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Predigt an Weihnachten 2012

25. Dezember 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

«Warum?», «wieso?», und dann wieder: «warum?» – Liebe Mitchristen, vielleicht gibt es ja Eltern oder Grosseltern unter Ihnen, die diese Fragen kaum mehr hören können. Kinder können einem echt Löcher in den Bauch fragen – und das Weihnachtsfest macht es nicht besser, ist doch die Zeit, bis das Christkind kommt, nicht einfach auszuhalten. Ab dem dritten Lebensjahr beginnen die Kinder die Welt zu entdecken, sie wollen ihr vertrauen können und suchen Sicherheit in ihr. Durch das Wiederholen der oft gleichen Fragen wollen sie eine Bestätigung, dass die Welt wirklich so ist, wie wir es ihnen erklären. Und darum fordert ein Kind immer die gleiche Antwort, wenn es eine Frage dauernd stellt, so wie ein Kind oft jeden Abend die gleiche Geschichte hören möchte – und wehe Sie ändern den Wortlaut! Die Heilige Nacht gehört darum unbestritten den Kindern: die Dramatik der Weihnachtsgeschichte, die auch nach 2000 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat, treibt sie mit ihren Fragen von Station zu Station: Warum mussten Maria und Josef nach Betlehem? Wieso hat es in der Herberge keinen Platz? Warum kommt das Christkind in einer Krippe zu Welt? Und sie erhalten jedes Jahr dieselben Antworten.

Liebe grosse Kinder in dieser Kirche. Glaubt man Umfragen zum Feiern von Weihnachten in den Familien, dann ist dieses Fest wahrlich kein Experimentierfeld für Neuaufbrüche. Das Weihnachtsfest sollte möglichst immer gleich gefeiert werden, möglichst so, wie schon die Eltern das Fest als Kinder erlebten. So dürfte bereits die Generation unserer Gross- oder sogar Urgrosseltern an Weihnachten in unserer Klosterkirche fast dieselbe Kirchenmusik gehört haben wie wir heute: eine Pastoralmesse von Karl Kempter und immer wieder das «Christe redemptor» von P. Basil Breitenbach mit dem eingewobenen «Stille Nacht»! Eben: Das Bekannte schenkt Geborgenheit – und wenigstens einmal im Jahr wünschen auch wir grossen Kinder uns Geborgenheit!

So könnte ich nun eigentlich wieder den Ball der Musik zuspielen – wenn wir es heute Morgen nicht mit einer Rolle zu tun hätten, die wir im Krippenspiel meist gar nicht wahrnehmen: die Rolle Gottes. Gott scheint ja gerne zu spielen, ja Gott spielt mit Begeisterung und viel Fantasie! Der Hebräerbrief sagt heute von Gott: Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. Immer wieder hat es Gott versucht, unsere Aufmerksamkeit und unser Herz zu erobern, vor allem durch andere Menschen. Dann kam Gott eine wahnsinnige Idee: Statt nochmals durch einen weiteren Propheten zu sprechen, wird nun das göttliche Wort selbst Fleisch, das heisst Mensch! – Zugegeben, das ist schwer verständlich. Versuchen wir es anders: Abt Martin hat heute Nacht in seiner Predigt Christus mit dem Licht verglichen, das in diese Welt kommt, und der möchte, dass das Licht in uns auch brenne. Dazu heisst es im heutigen Evangelium: Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Merken Sie, wie schwierig die Rolle Gottes in das Weihnachtsgeschehen zu integrieren ist? Der Evangelist Johannes lässt Gott sich die Augen reiben, denn seine Rolle kommt schlecht an, ja Gott stört das Spiel: Niemand will ihn, er stört. Und muss Gott nicht sogar Angst haben, dass wir uns in unserem Mitleid mit dem Kind in der Krippe zu fragen beginnen, warum Gott das zulässt? Das ist tatsächlich wohl die häufigste Frage, die in unserer westlichen Gesellschaft an Gott gerichtet wird: Warum lässt Du das zu?!

Gestern Morgen traf ich einen mir ganz lieben Mann, der mir sagte, er komme jetzt von der Klosterkirche, wo er ein Kerzchen angezündet habe. Er vernahm vor ein paar Tage, dass er wohl nicht mehr lange leben werde. Was spielt Gott hier für eine Rolle? Gestern schrieb mir ein junger Mann folgende Nachricht: «Ich zweifle in letzter Zeit, man tut so viel Gutes und wann kommt es zurück? Irgendwie gar nie... auch wenn ich mal im Ausgang bin und sehe was da so rumläuft, die Frauen, die nur diese Machos haben möchten, aber keinen, der es echt gut meint... Das versteh ich nicht, dann frag ich mich: gibt es da oben einen, der dies alles beobachtet? Wenn ja, wieso lässt man sowas zu? Trotzdem, frohe Weihnachten!» Meine Lieben, ich habe diese beiden Beispiele ausgewählt, weil hier nicht Menschen nach der Rolle Gottes fragen, die sonst Gott in ihrer Lebensgeschichte gar keine Rolle zuteilen. Damit die Frage nach der Rolle Gottes nicht zynisch, nicht ein Alibi wird, muss sie eingebettet sein in eine Beziehung mit diesem Gott. Ebenso muss ein Kind bei jedem Nein seiner Eltern, bei allem, was es zum Weinen und sogar Stampfen bringt, erahnen und spüren können, dass auch die negativen Erfahrungen eingebettet sind im grundsätzlichen Ja der Eltern zu ihrem Kind. Und darum ist Gott an Weihnachten ein Spielverderber, denn er zerschlägt traditionelle Gottesbilder und müsste nur schon deswegen Atheisten sympathisch sein. Gott ist nicht da oben und schaut zu, wie das Christkind keine Herberge bekommt: Gott ist das Christkind, Gott weiss um Kälte, um das Ausgegrenzt-Werden, um Armut und später sogar um den gewaltsamen Tod am Kreuz. Wir können darum in der Kirche nicht eine Kraft «da oben» gnädig stimmen wollen. Wir müssen keinen Gott auf unsere Seite beten wollen, damit alles so wird, wie wir es wollen. Das ist nicht der Gott des Christentums! Gott hat sich an Weihnachten dieser Welt völlig ausgeliefert, als wehrloses Kind – einzig mit der Macht der Liebe, die ihm aber nicht das Leiden erspart hat und die sich erst an Ostern wirklich als Macht zeigt. Gott wirbt an Weihnachten um Beziehung mit uns, er sucht unser Herz, damit sein Feuer darin brenne. Die Berufung von uns Christinnen und Christen ist, aus dieser Beziehung heraus zu leben: Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, sagt Johannes im Evangelium. Ich kann darum dem jungen Mann nicht einfach raten, Geduld zu haben, da die meisten Frauen nicht ihre Leben lang mit einem Macho verbringen wollen. Auch möchte ich ihn nicht einfach vor falschen Freunden warnen. Ich wünsche ihm, in der Beziehung zu Jesus Christus zu lernen, was seine Würde ist: dass er mehr ist als viele Muskeln und ein loses Mundwerk. Ich wünsche ihm die Begegnung mit einem Gott, die ihm das Selbstvertrauen vermittelt, das jene Menschen erfahren dürfen, die sich von Gott geliebt und angenommen wissen: Er muss sich nicht einer Frau hingeben, die das Gute in ihm nicht sucht, auch wenn das seinen Gefühlen im Moment widerspricht. Und meinem kranken Freund wünsche ich die Kraft, seine Krankheit weiter aus der Beziehung mit Gott heraus zu leben, damit auch für ihn nach dem Karfreitag des Lebens Ostern wird: ewiges Leben in Gott. Und uns allen wünsche ich, dass wir an Weihnachten unsere Würde erkennen: Kinder Gottes zu sein, damit unsere Herzen brennen können!

Und wer das nun alles nicht verstanden hat oder einfach zu müde zum Zuhören war: Das macht nichts. Das Schönste kommt ja noch: das «Christe redemptor», der Rest der Pastoralmesse von Kempter. Die Musik kann unsere Herzen mindestens ebenso zum Brennen bringen wie gut gemeinte Worte! Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten!