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Predigt an Weihnachten

25. Dezember 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Philipp Steiner

Sprache ist etwas Faszinierendes. Hinter einem einzigen Wort kann sich eine ganze Welt verbergen. Komplexe Sinnzusammenhänge werden durch ein Wort fassbar.
Sprache ist für uns Menschen wesentlich. Auch wenn unsere Mimik und Gestik eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen – das Wort ist für uns geradezu unentbehrlich, wenn wir mit anderen kommunizieren wollen. Im Wort "Kommunikation" steckt das lateinische Wort "communio": Gemeinschaft. Indem wir kommunizieren, können wir uns mit anderen in Beziehung setzen und Gemeinschaft aufbauen. Das Spannende an der Sprache ist: Auch kleine Wörter können Grosses bewirken, denken wir an Ja oder Nein. Mit einem einfachen Ja kann der Bund fürs Leben geschlossen werden. Ein Nein kann Gemeinschaft verhindern oder sogar zerstören.

Liebe Brüder und Schwestern!
Eine Fülle von Wörtern, die zwar nur eine oder zwei Silben besitzen, aber doch unendlich viel sagen, haben wir eben im Evangelium gehört: Gott, Leben, Licht, Welt, Gnade und vor allem: das Wort. Es sind Worte, hinter denen sich ebenfalls eine ganze Welt verbirgt: die Welt des Glaubens, die Heilsgeschichte.
Auch der Glaube kommt nicht ohne Sprache, ohne Kommunikation aus. In feierlichen Worten wurde in der Lesung aus dem Hebräerbrief verkündet, was der Kern des jüdischen und christlichen Glaubens ist: Gott offenbart sich uns Menschen, er spricht zu uns. Der Verfasser des Hebräerbriefs schreibt: "Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten" (Hebr 1,1). Das ist für eine Offenbarungsreligion nichts Besonderes. Auch Juden und Muslime glauben, dass Gott sich durch Menschen mitteilt.
Was dann aber weiter im Hebräerbrief folgt, ist für Nicht-Christen oftmals ein Skandal und auch wir sind herausgefordert. Denn es heisst dort: "In dieser Endzeit aber hat er (Gott) zu uns gesprochen durch den Sohn […]; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens" (Hebr 1,2a.3a).
Hier finden wir das spezifisch christliche an der Offenbarung: Gott offenbart sich nicht nur durch Menschen, sondern als Mensch. Er offenbart sich nicht nur durch Worte, sondern durch das fleischgewordene Wort. Hier stehen wir vor dem faszinierendsten Aspekt des christlichen Glaubens, aber auch vor dem Skandal oder gar vor der Gotteslästerung, welche der Glaube an Jesus Christus in den Augen anderer Religionen darstellt. Hier trennen sich die Wege, hier unterscheidet sich der christliche Glaube von allen anderen religiösen Überzeugungen in grundlegender Weise. Denn Religion – gleich welche – ist die Hinwendung des Menschen zu Gott. Im Christentum ist es genau umgekehrt: In Jesus Christus sucht Gott den Weg zum Menschen.

Liebe Mitchristen!
Die Lesung aus dem Hebräerbrief und das Festtagsevangelium des Johannesprologs wollen uns zum Staunen führen. Staunen darüber, wie Gott mit uns kommuniziert, wie er mit uns Gemeinschaft leben will.
Nach der anschaulichen Weihnachtserzählung an Heiligabend richtet der Johannesprolog den Blick auf das grosse Geheimnis dieses Kindes, das wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Es ist ein gewaltiger Kontrast zwischen dem uns so vertrauten Weihnachtsevangelium von der Geburt Jesu im Stall und dem eher abstrakten Evangelium am Weihnachtstag. Wir tun uns vielleicht schwer damit, beides zusammenzubringen. Aber in gewisser Weise ist es wie mit einem Wort, das wir noch nicht kennen: Wir sehen die Buchstaben, wir hören den Laut, aber der Sinn des Wortes ist dadurch noch nicht erschlossen. Wir brauchen das Gedankengebäude dahinter. Ebenso ist es mit dem Weihnachtsgeschehen: Das neugeborene Kind in der Krippe, Maria und Josef, die Hirten – all das macht das Weihnachtsgeheimnis noch nicht aus. Wäre das so, dann bliebe das Ereignis vor etwas mehr als 2000 Jahren eine nette Episode, wäre aber auch von niemandem überhaupt bemerkt, geschweige denn aufgeschrieben und überliefert worden. Weihnachten ist viel mehr! Johannes hat dieses "Dahinter" in den unglaublich dichten Worten auf den Punkt gebracht: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. […] Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit" (Joh 1,1.14).

Kleine Worte mit grosser Wirkung: Das sind die Worte aus dem Johannesprolog. Was ist nun das Wort, das Gott zu uns spricht? Es ist sein JA zu uns Menschen. Indem er seinen Sohn als Retter gesandt hat, hat Gott das JA eingelöst, das er am Anfang der Schöpfung gesprochen hat. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, damit unser eigenes Menschsein gelingen kann.
Der Mensch ist für Gott so wertvoll, dass er selber Mensch wird. Gottes JA in Jesus Christus hebt uns in eine neue Beziehung zu ihm. Denn im Johannesprolog heisst es: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden" (Joh 1,12). Sich ganz Gottes JA anzuvertrauen und als seine geliebte Söhne und Töchter zu leben, das ist unsere Antwort auf die Botschaft, die Gott uns jedes Jahr in der Feier von Weihnachten anbietet.

Liebe Schwestern und Brüder!
Sprache ist etwas Faszinierendes. Ebenso ist es auch unser christlicher Glaube. Lassen wir uns ein auf das Dialogangebot Gottes in Jesus Christus und wir werden eine Gemeinschaft erfahren, die uns staunen lässt!
Amen.