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Predigt an Karfreitag 2012

6. April 2012, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

"Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben."

Liebe Schwestern und Brüder, diese Worte haben wir vorhin in der Passion gehört. "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben." Solche Worte fahren ein. Es schmerzt, wenn mit Menschen so umgegangen wird. Erst recht, wenn dieser Mensch Gottes Sohn ist. Wer so argumentiert: "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben", macht Angst. So heisst es auch im Johannesevangelium: "Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher." Und schlussendlich führt das dazu, dass er Jesus zur Kreuzigung ausliefert.

Wir alle kennen wohl die Versuchung, anderen Menschen das Gesetz um den Kopf zu schlagen. "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben." Meistens ist es nicht so deutlich formuliert, aber gleichwohl deutlich genug. Es gibt auch kirchliche Kreise, die das Kirchenrecht dazu brauchen, mit anderen Menschen abzurechnen. Das führt dazu, dass nicht wenige Menschen den Eindruck haben, für die katholische Kirche sei das Kirchenrecht wichtiger als das Evangelium. Selbstverständlich stimmt das in Wirklichkeit nicht, aber viele Menschen haben diesen Eindruck. Und dem müssen wir uns stellen. Und wir müssen uns fragen, woher Menschen diesen Eindruck bekommen können. Denn gerade dadurch wird ihnen der Weg zur Kirche verhindert.

Am Karfreitag lässt uns die Kirche erfahren, wie abscheulich es ist, wenn Menschen das Gesetz dazu einsetzen, andere fertig zu machen. "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben." Vor allem lässt uns die Kirche aber erfahren, dass Jesus nicht einfach brutal zurückgeschlagen hat. Im Gegenteil. Aus Liebe zu jedem Menschen hat er sein Leben am Kreuz hingegeben. Jede und jeder von uns bedeuten Jesus Christus so viel, dass er alles hergibt – sein Leben. Um das zu erfahren, muss ich mich nicht ins Kirchenrecht vertiefen. Wir finden diese Botschaft in den Evangelien und in der ganzen Heiligen Schrift: Gott liebt uns! Wir feiern das heute miteinander hier in der Klosterkirche. Wir erfahren es durch die Menschen, die aus dem christlichen Glauben heraus ihr Leben gestalten. Denken wir zum Beispiel an unsere Lieblingsheiligen. Sie haben sich nicht darauf konzentriert, Recht zu haben, sondern Recht zu tun.

Die Kirche ist eine grosse Gemeinschaft. Über eine Milliarde Menschen gehören allein zur römisch-katholischen Kirche. Das Kirchenrecht ist eine Hilfe, vieles zu regeln, damit alle zu ihrem Recht kommen. Im Unterschied zur Heiligen Schrift wird das Kirchenrecht im Laufe der Zeit immer wieder verändert und den neuen Situationen angepasst. Als Buch mit allen Regelungen gibt es das Kirchenrecht übrigens erst seit dem 20. Jahrhundert. Was zudem die wenigsten Katholiken wissen: Es gibt sogar zwei Kirchenrechte: Eines für die Kirchen, die zum lateinischen Ritus gehören – wie wir – und eines für die orientalischen Kirchen. Eines wurde 1983 von Papst Johannes Paul II. unterzeichnet, das andere 1990, ebenfalls von Papst Johannes Paul. II. In den beiden Kirchenrechten gibt es teilweise ganz unterschiedliche Regelungen. Das zeigt, dass es hier nicht um Glaubensfragen geht. Selbst in Fragen, über die immer wieder diskutiert wird. Zum Beispiel ist in einem Kirchenrecht die Regelung so, dass die Priester zölibatär leben, im anderen – vom gleichen Papst unterschrieben - sind die zölibatäre und die verheiratete Lebensform für die Priester vorgesehen.

Das Kirchenrecht soll im Dienst des Evangeliums stehen. Es soll eine Hilfe sein, die Aufgaben der Kirche wahrzunehmen. Darum steht auch der Mensch nicht im Dienst des Kirchenrechts, sondern das Kirchenrecht im Dienst des Menschen. So heisst es im beeindruckenden letzten Satz des Kirchenrechts: "Das Heil der Seelen vor Augen, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muss" (can. 1752). Darum geht es. Alles, was die Kirche tut, soll dazu dienen, dass Menschen das erfahren dürfen, was wir in diesen Tagen feiern: Gott liebt uns. Gott will, dass wir alle das Leben in Fülle finden – für immer und ewig. Dieses Ziel finden wir nicht in der abstrakten Befolgung der Gesetze – auch nicht des Kirchenrechts. Dieses Ziel erreichen wir in der liebenden Zuwendung zu Gott und unseren Mitmenschen. Das bezeugen wir in den Fürbitten, die wir nachher miteinander vor Gott tragen. Das bezeugen wir in der Verehrung des Kreuzes, das für uns alle ein Zeichen der Liebe Gottes zu uns allen ist. Das bezeugen wir, wenn wir zum Empfang der Eucharistie nach vorne kommen. Wer aus welchen Gründen auch immer die Kommunion nicht empfängt, ist gleichwohl eingeladen nach vorne zu kommen, die Arme vor der Brust zu kreuzen und vom Priester das Segenszeichen auf der Stirn zu empfangen. Wir alle sollen erfahren dürfen, dass wir von Gott geliebt sind.

So werden wir am Schluss dieser Liturgie vertrauensvoll beten: "Reicher Segen komme herab auf dein Volk. … Schenke ihm Verzeihung und Trost, Wachstum im Glauben und die ewige Erlösung."