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Predigt an Neujahr 2013

1. Januar 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Mit 18 Jahren ist es so weit: Menschen entwachsen ihrer Jugendzeit, sie werden er-wachsen. Mit 18 Jahren erfüllt sich endlich das «schon» der Kinder: Ich bin schon viereinhalb Jahre alt, ich bin halt schon 12. Es kann offenbar nicht schnell genug gehen, bis wir aus der Zeit des Heran-wachsens zum Alter er-wachsen.

Liebe Brüder und Schwestern, die meisten von uns haben es wohl nicht mehr so eilig mit dem Älter-Werden. Ihre Banknachbarin jetzt nach ihrem Alter zu fragen, wäre politisch nicht korrekt. Und ihren Banknachbarn zu fragen, wie viele Kilos er in den letzten Jahren zugelegt hat, ist ebenfalls nicht anständig – vor allem nicht jetzt nach Festtagen der letzten Woche. Und auch wenn Ihnen jemand das nicht gerade schmeichelhafte Kompliment macht: «Du bist noch der Gleiche wie früher», gilt halt doch: Die Zeit läuft, vielen geht die Zeit zu schnell, immer ist wieder Weihnachten und Neujahr, Menschen, die uns lieb sind, gehen – die Zeit legt keine Ruhepausen ein. So leben wir Menschen in der Spannung zwischen dem «Es-kann-nicht-schnell-genug-Gehen» und dem «Die-Zeit-rast-viel-zu-Schnell». Vor dieser Spannung kommen mir die Hirten im heutigen Evangelium sehr jung vor, auch wenn sie vielleicht älter waren als Maria. Sie «eilen» zur Krippe, um zu sehen, ob das stimmt, was der Engel ihnen sagte. Und sie müssen in jungendlichem Übermut erzählt haben, was sie über dieses Kind gehört haben – Maria und Josef kommen gar nicht zu Wort und können nur darüber staunen. Die junge Mutter dagegen kommt mir im heutigen Evangelienabschnitt eher bedächtig vor, als wäre sie gesetzteren Alters: Nicht nur hier heisst es von Maria, sie bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach.

Das Empfinden der Zeit ist also nicht nur altersabhängig, sonder hängt von unserer Lebenssituation ab: Da ist der Jugendliche, der plötzlich viel Zeit hat: Er kommt in einem Game nicht auf den richtigen Level. Ohne Gefühl für die laufende Zeit kann er sich stundenlang mit diesem Spiel verweilen. Da ist die schon ältere Person, der die Zeit offensichtlich zu langsam geht und darum dauernd auf die Uhr schaut: Ein Gottesdienst darf nicht zu lange gehen, man könnte ja etwas verpassen – was denn eigentlich? Da ist ein Mensch, der seinen Partner / seine Partnerin verloren hat: Langsam vergehen die Stunden der Einsamkeit. Da ist das Kind, das lieber draussen spielen würde, als am Tisch zu sitzen: Wie können Erwachsene nur Freude am Diskutieren haben?! Die Zeit, sie läuft immer gleich schnell. Unser Verhältnis zu ihr sagt viel darüber, wo wir in unserem Leben stehen – ob wir nun eher alt oder jung sind.

Meine Lieben, darum ist es gut, die Zeit wieder einmal bewusst wahrzunehmen. Heute feiern wir eine Zeitenwende, einen Jahreswechsel. Sind wir denn nicht dieselben wie gestern? Nein, natürlich nicht, denn die Zeit läuft, gestern war gestern, heute ist heute. Eine Zeitenwende gibt uns zudem die Möglichkeit, etwas zu überdenken, abzuschliessen, zu verzeihen und neu zu beginnen. Und da wir das neue Jahr mit einem Muttergottes-Fest beginnen, möchte ich Marias Umgang mit der Zeit an den Anfang dieses Jahres stellen: «Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.» Offensichtlich hat Maria nicht alles sofort ganz verstanden, sie hat es aber deswegen nicht auf die Seite geschoben, sondern konnte es immer wieder hervorholen und betrachten, mit einem Fremdwort: meditieren. Wer in der Zeit lebt und sie nicht flieht, weil sie zu langweilig ist oder zu schnell geht, kann aus der Vergangenheit schöpfen und für die Gegenwart fruchtbar machen. Machen wir zu dieser Art der Meditation ein Beispiel. In dieser Kirche hat es eine Uhr, die alle 15 Minuten schlägt. Sie gibt uns also zuerst einmal nichts anderes als regelmässig die Viertelstunden an. Für Menschen, die im Moment eher unruhig sind, sagt die Uhr: Der hört ja nicht auf da vorne, es ist doch Zeit! Diese Menschen flüchten in eine Zukunft, die Ihnen nicht wirklich gehört. Für Menschen, die eher perspektivenlos sind, sagt das Schlagen der Uhr: Was, schon wieder? Sie möchten womöglich lieber die Vergangenheit zurück haben. Der meditierende Mensch überdenkt wie Maria, was jetzt das Richtig ist, jetzt, da die Uhr schlägt – dieser marianische Mensch lebt im Augenblick. Und was ist für Maria im heutigen Evangelium der Augenblick? Sie bringt Christus auf die Welt, für andere und auch für sich selbst. Der marianische Augenblick bringt uns Gott näher. Ist nicht das der eigentliche Sinn der Zeit, uns näher zu Gott zu bringen? Die Zeit möchte uns also nicht am Leben hindern, sie will uns auch nicht davon springen. Die Zeit führt uns, richtig verstanden, zu mehr Leben, die Zeit führt uns zu Gott.

Liebe Mitchristen, ich bin schon 44 Jahre alt. Und wie alt sind Sie – schon? Wie alt wir sind, kann uns eine Jahreszahl nur bedingt sagen. Hören wir auf die Uhr. Sie sagt uns: Die Zeit läuft – auf Gott zu. Wenn wir den Schlag einer Uhr hören, dann dürfen wir die Zeit zum Gegenstand unserer Meditation machen: «Ich höre auf die Uhr und freue mich, dass mich jede Sekunde näher zu Gott bringt.» So kann das Zählen der Zeit anhand einer Uhr für uns zum Segen werden. Wie uns heute in der Lesung im Segen Aarons zugesprochen wird, soll uns der Stundenschlag jedes Mal sagen: «Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.» In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes neues Jahr. Es wird uns Gott näher bringen und soll überall dort, wo wir im Leben stehen, eine Zeit des Heils für uns werden. Amen.