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Predigt am Karfreitag

30. März 2018, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Lorenz Moser

Liebe Brüder und Schwestern

Warum eigentlich feiern wir den Karfreitag, diesen Tag der Trauer, des Leidens, des Unterganges? Ist das Christentum nicht wesentlich eine Religion der Freude, des Lebens, der Hoffnung und der Zuversicht? Was soll da der Karfreitag?

Es liegt in unserer menschlichen Natur, die negativen Seiten unseres Lebens so weit als möglich von uns fernzuhalten: wir lindern den Schmerz, heilen Krankheiten, richten uns das Leben so gut als möglich ein; Kultur und Zivilisation sind diesem Bedürfnis nach einem angenehmen, schönen Leben entsprungen, und die Menschheit hat damit doch einiges erreicht. – Aber noch lange nicht alles!

Es gibt sie nach wie vor und wird sie immer geben, die negativen Seiten unseres Lebens, und es kann eine recht grosse Herausforderung sein, sie zu bewältigen und mit ihnen umzugehen. Und wenn wir uns gegen das Leiden wehren, dann stehen wir in bester Gesellschaft, denn Jesus selber betete angesichts des bevorstehenden Leidens: "Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen".

Der Kelch ging an Jesus nicht vorüber, und auch niemand von uns kann sicher sein, dass er nicht früher oder später einen ähnlichen Kelch zu trinken hat.

Wie immer wir mit unserem Leid umzugehen versuchen, eines wissen wir aus Erfahrung: es tut gut, wenn wir unsere Sorgen und Nöte aussprechen und mit jemandem teilen können.

Genau das tun wir jetzt in diesem Gottesdienst. Wir haben soeben die Leidensgeschichte unseres Herrn vernommen und ihn bis zum Tod am Kreuz begleitet. Sein Leiden geht weit über das hinaus, was uns je widerfahren könnte. Das gibt uns Mut, unsere eigene Leidensgeschichte vor dem Kreuz zur Sprache zu bringen; sie ist ganz individuell und sieht bei jedem wieder anders aus: Hader mit sich selber, Schwierigkeiten in der Partnerschaft, Drogenabhängigkeit des Sohnes, der Tochter, Streit in der Verwandtschaft, Verlust der Arbeitsstelle, eine unvermittelte Krebsdiagnose – die Liste ist lang und vielfältig, erst recht, wenn wir auch das weitere Umfeld unseres Alltages einbeziehen. Es gibt so manches Kreuz, das getragen werden muss.

Auch das Christentum, unsere Kirche, unsere Gesellschaft, ja die ganze Welt haben ihre Leidensgeschichte; auch da geschieht viel Unrechtes, auch da haben unzählige Menschen viel zu leiden. Das alles findet heute Platz in diesem Gottesdienst: in den grossen Fürbitten, die wir gleich anschliessend vor Gott tragen werden. Legen wir da, in den kurzen Gebetspausen, alles hinein, was uns täglich in den Medien entgegenkommt: die Opfer von Terror und Krieg, die Flüchtlinge, die Hungersnöte, aber auch die politischen Auseinandersetzungen, die zu eskalieren drohen und uns Angst machen, weil sie den Frieden ernsthaft gefährden.

So stehen wir denn – mit unserer persönlichen und mit der Leidensgeschichte der ganzen Welt - unter dem Kreuz, zusammen mit Maria und dem Lieblingsjünger Johannes und hören die Worte Jesu: "Frau, siehe da deinen Sohn" und "Sohn, siehe da, deine Mutter". Es sind Worte, die auch an uns gerichtet sind, denn man hat sie immer so verstanden und interpretiert, dass Jesus nicht nur Johannes, sondern alle seine Jünger und damit alle Christen aller Zeiten seiner Mutter anvertraut hat. So ist Maria zur Mutter aller Gläubigen geworden, ihr können wir uns jederzeit anvertrauen und mit ihr unsere Sorgen und Nöte teilen – was gerade hier an unserem Wallfahrtsort immer wieder geschieht.

Man kann die Worte aber auch wörtlich verstehen, so wie sie Maria und Johannes in ihrer konkreten Situation verstanden haben, wenn es heisst: "von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich"; von jetzt an sorgten sie füreinander.

So sind diese Worte für uns ein Aufruf zur Solidarität in den Stunden des Leidens und der Not, ein Auftrag an uns alle, nicht nur als Christen einander gegenseitig Stütze zu sein, sondern auch ein offenes Herz zu haben für alle notleidenden Menschen.

Warum also feiern wir den Karfreitag? Es tut uns gut, angesichts des Kreuzes all das, was uns bedrückt, auszusprechen und zu wissen, Gott selber hat mit uns gelitten und damit unsere Last mitgetragen. Und da fällt es uns vielleicht auch etwas leichter, angesichts unseres Kreuzes zusammen mit Jesus voll Vertrauen zu sagen: "Vater, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe". Amen.