoch auch immer wieder Menschen, die Gott dienen und das Geld als das nehmen, was es ist: Gabe Gottes. Sie machen das auf vielerlei Weise. Ich sehe vor allem drei Wege: Entweder entscheiden Menschen, total auf Besitz zu verzichten. Sie geloben Armut und sehen sich so in der Nachfolge Jesu. Andere legen alles Hab und Gut in Gütergemeinschaften, Genossenschaften zusammen und nehmen sich die urchristlichen Gemeinden zum Vorbild. Und wiederum andere gehen den Weg der Philanthropie, der grosszügigen Freigiebigkeit, meist im Stillen, ohne grosse Worte, und fühlen sich zum Frauenkreis gezogen, von dem Lukas berichtet, dass Johanna, die Frau des reichen Chusa, Jesus und seine Jünger tatkräftig unterstützte (Lukas 8,1-3).

Viele sind heute Morgen nach Einsiedeln gepilgert, um an Bettag nachzudenken, was Gott vorgedacht hat: Nach Gottes Willen soll – so steht es im 5. Buch Mose geschrieben - kein Armer unter euch sein. (5. Mose 15.4). Amen.