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Predigt an Epiphanie 2013

6. Januar 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Ist Ihnen auch schon einmal ein Licht aufgegangen? Hoffentlich können sich alle an eine solche Erfahrung erinnern. Wir wissen nicht mehr weiter, und plötzlich sehen wir eine Lösung. Um uns ist es finster, und plötzlich geht uns ein Licht auf. Auch Kinder kennen diese Erfahrung. Es ist wie ein Aha-Erlebnis: Jetzt verstehe ich. Jetzt sehe ich mehr. Solche Erfahrungen sind eine Überraschung. Wir können sie nicht machen. Sie werden uns geschenkt.

Von solchen überraschenden Erfahrungen ist im heutigen Gottesdienst ist immer wieder die Rede. Vielen geht ein Licht auf. In der Lesung aus dem Buch Jesaja hörten wir: "Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf." In die Dunkelheit kommt überraschend der Gott, der Licht ist. Und auch den Weisen aus dem Osten ist ein Licht aufgegangen. So hiess es in der Lesung aus dem Matthäusevangelium: "Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen." Aber auch Herodes ist ein Licht aufgegangen. Auch er ist überrascht. Allerdings freut er sich über dieses Licht nicht, sondern erschrickt. Er hat Angst um seine Macht. So sagt er verlogen zu den Weisen: "Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige." In Jesus Christus ist uns allen ein Licht aufgegangen. Er selbst sagt von sich: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen" (Lk 12,39). Lassen wir das zu? Oder haben wir Angst vor diesem Feuer, das reinigt und Hoffnung schenkt? Der Prophet Jesaja ermutigt uns, dieses Licht wahrzunehmen und uns von ihm erleuchten zu lassen: "Auf, werde licht, Jerusalem, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir."

Auch hier im Finsteren Wald ist ein Licht aufgegangen. Damals im Jahre 835, als der heilige Meinrad als Einsiedler hierher kam. Hier wurde er 861 von dunklen Gestalten ermordet. Das Licht ist seither nicht mehr erloschen. Seit Jahrhunderten bezeichnen Gläubige aus aller Welt diesen Ort als Gnadenort. Hier geht ihnen ein Licht auf. Unzählige Menschen dürfen hier in aller Dunkelheit wieder Licht erfahren. Alle grossen Deckengemälde der Klosterkirche erzählen übrigens von der Dunkelheit, in der ein Licht aufgeht: die Weih-Nacht, das Abendmahl, das Abendmahl in der Nacht des Verrats, die Weihe der Gnadenkapelle in der Nacht vom 13. auf den 14. September 948. Hier in Einsiedeln erfahren Menschen, dass Jesus gekommen ist, um Feuer auf die Erde zu werfen. Nicht ein Feuer, das zerstört, sondern ein Feuer, das reinigt, das Wärme schenkt, das Hoffnung weckt, das Heimat erfahren lässt, das Leben gibt – Leben in Fülle. Von diesem Ort aus ist viel Feuer in die ganze Welt getragen worden. Am 6. Januar wird jeweils in allen katholischen Gottesdiensten in der Schweiz das Opfer aufgenommen für die Inländische Mission. Dieses Hilfswerk ruft zur Solidarität auf und sammelt Spenden, dass bedürftige Pfarreien auch in Zukunft den Gottesdienst in würdigen Räumen feiern können. Heute unterstützen wir die Pfarreien Saas-Grund, StaMaria/Augio im Calancatal und die multikulturelle Pfarrei Johannes XXIII. in Genf. Das Hilfswerk Inländische Mission wurde 1863 – also vor 150 Jahren – hier in Einsiedeln gegründet. Ich danke Ihnen für die grosszügige Unterstützung, so dass auch heute von Einsiedeln vielen Menschen in diesen Pfarreien ein Licht aufgeht.

In der Menschwerdung Gottes ist uns allen ist ein Licht aufgegangen. Sind wir immer neu überrascht und begeistert wie die Weisen aus dem Osten, die sich auf den Weg gemacht haben, um Jesus Christus zu begegnen? Oder sind wir überrascht wie Herodes, der erschrickt und das Licht löschen will? Auch heute gibt es nicht nur Begeisterung für den Glauben. Immer wieder wird der aggressive Atheismus thematisiert. Er wird oft als eine Bedrohung des Glaubens betrachtet. Aber es gibt etwas, das viel gefährlicher ist: Die Gleichgültigkeit. Die Worte aus dem letzten Buch der Heiligen Schrift bringen diese Gefahr auf den Punkt: "Du bist weder kalt noch heiss. Wärest du doch kalt oder heiss! Weil du aber lau bist, will ich dich aus meinem Mund ausspeien" (Offb 3,16). Begeistert, ablehnend, gleichgültig. Wahrscheinlich sind uns allen diese drei verschiedenen Weisen bekannt, wie wir auf das Licht reagieren können, das uns aufgeht. Wir alle können zu bestimmten Zeiten begeistert sein, zu anderen Zeiten ablehnend, oder – was noch viel schlimmer ist: gleichgültig. Das Jahr des Glaubens ist uns allen Einladung, "die Freude und die erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus" wieder zu entdecken. So schreibt Papst Benedikt XVI. im Brief über das "Jahr des Glaubens". Und er fährt fort: "Wir dürfen nicht zulassen, dass das Salz schal wird und das Licht verborgen gehalten wird." So ist das Jahr des Glaubens "eine Aufforderung zu einer echten und erneuerten Umkehr zum Herrn, dem einzigen Retter der Welt. … Das, was die Welt von heute besonders braucht, ist das glaubhafte Zeugnis derer, die, vom Wort des Herrn im Geist und im Herzen erleuchtet, fähig sind, den Geist und das Herz vieler zu öffnen für die Sehnsucht nach Gott und nach dem ewigen Leben, das kein Ende kennt."

Liebe Schwestern und Brüder, uns allen ist ein Licht aufgegangen. Auf, Kirche, Getaufte, Getaufter, werde selbst Licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Amen.