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Predigt am Vorabend der Engelweihe 2012

13. September 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Was viele wohl eher mit Angst erfüllt, das liebe ich: leere Kirchen! Ich möchte dabei nicht zynisch wirken. Ich kenne die Sorge um sich leerende Kirchen. Trotzdem: Wann immer ich kann, überbrücke ich das Warten mit dem Besuch einer Kirche – und die sind meistens leer, und ich geniesse das! So war ich letzte Woche eine halbe Stunde zu früh für einen Termin. Ich wusste, dass es an diesem Ort eine grosse, schöne Kirche gibt. Und sie enttäuschte mich nicht: Sie war lichtdurchflutet, bot für meine Sinne all ihre Reize auf und ich durfte staunen und geniessen – niemand störte mich dabei. Schon beim Eintreten konnte ich riechen, dass vor nicht langer Zeit Weihrauch verwendet wurde. Als ich mich auf einer Bank setzte, zog die Kirche meine Augen sofort in die Höhe: Der grosse Raum vermittelte mir Grosszügigkeit, und obwohl ich eine Uhr in der Kirche schlagen hörte, verspürte ich keine Unruhe. Ist das nicht Luxus? Dieser Kirchenraum schenkte mir Freude für meine Augen, für meine Nase und für die Ohren – denn in der Stille einer leeren Kirche zu hören, ist eine wohltuende Sache. Dazu gab mir dieser Kirchenraum Ruhe und Geborgenheit und das Gefühl, viel Zeit zu haben. Wenn das nicht Luxus ist!

Liebe Mitchristen, diese Kirche war frisch restauriert wie auch unsere Einsiedler Klosterkirche neu gereinigt wird. Wer solche Räume auffrischen lässt, darf nicht wirtschaftlich denken, denn amortisieren lässt sich so etwas nicht und gerade wir in Einsiedeln müssen für die Reinigung der Klosterkirche ohne Kirchensteuer auskommen und sind somit auf Spenden angewiesen; damit hätte ich auch schon Werbung für das heutige Kirchenopfer gemacht. Wer Kirchen restauriert, gönnt den Besucherinnen und Besuchern einen Luxus, den Luxus hier zu sich zu kommen, sich Zeit zu nehmen, Stille zu geniessen und etwas Grösseres zu entdecken, das über dem eigenen Alltag steht. Ja und wenn ich mich dann noch alleine in einer Kirche befinde, dann könnte ich meinen, dieser ganze Luxus sei nur für mich aufgewendet worden! Als hätte Gott nur eine Sorgen: Der einzelne Mensch, der vor ihm ist.

Nicht diesen Luxus prangert Jesus an, wenn er im heutigen Evangelium den Tempelvorhof mit Brachialgewalt reinigt von Rindern, Schafen, Tauben und von Geldwechslern. Wenn sich in der Kirche alles nur noch um Profit und Geschäftemachrei dreht und damit auch um Einfluss und Macht, spricht Christus von einer "Markthalle", für die er sich schämt. So wie ich Christus im neuen Testament kennen lerne, würde er mit der Einsiedler Klosterkirche zwar nicht so viel anfangen können, weil der Barock wohl nicht dem Geschmack eines einfachen Galiläers vor 2000 Jahren entspricht. Doch mit der Botschaft dieses Kirchenraumes, Haus Gottes zu sein, in dem Menschen Heilung finden können – Heilung von Stress und Ratlosigkeit, Heilung unserer reizüberfluteten Sinne, Heilung von Ichbezogenheit hin auf das viel Grössere, auf Grosszügigkeit hin –: mit diesem Luxus kann Christus bestimmt viel anfangen.

Meine Lieben, die Engelweihe ist ein Fest der Sinne, der Freude. Wenn ich das heutige Evangelium betrachte, kommt mir zwar in den Sinn, dass dieses Fest früher vor allem auch gefeiert wurde, um daraus Profit zu schlagen, um Machtansprüche zu leben. Dem ist heute Gott sei Dank nicht mehr so. Wir dürfen heute und morgen unsere Sinne erfreuen, unser ganzes Wesen ansprechen lassen und diesen Luxus sogar noch miteinander teilen, indem wir diesen Kirchenraum füllen. In der Sprache der heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief sind wir heute zum Haus des lebendigen Gottes hingetreten, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zum Mittler des neuen Bundes, Jesus Christus. Für mich schliesst die Freude an einer leeren Kirche nicht die an der vollen Kirche aus. Wenn Sie in eine Kirche kommen und etwa ein Kerzchen anzünden: Denken Sie da nicht an Menschen, die Ihnen wichtig sind, an Menschen, die Ihr Gebet brauchen? Als ich letzte Woche in der leeren Kirche sass, da ging das Staunen und Geniessen schon fast automatisch über ins Danken und Bitten, nicht nur für meine Anliegen, sondern für alle Menschen, die mir wichtig sind und die auf mein Gebet vertrauen. Luxus alleine geniessen, finde ich langweilig, Freude muss geteilt werden. Ich freue mich darum an einer vollen Kirche. Wir können Kirchen aber nicht mit Jammern über leere Kirchen füllen. Eine Kirche füllt sich mit der Sehnsucht und der Dankbarkeit von Menschen, mit unserer Fähigkeit zu feiern. Wer in einer leeren Kirche Geborgenheit und Friede erfährt, macht vielleicht auch einmal den Schritt hin zur Gemeinschaft der Kirche, die uns trägt, in der wir die Gemeinschaft mit unserem Herrn Jesus Christus feiern.

So gratuliere ich uns allen, meine Lieben, dass wir gemeinsam den Luxus der Engelweihe feiern können. Es soll ein Fest sein, das uns allen Gottes Gegenwart von neuem näher bringt. Und ich kann uns allen in unserem oft so hektischen Alltag nur empfehlen, nicht nur die Gnadenkapelle, nicht nur diese herrliche Klosterkirche, sondern ab und zu eine Kirche oder Kapelle auf unseren Arbeitswegen aufzusuchen, um dort zu Ruhe zu kommen, zu staunen und zu danken, den Luxus von Zeit zu geniessen und zu spüren, wie einzigartig wir Menschen für Gott sind. Da kann Christus in uns ganz ruhig ans Aufräumen gehen, da geschieht Heilung. Amen.