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Predigt an Neujahr

1. Januar 2017, Klosterkirche Einsiedeln, P. Thomas Fässler

Als vor ziemlich genau einem Jahr meine Studienzeit in Bern zu Ende ging, schenkten mir zwei gute Freunde zum Abschied ein Fotoalbum. Darin verewigten sie glückliche und freuderfüllte Momente, die wir gemeinsam erleben durften. Auf die erste Seite schrieben sie dabei: "Tempus fugit" – die Zeit rennt davon.

"Wie schnell doch die Zeit vergeht!" – Solche Worte hören wir, liebe Schwestern und Brüder, gerade jetzt in dieser Zeit, da ein neues Jahr anbrach, oft. "Erst noch haben wir doch Silvester gefeiert und schon wieder ist ein weiteres Jahr rum!" Dabei ist dies eine Erfahrung, die Menschen schon seit Jahrhunderten machen: "Ach, wie im Fluge, Postumus, Postumus, entfliehn die Jahre!", lässt etwa der römische Dichter Horaz eines seiner Gedichte beginnen (Hor. c. 2,14). Und auch die Bibel ist voll von Bildern, die die Vergänglichkeit von allem um uns herum ausdrücken: Wie viele Stellen reden etwa von verdorrtem Gras und verwelkenden Blumen!

Angesichts dieser Erfahrung, wie schnell uns doch die Zeit durch die Finger rinnt, steigt die bedrängende Frage in uns auf, wie wir diese Zeit nun sinnvoll nützen können, wie wir daraus etwas gewinnen, das bleibt. Wir haben Angst, das kostbare Gut der Zeit zu verspielen, mit unnützen Dingen, die vergehen, die nichts zurücklassen. Das, was bleibt, was nachhaltig prägt, sind vor allem Beziehungen – die Beziehung zu Gott, zu Mitmenschen, zu sich selber. Wenn wir unsere Zeit mit ihnen füllen, müssen wir keine Angst haben, etwas Unnützem hinterherzurennen und das Wesentliche zu verpassen. Das zeigte mir letzthin eine zufällige Begegnung am Bahnhof: Ein älteres Paar lief nahe vor mir langsam die Treppe hoch. Die Frau musste dabei von ihrem Mann gestützt werden. Als ich auf ihrer Höhe war, meinte sie: "Wegen mir verpassen wir noch den Zug." Und wissen sie, was ihr der Mann geantwortet hat? "An deiner Seite verpasse ich nichts!"

Wenn der Mensch in Beziehungen investiert, für andere da ist, ihnen beisteht oder einfach nur Zeit mit ihnen geniesst, dann setzt er sich für etwas ein, das Ewigkeitscharakter hat. Und ich würde dabei sogar so weit gehen und sagen, dass der Mensch überhaupt nur dann wirklich Mensch ist, wenn er Beziehungen pflegt. Denn der Mensch wurde von Gott auf Beziehung hin geschaffen, sagt er doch selbst, dass es für den Menschen nicht gut sei, dass er alleine ist – so wie auch Gott selbst von Anfang an Beziehung war. Ja, das Wesen des dreifaltigen Gottes ist Beziehung. Dies wird auch darin deutlich, dass Gott von Johannes mit der Liebe gleichgesetzt wird. Gott selbst wiederum offenbart sich Mose gegenüber als "Jahwe", als der "Der-ich-bin", als der Seiende. Wenn nun also Gott die Liebe schlechthin wie auch das Sein ist, dann entspricht – stellen wir die Formel um – eigentliches Sein der Liebe. Der Mensch ist also nicht, indem er denkt, sondern indem er liebt. Erst die Liebe, erst die Beziehung macht den Mensch zu dem, wie er von Gott her gedacht ist.

Und Liebe ist dabei das, was selbst im Himmel bleibt, wenn alles andere vergangen ist, wenn die Hoffnung erfüllt und der Glaube zur Gewissheit wird. Liebe ist das, was alles überhaupt einen Sinn, einen Wert gibt: Ich könnte noch so gescheit reden – hätte ich die Liebe nicht, wären meine Worte dröhnendes Erz, mein Tun und Denken leer. Und dabei drängt uns die Liebe regelrecht, sie auszuleben, sich selbst zu verschenken, ganz allein um ihrer selbst willen, weil wir Freude daran haben, mit Menschen zu sein, in denen wir zugleich immer auch Gott nahe sein dürfen. Und wir wissen: Liebe dürfen wir nicht mit einem Gefühl verwechseln, das kommt und geht, ohne dass wir viel dafür tun können. Liebe ist eine Grundhaltung, für die wir uns bewusst entscheiden können; denn nur so macht es überhaupt Sinn, dass wir von Christus zur Liebe aufgerufen werden. Ihm selber werde ich immer ähnlicher, indem ich Beziehung lebe, mich selbst überschreite, das Um-mich-herum-Kreisen verlasse, meinen Blick für andere weite, und sie auch in meine Beziehung zu Gott hineinnehme.

Liebe Mitchristen, wenn wir die Zeit, die uns geschenkt wird, in Beziehungen legen, werden wir also immer mehr zu wahren Menschen, werden wir auch Gott immer ähnlicher, bauen wir an etwas, das bleibt, das die Ewigkeit überdauert.

Auf die erste Seite des eingangs erwähnten Fotoalbums schrieben meine Freunde: "Tempus fugit". Und daneben setzten sie die Worte: "Amor manet" – die Liebe bleibt. Amen.