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Predigt an Aufnahme Marias in den Himmel 2012

15. August 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Wir leben in einer spannenden Zeit. Was über Jahrhunderte selbstverständlich war, gerät plötzlich ins Wanken. Was sich über Jahrzehnte eingespielt hat, bricht zusammen. Das zeigt sich in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche. Kaum eine ernstzunehmende Stimme wagt noch zu sagen, wohin die Reise geht. Aber eines ist sicher: Vieles wird nicht mehr so weitergehen, wie es bisher war. Eine solche Wendezeit macht vielen Menschen Angst. Sie ist eine grosse Herausforderung – für uns alle. Wie kommen wir damit zurecht?

Eines ist klar: Vogel-Strauss-Politik ist keine sinnvolle Weise des Reagierens. Wer auch immer den Kopf in den Sand steckt, macht sich selber etwas vor. Damit können wir unsere Verantwortung nicht wahrnehmen. Ebenso führt Klagen und Murren über die schlimme Zeit nicht weiter. Eine Wendezeit können wir nur dann bestehen, wenn wir bereit sind, uns hinterfragen zu lassen und neue Entscheidungen treffen. Eine Wendezeit können wir nur dann bestehen, wenn wir bereit sind, innezuhalten und nicht einfach im eigenen Tramp weiterzugehen. Das gilt nicht nur für Wendezeiten in der Gesellschaft oder in der Kirche. Wendezeiten gehören ganz wesentlich auch zu unserem persönlichen Leben. Wir werden älter. Uns passiert ein Unfall. Wir erfahren Krankheit. Es gibt Erfolg und Misserfolg. Wir begegnen dem Tod im Leben lieber Mitmenschen. Und ganz todsicher auch im eigenen Leben. Wie kommen wir damit zurecht? Auch gerade als Getaufte?

Jetzt aber wird es erst recht spannend. Wenn jemand kompetent sein müsste, wie mit Wendezeiten umzugehen ist, so müssten das wir Getaufte sein. Die Menschwerdung Jesu Christi ist so sehr Wendezeit, dass wir heute noch die Zählung der Jahre daran orientieren - an den meisten Orten auf der Erdkugel. Und immer, wenn wir uns zur Eucharistiefeier versammeln, feiern wir eine Wendezeit. Wir bringen es nach der Wandlung miteinander auf die kurze Formel: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir." Wir Christinnen und Christen bleiben nicht beim Tod stehen. In der Lesung, die wir gehört haben, bringt der heilige Paulus diese Wendezeit mit unserer persönlichen Wendezeit in Beziehung: "Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden" (1 Kor 15,22). Wendezeiten sind uns also eigentlich sehr vertraut. Aber leider haben wir uns so dran gewöhnt, dass wir gar nicht mehr realisieren, was wir feiern und was uns darin geschenkt wird.

Vieles, was für uns heute in der Kirche selbstverständlich ist, gründet nicht in der grund-legenden Wendezeit der Menschwerdung Gottes. Vieles war eine Antwort in einer bestimmten Zeit und muss heute hinterfragt werden, ohne dass wir Angst haben müssen, dass damit das Fundament selbst ins Wanken kommt. Eine Wendezeit, die die äussere Gestaltungsform der Kirche wie kaum eine andere Zeit geprägt hat, war die sogenannte konstantinische Wende. Ab dem Jahr 311 wurde die verfolgte Kirche zur Staatskirche. Kaiser Konstantin der Grosse hat durch die Anerkennung des Christentums die Entwicklung Europas wie kein anderer Herrscher beeinflusst und seine Geschichte bis heute geprägt. Bis zu dieser Zeit war die Eucharistiefeier am Sonntag am frühen Morgen oder am Abend, vor oder nach der Arbeit. Dann erklärte der Staat nach 321 den Sonntag zum arbeitsfreien Tag, damit die Getauften Gottesdienst feiern konnten. Bis zu dieser Zeit feierten die Christen in Privathäusern Eucharistie. Dann wurden dafür Gotteshäuser gebaut. Auch die wertvollen liturgischen Kleider, die ich heute trage, gehen auf diese Wende zurück. In den Privathäusern hat der Bischof keine Mitra getragen. All das sind wertvolle Einrichtungen und Kulturgüter, aber sie sind nicht das Wesentliche. Historiker und Soziologen sprechen heute vom Ende der konstantinischen Ära. Wir erleben eine andere Wendezeit als die Kirche sie im 4. Jahrhundert erlebt hat. Vieles von dem, was uns wertvoll ist, kann uns in einer neuen Wendezeit genommen werden, ohne dass das Wesentliche verloren muss. Aber wir müssen dieses Wesentliche kennen, damit wir uns nicht für Äusserlichkeiten einsetzen, statt aus unserem Fundament des Glaubens heraus die Wendezeit mitzugestalten.

Mit dem heutigen Hochfest führt uns die Kirche vor Augen, worauf es ankommt. Das Festgeheimnis selbst ist eine Wendezeit: Der Tod Marias und ihre Aufnahme in den Himmel. Wir bleiben nicht beim Tod stehen. Und im Tagesgebet haben wir Gott gebeten: "Gib, dass wir auf dieses Zeichen der Hoffnung und des Trostes schauen." Maria zeigt uns, was wesentlich ist in unserem Glauben. Maria hat vieles in ihrem irdischen Leben nie erfahren, was für uns heute selbstverständlich zur Kirche gehört. Sie hat nie in einem Kirchengebäude gebetet. Sie hat nie erlebt, dass der Sonntag ein arbeitsfreier Tag war. Sie hat nie einen Bischof mit Mitra gesehen. Diese Aufzählung könnte noch weit fortgeführt werden. Aber Maria hat erfahren, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist. Uns allen ist das Leben von Gott geschenkt. Für Maria war das Leben nicht einfach ein Werden und Vergehen, ein Dahinleben bis es nicht mehr geht. Für Maria war das Leben eine Zeit vor Gott und mit Gott. Das soll auch unser Leben sein. Maria war offen für das, was Gott ihr anvertrauen wollte. Sie hat es hinterfragt, hat mit Gott gerungen. Auch unser Leben ist nur dann ein christliches Leben, wenn wir diese persönliche Beziehung mit Gott pflegen. Maria sagte aus ganzem Herzen und mit ihrem ganzen Leben Tag für Tag Ja zu dem, was sie als Gottes Willen erkannte. Dieses Suchen und Ringen und unser persönliches Ja lassen auch uns zu dankbaren Menschen werden und mit Maria bekennen: "Meine Seele preist die Grösse des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter!" (Lk 1,46-47).

Liebe Schwestern und Brüder, marianische Menschen sind immer neu ermutigt, sich der Situation zu stellen und nie den Kopf in den Sand zu stecken. Als marianische Menschen müssen wir keine Angst vor Wendezeiten haben. Wir dürfen uns heute aufmachen, immer neu zu hören, was Gott uns sagen will. Wir dürfen Ja sagen zu Gottes Willen und wir werden – so hoffen wir alle - wie Maria für immer in der Gemeinschaft mit Gott leben. Auch unser Tod soll nicht das Ende sein, sondern eine Wendezeit – in Gottes Händen. Amen.