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Predigt am Rosenkranzsonntag

2. Oktober 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Da stirbt einem Mann seine Frau. Als wäre das nicht schon schwer genug zu ertragen, hört er, sein Sohn habe eine Krebsdiagnose erhalten. Dabei weiss er doch schon, dass seine Tochter vor einer Trennung steht, wozu nicht zuletzt der Verlust ihrer Arbeit beigetragen hat. – Mehr Menschen als wir denken, kennen diese geballte Ladung an Leid. Woher holen sich Menschen in solchen Situationen die Kraft weiterzumachen? Nicht zu verzweifeln?

Liebe Brüder und Schwestern, betrachten wir für diese Fragen die Jünger Jesu einmal nicht als heilige Apostel, sondern als eine menschliche Familie mit allen Höhe- und Tiefpunkten: Während drei Jahren sind sie mit Jesus herumgezogen. Sie assen, tranken und schliefen in den gleichen Räumen oder im Freien, sie erlebten mit Jesus alle Höhen und Tiefen: seine Predigten, seine Heilungen, seine Wunder, aber auch seine Verstossung, seine Hinrichtung. Zwischen ihnen kam es zu Austausch der Freude, zu Ausgelassenheit und Freundschaft, aber auch zu Machtgerangel und Streit, Verrat, Gewalt und Verleumdung. Mit all diesen Erfahrungen im Gepäck, standen auch sie grossen Zerreissproben gegenüber. Woher holten sie sie Kraft weiterzumachen? Natürlich, sie trafen nach dem Kreuz auf den Auferstandenen: er hat mit ihnen gegessen und getrunken, doch hat diese Erfahrung mehr verunsichert als etwas anderes! Mussten sie so etwas wirklich glauben: einer, der von den Toten auferstanden ist? Und war er nicht schon wieder weg, bevor die Jünger beginnen konnten, an die Oster-Botschaft zu glauben? In der heutigen Lesung treffen wir sie am Ölberg. Kurz zuvor ist Christus vor ihren Augen in die Sphäre Gottes aufgenommen worden, in den Himmel. Schon wieder sollten sie ihn verlieren? «Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?», fragen sie ihn noch kurz zuvor. Erleben wir jetzt endlich das Ende unserer Zweifel und Nöte, gibt es ein gutes Ende für uns alle? Wir verstehen diese Frage der Jünger nur zu gut. Aber Jesus antwortet ihnen: «Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren.» Er rät ihnen nur, sie sollen in Jerusalem bleiben und auf die Kraft des Hl. Geistes warten. Und da treffen wir sie nun in der heutigen Lesung: eine kleine, verunsicherte Familie, versammelt in einem Raum, den sie aus Furcht nicht mehr verlassen, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu.

Meine Lieben, der Glaube an Christus war für die Apostel nicht einfacher als für uns heute. Gerade deswegen können wir aus diesen wenigen Sätzen der Lesung auch etwas für unser Fragen und Zweifeln lernen. Ich versuche es in drei Punkten: In ihrer Unsicherheit und Zukunftsangst schlossen sich die Apostel und die Frauen zu einer Gemeinschaft von Wartenden zusammen, von Hoffenden. Oft ist Leid kaum alleine auszuhalten, es braucht die Gemeinschaft. Es ist einfacher, statt mit seinen Ängsten und Fragen ins Bodenlose zu sinken, sich in eine Gemeinschaft der Hoffenden zu begeben, in eine Gemeinschaft also, die hinter dem Leiden Leben sucht. Wir kennen auch andere Arten von Gemeinschaft: wo alles noch schlechter gemacht wird, wo wir einander beklagen und so noch mehr niederreissen. Die Kirche muss eine Gemeinschaft sein, die uns weiterbringt, eine Gemeinschaft der Hoffenden. In ihr sollen wir einander beistehen, und wenn es nur ein gemeinsames Ausharren ist, ein gemeinsames Warten. Warten heisst wenigstens, dass wir etwas erwarten. Darum beklagen wir ja nicht einfach unser Leid im Gottesdienst. Wir geben Gottes Wort Raum: Wir lesen gemeinsam in der Bibel, wir begegnen ihm im Sakrament und warten, erwarte so den Herrn – bis er wiederkommt.

Das wäre schon der zweite Punkt: Die Jünger und die Frauen bilden nicht irgendeine Gemeinschaft, sondern eine betende. Das Gebet stellt unsere Erfahrungen in neue Horizonte, in ein neues Licht. Wir kommen nicht zusammen, um unserem Schicksal in Gedanken und Gefühlen wieder und wieder alleine nachzugehen; das geschieht schon oft genug im Alltag. Im gemeinsamen Beten scheint den Jüngern das Hoffen und das Glauben leichter zu fallen. Das sollte auch heute Kirche ausmachen: Wir dürfen unser Fragen und Zweifeln ins gemeinsame kirchliche Gebet einbringen. Dieses soll uns tragen, uns helfen zu ertragen.

Und ein Drittes: Jesus sagt den Aposteln, sie sollen in Jerusalem auf die Verheissung des Vaters warten, auf den Hl. Geist. Wir brauchen diese Kraft Gottes: seinen Geist. Mit Maria haben die Jünger ja das Beispiel in ihrer Mitte: Zu ihr kam der Engel Gabriel, was übersetzt heisst: meine Stärke ist Gott. Und sie hat Gott empfangen: den Hl. Geist, die Stärke Gottes. Dieser Geist hat sie nicht von der Tier-Krippe für ihren Sohn bewahrt, nicht von der Flucht nach Ägypten, nicht vor dem Kreuz. Aber sie hat die Kraft erhalten, zu bleiben, die Stärke, nicht zu verzweifeln und den Glauben und das Vertrauen in ihren Sohn nicht zu verlieren.

Wenn wir nun heute am Rosenkranzfest als Männer und Frauen um die Muttergottes Maria versammelt sind, sind auch wir Kirche. Wenn es uns dabei gelingt, als Kirche einander das zu geben, was diese erste verunsicherte Gemeinde in der Apostelgeschichte einander gab, wäre doch viel gewonnen für uns alle! Geben wir einander die Stärke und Kraft, nicht zu verzweifeln, sondern neu Hoffnung und Vertrauen zu schöpfen, bitten wir gemeinsam um den Hl. Geist, um diese direkte Beziehung zu Gott zu pflegen, die uns tragen und weiterbringen kann. Wer übrigens den Rosenkranz betet, begibt sich immer in diese drei Punkte: In der Gemeinschaft der hoffenden Kirche ist der Rosenkranz Gebet, Gebet um den Hl. Geist, die Kraft und Stärke Gottes. Möge diese Hoffnung und Zuversicht uns tragen in den vielen schwierigen und oft aussichtslosen Momenten unseres Lebens. Amen.