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Predigt an Maria Empfängnis 2016

8. Dezember 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Haben Sie sie heute Morgen beachtet, als Sie über den Klosterplatz liefen? Oder haben Sie sie jetzt beim Zuhören vor Ihrem inneren Auge: unsere Madonna im Liebfrauenbrunnen auf dem Klosterplatz? Sie ist schön, ganz aus Gold, und steht auf einer Mondsichel und hat um ihr Haupt einen Kranz von Sternen. Damit ist bei uns kunstvoll und elegant umgesetzt, was in der Offenbarung des Johannes, auch Apokalypse genannt, so nachzulesen ist: «Dann erschien ein grosses Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füssen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.» Unsere Klosterplatz-Madonna ist aus Gold, um zu zeigen, dass die Sonne selbst ihr Kleid ist. Die anderen Himmelskörper Mond und Sterne schmücken sie dabei ebenfalls.

Wenn wir uns an etwas gewöhnen, ist es in Gefahr, von uns nicht mehr wahrgenommen zu werden und damit für uns auch kaum mehr Bedeutung zu haben. Fragen wir darum einmal nach: Wer ist sie, diese apokalyptische Frau auf dem Klosterplatz? Wofür steht sie? Spätestens seit der Dogmatisierung des heutigen Festes am 8. Dezember 1854 steht eine ohne Kind abgebildete Frau auf einer Mondsichel für die ohne Sünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie das heutige Fest konkret heisst. In der Apokalypse steht weiter, dass gegen die Frau und ihren Sohn der Drache kämpft, der Satan, und einen Teil der Sterne hinwegfegt. Dem Sohn kann der Drache nichts anhaben: dieser wird zu Gottes Thron entrückt. Aber auch die Frau wird siegen: Darum steht sie auch auf dem Klosterplatz von Einsiedeln auf der Schlange, dem Satan, der keine Macht über sie hat. Eine erste Antwort können wir also geben auf die Frage, wer diese Frau ist, wofür sie steht: Sie steht in der Offenbarung des Johannes, das ein Trostbuch in der Verfolgungszeit ist, als Zeichen für eine verheissungsvolle Zukunft. Und sie ist ein grosses Hoffnungszeichen für uns! «Fürchte dich nicht Maria.» Der Engel sagt dies im Evangelium zu Maria, weil er um diese grosse Hoffnung weiss und Maria in diese Hoffnung hineinstellt. Ohne diese Verheissung hätte Maria ihr Leben vielleicht gar nicht gewagt, hätte aufgehört zu kämpfen. Wir Menschen brauchen eine Hoffnung, die uns trägt, wir brauchen Ziele, für die es sich lohnt zu kämpfen und Kämpfe auszuhalten. Maria ist darum ein grosses Zeichen der Hoffnung für uns.

Auf dem Klosterplatz steht eine Frau, die uns zeigt, dass es sich lohnt zu hoffen, dass es sich lohnt, an eine Zukunft zu glauben – auch in Bedrängnis und Verfolgung. Sie erzählt darum auch von unserer Aufgabe, den Lebenskampf zu bestehen, der jedes Leben ausmacht. Die Kirche, wir einzelnen Gläubigen müssen uns in unserer eigenen Geschichte mit dem Satan, mit dem Bösen auseinandersetzen. Der Ausgang dieses Kampfes ist aber im Glauben gewiss: der Sieg über diese alte Schlange. Der Zugang zu Gott bleibt für uns immer offen.

Die goldene Statue auf dem Klosterplatz birgt aber auch eine Gefahr in sich. «Fürchte dich nicht Maria» – und was ist mit meiner Furcht? Oder wir denken: Maria konnte das – ich nicht. Oder: Seht, wie Maria strahlt – mein Leben ist im Moment eher pechschwarz als strahlend vor Gold. Nehmen wir diese Madonna auf dem Klosterplatz fast nicht mehr wahr, weil sie mit unserm Leben nichts zu tun zu haben scheint, für uns zu abgehoben ist? Weil wir wissen, dass diese goldene Madonna «Maria» heisst, stellen wir oft keine weiteren Fragen mehr. Die Muttergottes wird mir in ihrer Demut verzeihen, dass ich darum einmal ihren Namen weglasse. Die apokalyptische Frau kann Maria heissen. Die Frau in der Offenbarung des Johannes hat eigentlich gar keinen Namen und steht auch für das Gottesvolk, das den Messias hervorbringt, sie steht für uns Gläubige, die oft unter Wehen und Schmerzen zur christlichen Hoffnung finden müssen. Manchmal ist es gut, nicht sofort sichere Namen und Antworten zu haben, sondern etwas nicht zu benennen, um nicht Fragen abzukürzen. Ohne Namen meint auch die Frau auf dem Klosterplatz uns selbst!

Und wenn ich dieser apokalyptischen Frau nun wieder den Namen «Maria» gebe, darf diese nicht für eine nicht zu erreichende Frau stehen, die nichts mit uns zu tun hat, sondern vielmehr für unsere marianische Berufung. Schon früh hat man im Christentum verstanden, dass wahre Marienfrömmigkeit uns Gläubige meint, unsere Hoffnung stärken soll. Und die mittelalterliche Mystik muss den Namen «Maria» oft nicht mehr erwähnen, weil es für sie einfach klar ist: So wie Maria das Wort Gottes in diese Welt gebracht hat, so ist es an uns, Christus zu gebären, unter Schmerzen und Zweifeln, und ihn zu anderen Menschen zu bringen. In einem alten Adventslied, dessen erste drei Strophen auf dem Dominikaner-Mystiker Johannes Tauler aus dem 14. Jahrhundert zurückgehen, wird darum Maria nicht erwähnt. Sie wird mit einem Schiff verglichen, das im Getriebe der Welt dahinfährt und das Gottes Wort trägt. Dieses namenlose Schiff meint damit auch unsere Berufung: die kostbare Fracht des Wortes Gottes zu unserem Herzen und zu anderen zu bringen. Dafür braucht dieses marianische Schiff den Hl. Geist, die Liebe, als Segel, um weiterzukommen, und den Anker der Hoffnung, um nicht haltlos zu werden. Wir werden nun die drei Strophen dieses Liedes miteinander singen (KG 305). Und wenn wir nach dem Gottesdienst die Madonna auf dem Klosterplatz sehen, dürfen wir glauben und vertrauen: Sie ist ein Zeichen der Hoffnung für uns, damit wir selbst zu mehr Hoffnung finden, um den Lebenskampf zu bestehen, und daran glauben, dass sich dieser Kampf lohnt, denn wir haben eine Zukunft in Gott.

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.