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Predigt an Christi Himmelfahrt 2012

17. Mai 2012, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Einmal erhielt ich einen Telefonanruf von einem Notariat. Die Lehrtochter erkundigte sich, was für eine juristische Grösse das Kloster Einsiedeln sei. Ich gab zur Antwort: "Eine lustige Gesellschaft." Übers Telefon konnte ich fast mitsehen, wie die Lehrtochter die vor ihr liegende Liste aller juristischen Grössen durchschaute und dann antwortete: "Das gibt es nicht!" – "Doch, das gibt es", erwiderte ich. Die Lehrtochter bat mich, am Apparat zu bleiben, sie würde ihre Chefin ans Telefon holen.

Wir sind tatsächlich eine lustige Gesellschaft: Männer verschiedenen Alters, mit unterschiedlichen Interessen, mit ganz unterschiedlichen Begabungen, aus verschiedenen Ländern und Kantonen – zwei sogar aus dem Wallis… Und doch bilden wir eine Gemeinschaft. Wir alle suchen, dem gleichen Herrn zu dienen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger.

Ist nicht auch die Kirche eine solche lustige Gesellschaft? Ja, waren es nicht schon die ersten Jünger und Jüngerinnen Jesu? Denken wir nur zum Beispiel an die zwölf Apostel. Wer von uns hätte diesen Leuten eine Hauptverantwortung anvertraut? Wohl niemand. Wo immer wir in die Kirchengeschichte einen Blick hineinwerfen, entdecken wir eine lustige Gesellschaft. Gehen wir einmal ins 16. Jahrhundert. Der Spassvogel Philipp Neri lebte gleichzeitig in Rom wie der so ganz anders geartete Ignatius von Loyola. Der Charismatiker Philipp Neri stolzierte als Kardinal verkleidet durch die Strassen Roms und machte sich so über das Gehabe einzelne Kardinäle lustig. Und der vom Militärdienst geprägte Ignatius von Loyola war in allem für Ordnung besorgt und bezeichnete den Oberen der Jesuiten General – so ist es bis heute. Kein Wunder, dass sich Philipp Neri und Ignatius von Loyola nicht besonders gut verstanden. "Gott hat Humor, denn er hat den Menschen erschaffen", schreibt der englische Schriftsteller Chesterton. Gottes Humor kann man auch besonders erahnen, wenn man die beiden Heiligen nebeneinander betrachtet. Als Philipp Neri einmal gefragt wurde, was er tue, wenn er einmal nicht wisse, welche Entscheidung er treffen sollte, antwortete der populäre Heilige schlagfertig: "Ich stelle mir vor, was jetzt Ignatius täte. Und dann tue ich das Gegenteil." Die Kirche hatte auch Humor, als sie die beiden so ungleichen Heiligen 1622 gleichzeitig heilig sprach.

So ähnlich ist es in der Kirche bis heute. Auch wir sind eine lustige Gesellschaft. Wir alle haben verschiedene Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Es gibt Menschen, die wegen dem Papst in der Kirche bleiben, und andere, die wegen dem Papst die Kirche verlassen. Und es gibt Menschen, die wegen einem Bischof in der Kirche bleiben, und andere, die wegen dem gleichen Bischof die Kirche verlassen. Aber: Wir bleiben oder gehen nicht wegen dem Papst oder wegen einem Bischof. Die Lesung, die wir vorhin gehört haben, gibt uns, der lustigen Gesellschaft, einen viel weiteren Horizont: "Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist."

Weil wir zu Jesus Christus gehören, sind wir in der Kirche. Wir sind – wie es der heilige Paulus sagt – der Leib Christi. Alle Aufgaben in der Kirche sind da "für den Aufbau des Leibes Christi." "So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen." Wir – das ist diese lustige Gesellschaft – wir sollen miteinander Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen. Das gilt zuerst einmal für alle Getauften. Aber wir sind zu weit mehr aufgerufen: "Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" Denn das Ziel aller Menschen ist das Leben für immer und ewig in Gottes Gegenwart. Das ist Himmel. Und genau das dürfen wir heute an Christi Himmelfahrt feiern. Im Tischgebet unserer Klostergemeinschaft heisst es heute: "Herr, unser Gott, du hast uns durch deinen Sohn das Tor des Himmels geöffnet, denn wir sind Christi Leib." Mit unserem Leben das Evangelium verkünden – das ist unsere Berufung als Getaufte, damit alle Menschen den Weg in diese lustige Gesellschaft finden und sich trotz aller Verschiedenheiten freuen können.

Die Grenzen der Kirche laufen – Gott sei Dank – nicht da durch, wo wir sie sehr oft vermuten. Davon zeugt auch ein interessanter Dialog zwischen einem Atheisten, einem reformierten Christen, der mit Katholiken gar nichts anfangen kann und einem Benediktinerabt. Dieser Dialog hat gestern auf dem Kommunikationsweg twitter stattgefunden. Einer der bekanntesten Atheisten in unserem Land und Parlamentarier schreibt: In Baden verteilen heute Christen Bibeln gratis an die Leute. Warum empört sich keiner wie bei der Koranverteilung? Der Reformierte, der mit Katholiken nichts anfangen kann, stört sich natürlich auch am Atheisten: Was soll die Bemerkung aber bei nächster Gelegenheit wieder mit Abt Martin auf Freund machen. Der Atheist antwortet schlagfertig: Wieso? Ich verstehe mich sehr gut mit Abt Martin. Deswegen muss er noch lange kein Sozi werden und ich nicht Papst. Der Abt schreibt: Wertschätzung und Respekt trotz unterschiedlicher Erfahrungshintergründe und Einstellungen: menschliche Grösse. Worauf der Reformierte antwortet: Meine Wertschätzung gilt dem Buch der Bücher so wie vom Elternhaus (Pfarrhaus) mitbekommen. Frohe Auffahrt! Dem letzten Wunsch konnten sich alle anschliessen. Alle drei sind getauft – alle drei gehören darum zur Kirche.

Liebe Schwestern und Brüder, tragen wir dazu bei, dass jeder Mensch das Ziel seines Lebens erreicht. Wer Kirche so entdeckt, wird sich – bei allen Auseinandersetzungen – freuen, wenn wir auch das Miteinander mit den Menschen aus der Piusbruderschaft finden. Aber genauso müssen wir uns bemühen, dieses Miteinander auch mit denen zu finden, die die Kirche als Hindernis auf ihrem Wege erfahren. Auf diesem Weg möge uns die Weisung der heutigen Lesung begleiten: "Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist." Amen.