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Predigt an Christi Himmelfahrt

25. Mai 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern in Christus: Vermissen Sie etwas? Vielleicht hatten Sie noch kein Frühstück und ein leichtes Knurren zeigt ihnen an, dass Ihr Magen ziemlich leer ist und sie das Essen vermissen. Das ist eine gute Einrichtung, denn wir dürfen feststellen: Im Gegensatz zum Hirn meldet sich der Magen, wenn er leer ist. Meist vermissen wie in unserem Alltag ja nicht die Antworten auf grosse Fragen: Worin liegt der Sinn, dass wir Menschen überhaupt essen müssen. Uns beunruhigt einfach das Knurren, die Leere im Magen. Uns beschäftigt normalerweise also weniger unser Lebensziel und dessen Sinn. Mehr treibt uns die Leere umher, das Wollen und Begehren, von dem wir meist gar nicht wissen, worauf es abzielt. Warum etwa wollen wir oft ausgerechnet etwas essen, was nicht auf dem Tisch steht, und wenn wir es endlich haben, verschlingen wir es, anstatt es zu geniessen? Warum vermissen wir abwesende Menschen und tauschen uns mit ihnen über unsere Handys aus – und verspüren kaum das Bedürfnis, uns mit den Menschen abzugeben, die direkt neben uns sind?

Das ist der Mensch: immer unruhig. Oft sind wir nicht zufrieden, vermissen etwas, und was wir haben, wir bald einmal langweilig. Solange Christus auf Erden war, vermissten seine Apostel Klarheit: Sie wollten, dass sich endlich erfülle, was er verheissen hat. Sie wollten Wunder, die bestätigten, dass er wirklich der ist, auf den sie hoffen konnten. Ihre Sehnsucht knurrte nach mehr als guten Worten. Und dann machte ihnen das Kreuz am Karfreitag einen solchen Strich durch die Rechnung, dass es von ihnen noch 40 Tage nach Ostern im heutigen Evangelium heisst, als sie Christus zum letzten Mal sahen: «Einige hatten Zweifel.» Interessanterweise will Christus in diesem Moment, bevor er in den Himmel aufgenommen wird, nichts mehr erklären, ja die Zweifel nicht einmal beseitigen. Vielmehr schickt er seine Apostel – jene die zweifeln und jene, die das nicht von sich sagen – zu allen Menschen: «Macht sie zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.» Wie können wir aber anderen etwas verkünden, wenn wir selber Zweifel haben? Offenbar rechnet Gott mit dem Zweifel, mit unserer Sehnsucht nach mehr und nach anderem. Wichtiger als die Beseitigung aller Zweifel ist Gott dabei, dass wir nicht stehenbleiben, uns bewegen – äusserlich und innerlich: Geht, macht, tauft, lehrt – so heisst es im Evangelium: Gott hält unsere Sehnsucht auf Trab, und mit ihr auch jene der Menschen, denen wir begegnen. Gott scheint uns gerade beim Zweifel zu packen und traut uns Menschen zu, dass wir nicht alles verstehen und erklären müssen, und trotzdem seine Zeuginnen und Zeugen sein können.

Meine Lieben, vielleicht kennen Sie ja diese Erfahrung: Jemand hält sich an das, was Sie sagen, ist froh um Ihre Gegenwart. Dabei haben Sie selbst Probleme und auch ihre Zweifel. Die hl. Mutter Theresa von Kalkutta spürte jahrelang nichts mehr von Gott, musste ohne seine tröstende Gegenwart leben. Für andere aber war sie ein Hoffnungszeichen, ein Hinweis auf Christus, ihr Einsatz für die Armen und das Leben wurde auch von grossen Staatpräsidenten gehört. Woher kommt diese Kraft, wenn gleichzeitig die menschliche Sehnsucht das Ziel nicht erkennt, wenn der Zweifel nagt, ja einem fast zur Verzweiflung bringt? Leider hören heute viele Menschen genau dann auf zu glauben, wenn der Glaube sich neue Wege suchen muss, weil er nicht mehr auf die Gefühle, sondern ganz auf das Vertrauen abstellen muss. Wenn heute viele Menschen nicht glauben können, dann aus ähnlichen Gründen wie zur Zeit Jesu: Wir Menschen suchen Fakten, logische Beweise und Wunder. Wie auch sonst im menschlichen Leben kommt aber auch die Kraft zum Glauben aus der Beziehung. Das heutige Fest tut so eigentlich nichts anderes, als was wir auch aus dem Alltag kennen: Es nimmt uns Gewissheiten (das, was uns vertraut ist,) uns lädt uns ein, mehr zu vertrauen. «Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt», ist das letzte Wort Christi an die Apostel. Was uns also begleitet in unserem Auftrag zum Zeugnis für Gott in dieser Welt ist die Beziehung mit dem, der unerkannt unter uns ist. Mutter Theresa von Kalkutta hat trotz aller religiösen Gefühlslosigkeit jeden Tag daran festgehalten, ihre Beziehung mit Christus zu pflegen: im Gebet, in der Anbetung, in der Feier der Eucharistie, im Lesen der Hl. Schrift, in den Armen der Slums von Kalkutta. Ihre Sehnsucht hat sie auf Trab gehalten, ihre Zweifel sie nicht von Gott getrennt, sondern im Gegenteil ihn jeden Tag neu suchen lassen.

Liebe Festgemeinde, auch am heutigen Tag sind wir Mönche im Morgengebet vor Gott hingetreten und haben gesungen: «Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir.» Die Sehnsucht unserer oft trockenen Seele und auch unsere Zweifel weisen uns darauf hin, dass uns etwas fehlt, dass wir etwas vermissen. Sie trennen uns nicht etwa von Gott, sondern fordern uns heraus, die Beziehung mit Christus zu pflegen. Nehmen wir doch den letzten Satz der heutigen Lesung auch in unseren Alltag mit: «Ihr Männer und Frauen, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?» Diese Frage sagt uns nicht nur, dass wir etwas vermissen: die spürbare und sichtbare Gegenwart Gottes. Sie ist auch eine Aufforderung: Und nun geht zu allen Menschen, macht sie mit Eurer eigenen Sehnsucht bekannt: mit dem Leben im dreifaltigen Gott: im Vater, im Sohn und im Hl. Geist und lehrt sie, dass die Worte von Jesus Christus Worte des Heils sind. Eigentlich sollte darum am Schluss dieses Gottesdienstes nicht unser Magen knurren, sondern unsere Seele – und die Seelen jener Menschen, für die wir da sind. Denn wenn wir etwas vermissen, dann kann das ein Weg zu Gott sein. Amen.