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Predigt an Gründonnerstag 2012

5. April 2012, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Ihnen allen darf ich ein grosses Kompliment machen. Sie sind mutig. Sie haben vorhin mit kräftiger Stimme gesungen: "Lobt ihn und preist ihn, der unter uns wohnt" (KG 83). Aber: Wohnt Gott wirklich mitten unter uns? Sind Sie ihm heute schon begegnet? Oder sagt und singt man das einfach so im Gottesdienst?

Der heilige Benedikt kann uns in diesen Fragen in spannender Weise weiterführen. Auch aus vielen Sackgassen, in die wir uns als Glaubensgemeinschaften oder persönlich verlaufen haben. Auf die Frage, was denn die wichtigste Haltung in unserem Glauben ist, antwortet er: "Man achte darauf, ob einer wirklich Gott sucht." Das ist unsere Berufung: Heute Gott suchen. Und das macht nur Sinn, wenn wir glauben, dass er unter uns wohnt, wie wir vorhin gesungen haben.

Gläubig ist nicht einfach, wer den Gottesdienst besucht und "Herr, Herr" sagt. Wir wollen unseren Glauben nicht nur feiern, sondern auch er-leben. Zwei Menschengruppen haben – etwas zugespitzt gesagt – Mühe mit dem Reden über die Gottsuche: Diejenigen, die sich besonders fromm und besser als die anderen fühlen, brauchen Gott nicht zu suchen. Alles ist klar. Und diejenigen, die sich Atheisten nennen, brauchen Gott nicht zu suchen . Alles ist klar.

Aber ein Blick in die Heilige Schrift zeigt: Sie ist voll von Erzählungen der Gottsuche. Auch des Blindseins und des Scheiterns. Immer wieder geht Gott auf die Menschen zu. Leider haben wir uns so sehr an viele Geschichten in der Bibel gewöhnt, dass wir nicht mehr merken, wie aktuell sie sind. Meistens begegnet Gott den Menschen dort, wo sie es gar nicht erwarten würden. Gottesbegegnungen sind Überraschungen. Jesus spricht Zachäus, der auf einen Baum gestiegen ist, mit dem Namen an und ruft ihn vom Baum herunter. Er will bei ihm zu Gast sein. Der Schächer am Kreuz hört von Jesus: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Oder im heutigen Evangelium: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse. Wer würde Gott in einem Sklavendienst erwarten?

Wie wir alle heute Gott suchen können, das singen wir nachher bei der Fusswaschung: "Ubi caritas et amor, Deus ibi est" – "Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott."

Diese Gegenwart Gottes habe ich in den vielen Wochen in der Rehabilitationsklinik in Valens in besonderer Weise erfahren dürfen. Vieles, was mir in meinem geistlichen Leben sonst wichtig ist, war dort nicht möglich. Aber eine entscheidende Erfahrung durfte ich in Valens machen: Gott ist da. "Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott." Durch all die Menschen aus der Rehabilitationsklinik Valens, denen ich gleich die Füsse waschen darf, durfte ich das erfahren.

Einige unter ihnen werden jetzt erstaunt sein und sagen: "Durch mich durfte er Gottes Gegenwart erfahren? Mir bedeutet ja Kirche nicht viel." Auch dieses Staunen begegnet uns in der Heiligen Schrift. Das Evangelium schenkt uns das Vertrauen, dass viele beim Letzten Gericht staunen werden: "Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben. … Und wann haben wir dich krank gesehen und sind zu dir gekommen?" Darauf wird der König antworten: "Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan."

Eine schwerkranke Patientin, in der heute Abend auch Gott unter uns wohnt, hat berührende Zeilen geschrieben, die ich hier gerne vorlese. Sie kann vieles nicht mehr tun, was ihr über Jahrzehnte hin selbstverständlich war.

Meine Berufung: zu sein
Ich bin – das ist meine Berufung: zu sein
in der Tiefe wurzelnd
und in der Weite des Himmels schaukelnd
zu sein
wie ich bin
mit meinen Grenzen
und meinen Möglichkeiten
mit meinem Durst nach Freiraum
und mit dem Wissen
dass Grenzen mir
die Richtung weisen können
Du, Gott
hast keine Hampelfrauen gewünscht
sondern Frauen
die in der Tiefe wurzeln
und in der Weite des Himmels schaukeln
die die Arme für die Welt öffnen können
und doch in sich bleiben
ein Leben lang bis zum Tod
und dann eine ganze Ewigkeit
Ich bin – das ist meine Berufung
auch im Alter
auch im Angewiesen sein auf Hilfe
wenn die Kräfte abnehmen
wenn ich gar verwirrt und scheinbar orientierungslos bin
auch dann möchte ich
Menschen um mich haben
die mir die Möglichkeit lassen und schaffen
zu SEIN –
in der Tiefe zu wurzeln
und in der Weite des Himmels zu schaukeln
um auch dann meine Berufung leben zu können
ICH BIN JETZT

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir solche Zeilen lesen, wird es uns warm ums Herz. Wenn wir Güte und Liebe erfahren, wird es uns warm ums Herz. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel menschliches Leid gesehen und miterlebt wie in der Klinik Valens. Und noch nie habe ich so viel Lebensmut und Lebensfreude erfahren wie in der Klinik Valens. Mir war es oft warm ums Herz und das durfte ich auch von vielen anderen Patienten hören. In solchen Momenten geht es uns wie den Emmausjüngern, mit denen Jesus unterwegs war. Aber sie erkannten ihn nicht. Und nachher sagen sie zueinander: "Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete?"

"Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott." Öffnen wir unsere Augen! Er wohnt mitten unter uns.