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Predigt am Gaudete-Sonntag / Adelheidstag 2012

16. Dezember 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Vieles ist nicht so, wie wir es uns wünschen: in unserem persönlichen Leben, in unseren Familien und Gemeinschaften, in der Kirche, in der Gesellschaft. Die Versuchung ist gross, einfach zu resignieren. Man kann sowieso nichts machen.

In diese Situation hinein sprechen die Lesungen, die wir soeben gehört haben.

Im Evangelium haben von Johannes dem Täufer die Rede und vom Volk, bei dem vieles nicht so war, wie es sich das wünschte. Und genau von diesem Volk heisst es: "Das Volk war voll Erwartung." Dreimal steht im kurzen Text dieselbe Frage, die Menschen Johannes stellen: "Was sollen wir tun?"

In der Lesung aus dem Buch Zefanja hörten wir die ermutigenden Worte: "Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte. … Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir."

Und im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi heisst es: "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich euch: Freut euch! … Der Herr ist nahe." Diesen Brief hat Paulus in Gefangenschaft geschrieben.

Vieles ist nicht so, wie wir es uns wünschen. Uns, einem Volk in Erwartung, gelten diese ermutigenden Worte: Fürchte dich nicht! Lass die Hände nicht sinken! Freut euch! Der Herr ist nahe. Er ist in deiner Mitte. Er erneuert seine Liebe zu dir.

Hier an diesem Gnadenort im Finsteren Wald können wir diese Verheissung in besonderer Weise erfahren. Im Finsteren Wald – dort, von wo niemand etwas erwartet - ging im 9. Jahrhundert ein kleines Licht auf. Und in der Zwischenzeit ist es zu einem grossen Feuer geworden. Johann Wolfgang von Goethe sieht im heiligen Meinrad zu Recht sozusagen einen Brandstifter: "Es musste ernste Betrachtung erregen, dass ein einzelner Funke von Sittlichkeit und Gottesfurcht hier ein immer brennendes leuchtendes Flämmchen angezündet, zu welchem gläubige Scharen mit grosser Beschwerlichkeit heranpilgern sollten, um an dieser heiligen Flamme auch ihr Kerzlein anzuzünden. Wie dem auch sei, so deutet es auf ein grenzenloses Bedürfnis der Menschheit nach gleichem Licht, gleicher Wärme, wie es jener erste im tiefsten Gefühl und sicherster Überzeugung gehegt und genossen."

Im Jahre 934 ist an dieser Stätte aus der Glut, die der heilige Meinrad hinterlassen hat, das Kloster Einsiedeln gegründet worden. Menschen voll Erwartung, mit der Frage im Herzen: "Was sollen wir tun?", haben sich hier zu einer Klostergemeinschaft zusammengefunden. Menschen voll Erwartung, mit der Frage im Herzen: "Was sollen wir tun?", haben das kleine Kloster im Finsteren Wald unterstützt, so gut sie nur konnten. Zu diesen Menschen gehörte ganz wesentlich die heilige Adelheid.

Über die vielen Jahrhunderte hindurch gab es gute und schlechte Zeiten. Es gab und gibt auch viel Asche. Genau in der Mitte zwischen der Gründung und heute gab es nur mehr drei Mönche. Tragisch war: Sie waren damit zufrieden. Sie wollten gar nicht mehr Mönche, weil das Stiftsgut unter den drei Mönchen aufgeteilt war. In einer grösseren Gemeinschaft wäre dem einzelnen nicht mehr so viel zugekommen. Vor genau 550 Jahren schrieb der Abt damals nach Rom. Und 1463 kam die päpstliche Bestätigung: Auch weiterhin sollen nur Hochadelige aufgenommen werden. Ein solches Beispiel zeigt den dramatischen Zustand der Kirche in der Zeit vor der Reformation. Es gab sehr viel Asche, das die Glut darunter zu ersticken drohte. Tragisch waren nicht die berechtigten Kritiken der Reformatoren, tragisch war, dass es in der Folge zur Spaltung kam. An vielen Orten fehlte es an Einsicht.

Eine Reformation der Kirche ist auch heute notwendig. Das ist keineswegs eine gewagte Behauptung. Das ist der Kirche seit alters her bekannt und steht auch im aktuellen Katechismus (vgl. KKK 821; 827). Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss immer reformiert werden. Damit sie ihre Berufung in jeder Zeit in grosser Treue leben kann.

Anders als vor 500 Jahren sollen unsere Klostergemeinschaften in Einsiedeln und im Fahr heute zu den nötigen Reformen beitragen. Das Jahr des Glaubens, das Papst Benedikt am vergangenen 11. Oktober eröffnet hat, soll uns dabei Ansporn sein: immer wieder die Asche wegwischen und das Feuer aus der Glut aufsteigen lassen. Das Jahr des Glaubens soll nach den Worten von Papst Benedikt dazu beitragen, "wieder die Freude am Glauben zu entdecken und die Begeisterung in der Weitergabe des Glaubens wiederzufinden."

Auf die Schrift "Miteinander die Glut unter der Asche entdecken" erhalte ich unzählige Reaktionen. In den meisten Zuschriften begegne ich einer Glut, einem Volk in Erwartung. Was sollen wir tun? Im Vergleich dazu drücken nur wenige ihre Angst vor Veränderungen aus. Das macht Mut.

Ein Bild ist mir in den vergangenen Wochen sehr wichtig geworden. Ich habe es 2008 von unserer Mitschwester Silja Walter erhalten. Es trägt den Titel: "Der Brandstifter." Dargestellt ist der heilige Augustinus, dahinter eine brennende Stadt. Augustinus hat das Jesus-Wort aufgenommen: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen" (Lk 12,49). Dieses Bild wird im Jahr des Glaubens in unserer Klosterkirche einen besonderen Platz erhalten. Es soll uns anspornen, an allen Tagen im Jahr des Glaubens Gottes Brandstifter zu sein; nicht Feuer, das Wertvolles zerstört, sondern Feuer, das Leben schenkt.

Als Gottes Brandstifter sind wir in guter Gemeinschaft: in der Gemeinschaft mit dem heiligen Augustinus, mit dem heiligen Benedikt, mit dem heiligen Meinrad, mit der heiligen Adelheid und mit unzähligen Heiligen.

Liebe Schwestern und Brüder, vieles ist nicht so, wie wir es uns wünschen. Was sollen wir tun? Uns, einem Volk in Erwartung, gelten diese ermutigenden Worte: Fürchte dich nicht! Lass die Hände nicht sinken! Freut euch! Der Herr ist nahe. Er ist in deiner Mitte. Er erneuert seine Liebe zu dir.