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Predigt an der Allerheiligen 2012

1. November 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Liebe Schwester, lieber Bruder im Glauben, wann hast Du das letzte Mal gelogen? Du hörst richtig, ich frage nicht: Hast Du schon einmal gelogen? Ich gehe davon aus, dass wir Menschen öfters lügen – oder wie es in den 10 Geboten eigentlich heisst: dass wir Menschen öfters etwas Falsches gegen unsere Mitmenschen sagen. Und hast Du wirklich noch nie den Ruhetag, den Sonntag, durch unnötige Arbeit und banale Ablenkung zu einem bedeutungslosen Tag gemacht? Noch gar nie ein Verlangen nach einer Frau, einem Mann verspürt, die oder der schon in festen Händen ist? Wenn Du zu all dem und den übrigen Geboten ein beherztes "Nein" sprechen kannst, dann geh doch – so sagte es einmal ein Mitbruder von mir zu einer besonders eifrigen Seele – dann geh doch zu einer dieser zahlreichen weissen Heiligenstatuen in unserer Kirche, nimm sie weg – und stell Dich selbst auf den Sockel. Solch edle und gute Menschen, wie Du und ich es sind, sollten der Welt doch wirklich nicht als Vorbild vorenthalten werden!

Liebe Mitchristen, die Darstellungen der Heiligen in dieser Kirche sind unbestreitbar Ideale und zeigen nicht viel vom Ringen mit dem Leben, das auch im Leben dieser Menschen nicht fehlen konnte. Das griechische Wort, das hinter "Ideal" steht, ist "idéa" und heisst Urbild. Die Statuen und Bilder der Heiligen wollen uns etwas vom Urbild der Heiligkeit vermitteln. Sie zeigen uns Menschen, die sich dem Urbild der Heiligkeit, nämlich Gott selbst, schon sehr angenähert haben. Ob sie dafür wohl die Gebote besser einhielten als wir?

Gebote führen uns auf einen Weg. Gebote zeigen viel von dem, was wir Menschen glauben und erreichen möchten. Ich kann oft nicht sagen, was ich will – und das heisst doch eigentlich: "ich lüge" –, weil es heute ein Gebot ist, political correct zu sprechen. Und ich trage nicht die bequemen Kleider, die ich möchte, weil sie nicht modisch oder von der falschen Marke sind. Und wenn ich den Geboten der Marktwirtschaft folge, winkt mir ein schnelles Glücksgefühl: Ich kann 10‘000 Stellen streichen und erhalte die Belohnung schon am gleichen Tag: die Aktien steigen, was doch nichts anderes heisst, als dass da Geld ausgeschüttet wird – das andere nicht mehr haben, aber dafür erhalten wird dann bessere Zahlen. Solche Gebote orientieren sich am Glauben an das messbare Glück, das meine Wünsche sofort befriedigt. Solche Gebote sehen im Erfolg den Sinn des Lebens.

Die weissen Heiligenstatuen, die immer noch auf ihren Sockeln stehen, als hätte ich nichts gesagt, sahen in solchem Erfolg nicht den Sinn ihres Lebens. Von ihnen spricht die heutige Lesung aus den Offenbarungen des Johannes, wenn es heisst: "Wer sind diese, die weisse Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? Es sind die, die aus der grossen Bedrängnis kommen." Christliche Glückvorstellungen gehen also von der Realität aus: Menschen kennen die Bedrängnis, sie können nicht immer strahlen, Menschen haben nicht immer Erfolg. Menschen können lügen, Menschen kennen den Neid, das Vergleichen mit anderen, die Missgunst, Menschen führen deswegen Krieg und lassen andere darunter leiden. Die jüdisch-christlichen Gebote möchten uns aus dieser Enge herausführen – zu Gott dem Urbild der Heiligkeit. Du sollst nichts Falsches weitererzählen, du sollst nicht töten, Gott tut es auch nicht. Gott wendet sich im heutigen Evangelium nicht unserem Pepsodent-Lächeln zu, nicht unseren Markenschuhen und auch nicht der gestiegenen Aktie, sondern vielmehr gerade unseren Schwächen, unserer Hässlichkeit: Es gibt sie die Armen: Glücklich, wer in seine Armut mit Gott geht, er kennt sie auch. Glücklich die Trauernden, ihnen wendet sich Gott zu. Selig, wer keine Gewalt anwendet, unser Gott liess sich lieber ans Kreuz schlagen, als da mitzumachen. Danke, wenn Du Frieden stiftest, denn gerade darin bist Du ganz Tochter oder Sohn Gottes. Die Menschen der Seligpreisungen, die weissen Statuen auf ihren Sockeln, sind Menschen, die auf ihrem Lebensweg ihre Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf Gott setzen.

Meine Lieben, das Fest Allerheiligen könnte als Zuckerguss verstanden werden: Heilige gehören in ihren weissen Gewändern auf ihren Sockel, gar in einen fernen Himmel. Sie stehen aber um uns herum, weil sie uns das Urbild der Heiligkeit vermitteln wollen: Gott selbst, dessen Söhne und Töchter wir seit unserer Taufe sind. Ja, für uns Getaufte ist Allerheiligen ein Aufruf – ein Gebot –, es Gott gleich zu tun: uns zuzuwenden, wo jemand arm ist, wo jemand trauert, wo jemand ungerecht behandelt wird, wo sich jemand um Frieden bemüht. Darum komme ich von meinem ersten Vorschlag wieder ab, uns auf die Sockel der Heiligen zu stellen. Vielmehr gebe ich uns einen Auftrag mit in den Alltag, eine Frage: Welcher oder welche Heilige wurde mir bei der Taufe als Namenspatronin, als Namenspatron, zur Seite gestellt? Was könnte mich an dieser Gestalt begeistern? Das, was mich an einer anderen Person fasziniert, kann ich doch schon heute in meinem Umfeld ähnlich umsetzen, oder nicht? Allerheiligen: Ich bin gemeint! Amen.