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Predigt an Allerheiligen

1. November 2016, Klosterkirche Einsiedeln, P. Jean-Sébastien Charrière

Liebe Schwestern und Brüder

Wollen Sie heilig sein?
Wenn wir jemandem diese Frage stellen, kommt oft zuerst eine Zeit der Verlegenheit, dann erscheint eine fast unsichtbare Grimmasse, auf welche dann die scheue Antwort folgt: "eher nicht!"
Wenn wir hingegen fragen: "Willst Du gesund sein" kommt ohne zu zögern ein klares "Ja"!

Aber was ist die "Heiligkeit" anderes, als die Gesundheit der Seele – die Gesundheit unseres Wesens, von dem, was unser ganzes Leben prägt und bewegt?
Wo liegt, dann das Problem, dass wir einmal "eher nein" antworten, und einmal eine klare Zustimmung geben? Wollen wir nicht ganz gesund sein?

Vielleicht, liegt es daran, dass wir ein falsches Bild der Heiligkeit haben. Wir denken, dass "heilig sein" auch Synonym ist für "langweilig, frömmlerisch, süss und charakterlos, lebensfern, masochistisch, und so weiter. Wahrscheinlich kommen wir darauf, weil wir vor allem das Leben von Menschen anderer Zeit und Kultur betrachten, und glauben, wir sollten heute das gleiche machen. Und wir machen das statt unsere eigene Berufung und Einmaligkeit zu entdecken und zu leben!

"Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig" (Lev 19,2) lesen wir im Buch Levitikus. Und Jesus sagt: "Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat" (Joh 12,45). Und wenn wir Jesus – das Urbild aller Heiligkeit - betrachten, bekommen wir ein Bild der Heiligkeit, das unsere Vorstellung ändern könnte! Von ihm sagten einige Leute: "Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!" (Matt. 11,18). Dies zeigt uns, dass er keine Berührungsangst hatte, und dass er sich am Leben freuen konnte. Selber macht er die Kritik: "Wir haben für euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen" (Matt 11,17). Jesus war nicht lebensfern und wusste, dass es im Leben Zeiten gibt, um sich zu freuen, und andere, um zu weinen (siehe Kohelet 3,1ff.). Bei der Hochzeit zu Kana sagt er nicht: "Wenn ihr Durst habt, habt ihr doch Wasser, das gesünder und asketischer ist als Wein!" Nein, er verwandelt das lebensnotwendige Wasser in "Wein, der das Herz des Menschen erfreut!" (Ps. 104,15). Und beschafft davon nicht weniger als 600 Liter! (siehe Joh. 2,1-12) Obwohl wissend, dass "der Wein sogar die Weisen zu Fall bringt" (Sir. 19,29). Jesus hatte auch ein starkes Temperament, wie die Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel zeigt (siehe Joh. 2,15-17). Und doch erfahren wir immer wieder wie Jesus Mitleid hatte, wie er in seinem Innersten tief berührt wird, wortwörtlich übersetzt, wie er in den Eingeweiden bewegt wird (zB: Mk. 1,41). Er konnte sich freuen und war auch fähig zu weinen (Joh. 11,35; Lk. 19,41).
Jesus war ein normaler Mensch und ein menschlicher Gott! Er hat das Leiden und den Tod weder gesucht noch glorifiziert (siehe Matt. 26,37b-39). Und das erwartet er auch nicht von uns. Gott will uns mit Leben, mit Freude und Friede, mit Wahrheit und Liebe erfüllen (siehe Joh. 10,10). Leider suchen wir oft das gleiche in anderen Dingen, die uns nicht erfüllen und sogar verhindern, seine Gaben zu empfangen. Das hat Jesus stark kritisiert, und so ist er auch, wie später die Heiligen, gegen den Strom geschwommen.

Im Gegensatz zu Christus, und menschlich gesehen, waren die Heiligen nicht perfekt. Im ersten Johannesbrief lesen wir auch: "Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns" (1.Joh. 1,8). Das gilt auch für die Heiligen. Sie haben ebenfalls Fehler gemacht und manchmal haben sie auch in verschiedener Hinsicht übertrieben. Leider nehmen wir oft gerade das, worin sie übertrieben haben, als Vorbild, was auf viele abstossend wirkt! Ihre Übertreibung war aber oftmals ein Versuch, ihre Liebe zu Gott auszudrücken. Und wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben! (siehe Lk. 7,47). Was wir von den Heiligen lernen und worin wir ihnen folgen sollten, sind nicht ihre Taten an sich, sondern ihre brennende Liebe, und dass sie nicht bei ihren Fehlern und Problemen stecken geblieben sind. Vielmehr waren sie voll Vertrauen und Zuversicht immer wieder bereit aufzustehen und vorwärts zu gehen! Vor allem das sollten wir von ihnen lernen! Das ist es, was selig macht und zum Heil führt!

Auch wenn die Evangelien uns griechisch überliefert worden sind, können wir auf Grund vieler Redewendungen merken, dass die aramäische oder hebräische Sprache dahinter steckt. Bei den Seligpreisungen hätte Jesus nicht griechisch "makarioï" gesagt, sondern aramäisch "ashréi", das im Wort "ashar" wurzelt, und Geradlinigkeit ausdrückt. Man übersetzt es mit schreiten, geradeaus gehen, glücklich sein. Wir können es so verstehen: Um selig zu sein, müssen wir uns aufmachen, vorwärts gehen und uns nicht mit unseren Problemen, unseren Sünden und Schwierigkeiten identifizieren, sondern voll Vertrauen und Zuversicht auf Gott zugehen. Denn er ist es, der uns heiligt, wie es im Buch Levitikus steht: "Ihr sollt euch heiligen, um heilig zu sein; denn ich bin der Herr, euer Gott. Ihr sollt auf meine Satzungen achten und sie befolgen. Ich bin der Herr, der euch heiligt" (Lev 20,7-8).

Liebe Schwestern und Brüder
In erster Linie ist es nicht die Askese, die heilig macht, sondern der heilige Gott. Weil Gott uns heiligt, haben wir die Kraft zur Askese, und die Kraft, nicht nach unserem Vorteil zu suchen, sondern nach dem der anderen. Von Gott kommt die Kraft, auch unsere Feinde zu lieben. Diese Kraft ist nicht die Frucht unserer Bemühungen, sondern die Frucht unserer Begegnung mit Gott: Begegnung in der Stille und dem Gebet, in der Schrift und den Sakramenten. Heilig sein bedeutet nicht, künstlich zu versuchen eine andere Person zu werden oder eine heilige Rolle zu spielen. Im Gegenteil! Heilig sein bedeutet wirklich sich selber werden, wie Gott uns ursprünglich gedacht hat. Heilig sein hat mit Heil zu tun, es ist die Gesundheit unseres Seins.

AMEN