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Predigt an Karfreitag 2013

29. März 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

«Popule meus, popule meus, quid feci tibi» – «Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir getan?». Diese Worte, liebe Brüder und Schwestern, wird uns der Chor nachher in einer Vertonung von P. Basil Breitenbach singen, während wird hier nach vorne kommen, um das Kreuz zu verehren. Man nennt diese Worte im Volksmund «Heilandsklagen». Doch das lateinische Wort «Improperien» ist da etwas stärker: Übersetzt heisst das «Vorwürfe». Gott macht uns angesichts des Kreuzes Vorwürfe: Was habe ich denn eigentlich getan?
Normalerweise läuft das doch umgekehrt: Wir klagen Gott an und das vor allem für Dinge, von denen wir glauben, er habe sie nicht getan: Warum Gott lässt Du zu, dass sich meine Krebszellen weiter vermehren? Warum tust Du nichts im Syrien-Krieg, in Konzentrationslagern? Warum bin immer ich es, die versagt, der nie eine Freundin bekommt, der ich nicht so schön und intelligent bin? Auch wenn am heutigen Tag viel von Leid und Kreuz die Rede ist: der Karfreitag gibt darauf keine schnelle Antworten. Ja offenbar im Gegenteil! Gott beginnt in diesem Gottesdienst Fragen an uns zu richten: «Was habe ich denn getan?» Der Chor wird weiter singen: «Womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir! Deinetwegen habe ich Ägypten geschlagen und all seine Erstgeburt, du aber hast mich geschlagen und dem Tod überführt.»

Lesen wir, mein Lieben, aufmerksam die Bibel, ist sie tatsächlich in erster Linie eine Geschichte der Erfahrung der Befreiung: Weil das Volk Israel Jahwe als einen befreienden Gott erlebte, feiert es noch heute das Pascha-Fest, feiert das Christentum Ostern. Auch im Leben Jesu geschieht vieles an Befreiendem für andere: Lahme gehen, Blinde sehen, Menschen, die sich verachteten, erfahren sich als liebenswert, Aussätzige werden geheilt, ja Tote werden zu Leben erweckt! «Womit nur habe ich dich betrübt? Du hast mich dem Tod überführt.» Die Wunder Jesu waren es nicht, was die damaligen Menschen an Jesus störte. Jesus provozierte: Er kritisierte, vor allem die religiöse Führungsschicht, er forderte Umkehr, auch im Denken, auch im Denken über Gott. Und Kritik brauchen wir Menschen, obwohl wir oder besser: gerade weil wir sie meist nicht mögen. Ich erinnere mich an eine Zeit in meinem Leben, in der ich es sehr gut hatte. Mir fiel erst nach ein paar Monaten auf, dass ich immer nur gelobt, nie kritisiert wurde und dass mir das nicht gut tat, mich nicht weiter brachte. «Kritik» kommt von Unterscheiden, Scheiden. Eine Kritik sollte in mir bewirken, dass sich etwas scheiden kann: Ich sollte etwas zurücklassen, andere Wege gehen, oder meinen Lebensweg anders gehen. In dem Sinne ist der Karfreitag nicht nur eine Anfrage an Gott – «Warum hast du mich verlassen?», betete Jesus selbst am Kreuz –, sondern eine wichtige Kritik am Menschen: Das Kreuz, ein Mordinstrument, zeigt, wozu wir fähig sind, was wir einander antun können. Jedes Kreuz, das mir begegnet, sollte darum nicht einfach nur schön sein und in mir fromme Gefühle erwecken, sondern auch mein Menschsein herausfordern, es kritisieren: Wie leben ich mit anderen zusammen? Wie gehe ich mit Kritik um, mit Aggressionen, die daraus entstehen? Gestehe ich mir Zorn und Hass zu, ja gar das Böse? Und kann ich unterscheiden von den guten Kräften in mir, die mich bewegen zu achten, zu verzeihen, zu lieben und auf meinem Lebensweg weiterzukommen? Wie kann ich das eine zurücklassen und das andere stärken?

Liebe Mitmenschen, Kritik gehört zum Alltag des Menschen, doch müssen wir uns auch immer zu einer guten Kultur der Kritik durchringen. Sonst bewirkt eine Kritik bloss, dass Zimmertüren zugeworfen, Gespräche abgebrochen oder Menschen einfach kalt gestellt werden, so wie damals Jesus von Nazareth. Die Kunst der Kritik gehört in eine Beziehung, in eine Beziehung des Lernens, des Vertrauens, des Annehmens von Kritik. Und darum finde ich die Worte der «Heilandsklagen» so anregend: «Was habe ich dir getan?» Diese Worte kritisieren mein Gottesbild, scheiden also Wichtiges von Unwichtigem. Zusammen mit unserer Frage «Warum lässt du das zu?» weisen diese Worte auf das Wesen des Christentums hin: Wir sind keine Religion von oben und unten – da oben Gott, der alles lenkt, da unten wir, die opfern und ausführen –, sondern eine Religion der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, eine Beziehung zwischen Gott und seinem Volk die Kirche. Eine Frage etwa nach dem Bösen in dieser Welt kann nicht einfach am runden Tisch beantwortet werden. Wie uns viele Menschen, die wir heute Heilige nennen, vorlebten, verstehen wir Gott und uns selbst nur aus der gegenseitigen Beziehung heraus. Und eine Beziehung muss gepflegt werden, in eine Beziehung gehört das Ringen genauso wie das Feiern, das Verzeihen genauso wie das Lieben. Am Karfreitag macht Gott einen grossen Schritt auf uns zu: Er schlägt nicht zurück, verrät nicht seine Botschaft vom Reich Gottes. Er begibt sich auf dieses Mordwerkzeug und ist so nicht ein Marionettengott von oben, sondern der Gott mitten im Dreck des Elends, des Leidens. Nur wer sich auf diese Bewegung Gottes auf uns zu einlässt, mag erahnen, was der Karfreitag für eine Sprengkraft für unser Leben hat. Nur wer sich durch das Kreuz so im eigenen Gottesbild kritisieren lässt, mag auf Ostern hin erahnen, dass diese Gottesbeziehung nicht im Dreck stehen bleibt, sondern Zukunft hat, Leben, Ostern eben. So dürfen wir diese «Heilandsklagen» während der Kreuzverehrung ruhig geniessen. Sie werden auch als schöner Klang unsere Herzen berühren und von Gottes Beziehungswillen zu uns erzählen können: «Mein Volk, mein Volk, was habe ich dir getan?» Amen.