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Predigt in der Osternacht 2013

30. März 2013, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Was für eine Überraschung! Die Auferstehung Jesu Christi. Damit beginnt unsere Ostererfahrung: Einfach mal staunen! Nichts ist mehr so, wie es vorher war.

Allerdings: Die meisten von uns haben schon in anderen Jahren die Osternacht gefeiert. Wie jedes Jahr. Gehört einfach dazu. Und gerade damit laufen wir Gefahr, nicht mehr zu erfahren, worum es geht. Kirche sein ist eine Überraschung. Und auch hier: Wenn das nicht mehr so wahrgenommen wird, dann haben wir ziemlich viel Asche über der Glut. Darum wollen wir jetzt bewusst das Feuer wahrnehmen, das Jesus Christus ist, der Auferstandene!

Entzünden des Feuers

Heute dürfen wir erfahren, welche Überraschung der christliche Glaube ist. Hoffentlich waren Sie vorhin beim Hören des Evangeliums auch überrascht. Der kurze Text, den wir gehört haben, ist voller Überraschungen. Allerdings überhören wir die leicht – vor allem, wenn wir uns daran gewöhnt haben.

Die erste grosse Überraschung: Da ist vor allem von Frauen die Rede. So beginnt der Text: "Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab." Es waren nicht einfach einzelne, nein, eine grössere Gruppe. Einige werden sogar mit Namen genannt: Maria Magdalene, Johanna, Maria, die Mutter des Jakobus und die übrigen Frauen, die bei ihnen waren.

Die zweite Überraschung: Sie kommen zum Grab und stellen fest, dass der Stein weggewälzt ist. Sie gehen ins Grab hinein, aber der Leichnam ist nicht dort. Verständlich, dass sie ratlos sind.

Die dritte Überraschung: Zwei Männer in leuchtenden Gewändern treten hinzu – sozusagen Engel in kurioser Verkleidung. Kein Wunder, dass die Frauen erschraken und zu Boden geschaut haben.

Die vierte Überraschung, genau in der Mitte des Textes, das Zentrum also: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden."

Die fünfte Überraschung: Die Frauen erinnern sich an die Worte, mit denen Jesus seine Auferstehung angekündigt hat.

Die sechste Überraschung: Sie kehren vom Grab in die Stadt zurück und berichten alles den elf Aposteln und den anderen Jüngern.

Die siebte Überraschung: Die Apostel halten das Ganze für Geschwätz. Sie glauben der Botschaft der Frauen nicht.

Die achte Überraschung: Petrus, der erste unter den Aposteln, ist durch die Nachricht der Frauen doch überrascht. Sie lässt ihn nicht ruhig. Er geht zur Sicherheit nachschauen.

Die neunte Überraschung: Es ist so, wie die Frauen es gesagt haben.

Die zehnte Überraschung: Selbst Petrus ist überrascht. "Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war."

Der Kirche liegen Überraschungen zugrunde. Die Kirche lebt auch heute von Überraschungen – Tag für Tag. Wir dürfen dankbar sein, dass uns Papst Franziskus seit seiner Wahl täglich daran erinnert. So sehr, dass selbst Schweizer herausgefordert sind. Der Kommandant der Schweizergarde meinte in einem Interview: "Wir stehen im Dienst des Papstes, sein Wunsch ist das Entscheidende. Papst Franziskus hat sein eigenes Charisma, seinen eigenen Stil. Als Seelsorger will er weiterhin für die Menschen da sein. Die Garde hat sich dem anzupassen."

Am Donnerstag in der Chrisammesse sagte der Papst zu den Priestern: "Den guten Priester erkennt man daran, wie sein Volk gesalbt wird; das ist ein deutliches Beweismittel. Wenn die uns anvertrauten Menschen mit dem Öl der Freude gesalbt werden, ist das zu merken – zum Beispiel, wenn sie aus der Messe kommen mit dem Gesicht dessen, der eine gute Nachricht erhalten hat." Das wünsche ich uns allen: Dass wir diese Klosterkirche heute mit einem Gesicht deren verlassen, die eine gute Nachricht erhalten haben.

Heute dürfen wir auch in dieser Feier viele Überraschungen erleben.

Laurent und Gregory wollten das Sakrament der Firmung empfangen. Jetzt liegt die Grossmutter von Gregory im Sterben. Die ganze Familie bleibt daheim, um zusammen mit der Sterbenden den Weg zu gehen. Sie alle haben sich auf die Feier hier in der Klosterkirche gefreut. Das bewusste Bleiben bei der Sterbenden ist für uns alle ein Glaubenszeugnis.

Laurent ist mit seiner Familie hier. Die Entscheidung für die Firmung war eine bewusste Entscheidung, trotz der Mühe, die er mit dem Religionsunterricht hatte. Da ist er übrigens in guter Gesellschaft. Ich selbst bin 21 Jahre lang in die Schule gegangen. Kindergarten gab es bei uns damals noch nicht. Nur einmal bin ich in der langen Zeit aus dem Klassenzimmer geflogen: im Religionsunterricht. Das soll uns allen Hoffnung machen. Es gibt noch etwas Anderes, das Laurent und mich verbindet. Wir beide wurden im Sport berühmt…

Die Kirche ist die Gemeinschaft aller Getauften. Sie ist der Leib Christi. Es gibt nur eine Kirche, weil es nur einen Leib Christi gibt. Allerdings arbeiten wir in diesem einen Leib leider oft nebeneinander oder sogar gegeneinander. Dominic trägt durch den Empfang des Sakramentes der Firmung zu einem Schritt zur Einheit im Glauben und in der Liebe bei. Dass er heute hierher gekommen ist vom Ort, wo er zur Zeit als Arzt arbeitet, spricht von seinem grossen Glauben: er kommt grad aus dem Wallis.

Vielleicht haben Sie vorhin bemerkt, dass Diakon P. Thomas bei der Evangeliumsprozession fast ins Weihwasserbecken gefallen ist. Damit hätte er das Osterlachen schon vorweg genommen. Dafür darf er Firmpate von Dominic sein.

Die Heilige Nacht ist voller Überraschungen!

Lesen und hören wir die Heilige Schrift mit dieser Bereitschaft, uns überraschen zu lassen! Wir werden zu staunen beginnen. Setzen wir uns mit der Kirchengeschichte auseinander: Wir werden nicht aus dem Staunen herauskommen. Gehen wir – wie es der heilige Benedikt sagt – mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben: Wir werden wie der heilige Petrus voll Verwunderung sein über das, was geschieht! Auch heute. Denn er ist mitten unter uns, der Auferstandene!