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Predigt an Ostersonntag 2012

8. April 2012, Klosterkirche, Pater Urban Federer

Liebe österliche Festgemeinde,

Am Tag meiner Priesterweihe war meine ehemalige Kindergartenschwester nicht mehr zu bremsen: Die gute Schwester, die heute mit über 90 Jahren noch glückliche Ordensfrau ist, erzählte allen, die es interessierte – und auch den anderen –, schon im Kindergarten sei klar gewesen, dass ich einmal Priester werden würde. Ich kann ihr diesen Blick durch die rosa Brille nicht verübeln, sind wir Menschen im Stolz doch schnell bereit, etwas zu idealisieren. Meine eigenen Erinnerungen unterliegen vermutlich auch einem Ideal: dem des Mannes, der sich gerne als Lausbube sieht. Tatsächlich kann ich mich nur noch an Kindergartenszenen erinnern, wo ich im Eckchen stehen musste, weil ich vorher wieder einmal nicht still sein konnte. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen ihren und meinen Erinnerungen, ist das Leben doch komplizierter als alles Schwarz-Weiss-Malen.

Liebe Mitchristen, der Wechsel vom Karfreitag über den Karsamstag zu Ostern entspricht nicht einem Ideal: Weder waren wir am Karfreitag alle traurig und zerknirscht, noch dürfte heute Morgen in den Familien und Gemeinschaften alles nur friedlich zugegangen und alle Probleme gelöst gewesen sein. Auch der Beginn dieses Ostergottesdienstes entspricht ja nicht einem idealen Triumph-Festgottesdienst: Zwar begann er mit einem grandiosen Orgelstück unseres Stiftsorganisten P. Theo Flury. Dann aber, ohne Fanfaren und Trompeten, in zurückhaltenden Tönen, erklang der erste Gesang einer kleinen Mönchsgruppe, als müsste sich Ostern schüchtern den Weg zu unseren Herzen suchen. Die uralten Melodien ertönten so ganz ohne Triumphalismus: Resurrexi et adhuc tecum sum, alleluia – Ich bin auferstanden und bin immer bei dir. Halleluja!

Ostern ist kein Ideal, Ostern ist eine Wirklichkeit. Und weil Ostern kein Ideal ist, dürfen wir heute nun nicht plötzlich den Karfreitag, das Schwere und das Leiden in unserem Leben ausblenden. Darum möchte ich an dieser Stelle entgegen der Tradition der schon fast befohlenen Osterfreude zuerst einmal Judas Ischariot in den Mittelpunkt stellen, der Jesus verraten hat, mit einem Kuss – und mit ziemlich viel Geld in der Tasche. Er ist der Bösewicht in der Leidensgeschichte Jesu. Zwar endet sein persönliches Leben in einer Tragödie: Er erhängt sich aus Verzweiflung. Judas hat aber wohl nie ganz aufgehört, an Jesus zu glauben, vermutlich war er ein Idealist, wollte Christus zwingen, sich als Gottes Sohn zu offenbaren und dann die Macht an sich zu reissen! Judas hätte gerne ein ideales Ostern provoziert! Daraufhin aber reute ihn seine Tat, wie es im Matthäusevangelium heisst, er brachte sein Geld zurück und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe euch einen unschuldigen Menschen ausgeliefert. Das macht seine Tat nicht ungeschehen. Doch hören wir da nicht den Schrei einer verletzten Seele, die irgendwie versucht, die Katastrophe abzuwenden, ja wieder jene Liebe zu erlangen, die ihm einst Glück und Sinn gab? Ganz eindrücklich hören wir das in meinem Lieblingswerk der klassischen Musik, in der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Nachdem Judas das Geld nicht zurückgeben konnte, lässt Bach eine Bassstimme diese verletzte Seele des Judas singen: Gebt mir meinen Jesum wieder! Seht das Geld, den Mörderlohn, wirft euch der verlorene Sohn zu den Füssen nieder! Er nennt sich "der verlorene Sohn"! Ob in dieser Sehnsucht nicht Ostern verborgen aufstrahlt? Ja meine Lieben, Sie hören recht, ich lasse die Osterbotschaft ausgerechnet dort beginnen, wo wir sie nicht vermuten: im Versagen, dort wo menschlich gesprochen nichts mehr zu retten ist, beim Verräter Judas. Ostern ist kein Ideal, sondern bezieht auch das Scheitern mit ein, ja Ostern integriert auch den Tod, Ostern rechnet mit Hässlichkeit und Misserfolg im Leben. Ostern gibt uns eine Hoffnung gegen alle Hoffnung, Ostern ist stärker als der Tod: Ich bin auferstanden und bin immer bei dir. Nur darum kann etwa der evangelische Märtyrer der Nazi-Herrschaft Dietrich Bonhoeffer sagen: Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln! Nur darum können wir noch hoffen, wo das Leid unser Leben bestimmt, wo andere Menschen dem Zynismus verfallen: Ostern verkündet uns einen lebendigen Gott, eine Wirklichkeit, die uns allen gilt: Ich bin auferstanden und bin immer bei dir.

Liebe Mitchristen, sind sie nun enttäuscht? Es hat doch noch amüsant begonnen. Die Predigt, nicht Ostern! Ostern beginnt ja mit einer Enttäuschung: Maria von Magdala findet nicht Jesus, sondern ein leeres Grab! Was muss in ihr vorgegangen sein, als sie zu den Jünger rannte: Man hat meinen Herrn weggenommen – Gebt mir meinen Jesum wieder – das ist Passion! Und dann erkennt sie vor lauter Sehnsucht und Trauer nicht einmal den, den sie suchte, denn Jesus hat nicht einfach gegen alle Naturgesetzte sein altes Leben wieder aufgenommen. Ostern ist kein menschliches Ideal, Ostern ist göttliche Wirklichkeit für die, die lieben, für die, die suchen. Maria beginnt dort, wo Judas leider aufhört: Er konnte sein Ideal nicht loslassen, er zerbrach daran und verkehrte seine Sehnsucht in Zerstörung. Maria würgt ihre Sehnsucht nicht ab, sondern lebt nun aus ihrer Beziehung zum Auferstandenen, sie trägt nunmehr in ihrem Herzen eine Botschaft, die sie selbst leben lässt und mit der sie zu den Jüngern geht: Ich bin auferstanden und bin immer bei dir.

Mein Lieben, wenigstens einmal war meine Kindergartenschwester mit ihrem Ideal-Knaben dann doch überfordert, auch wenn sie das heute nicht mehr weiss. Als eine Gruppe von uns Kindern für einen Handabdruck in Gips ganz lange ruhig sein musste und wir anscheinend ununterbrochen vor uns hin plapperten, begann sie – gegen alle heutige Pädagogik – uns mit Klebeband den Mund zuzukleben. Und das Resultat? Wir Kinder sprachen unter dem Klebeband einfach weiter! Diese Wirklichkeit kann uns mehr von Ostern berichten als jedes Ideal: Wer voll von Leben ist, muss trotzdem sprechen! Gehen sie also trotz Schnee, trotz Schmerzen, trotz Trauer, Sorgen oder schlechter Laune in ihren Alltag zurück und sprechen sie unaufhörlich für sich und für andere, was wir in diesem Ostergottesdienst erfahren und feiern dürfen: Ich bin auferstanden und bin immer bei dir! Halleluja!