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Predigt an Ostersonntag 2013

Liebe Schwestern und Brüder

"Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden!" Das Grosse, das wir heute feiern, ist ganz unscheinbar geschehen. Hier in der Klosterkirche gibt es nur eine Darstellung davon, zudem eine ganz kleine, so dass die meisten von Ihnen sie nie sehen werden. Auf der Tabernakeltüre ganz hinten im Chorraum ist die Auferstehung dargestellt: Jesus Christus, der aus dem Grab aufsteigt, und sechs Männer, die völlig ratlos dastehn.

Die Auferstehung Jesu ist etwas Unscheinbares. Und doch: Ostern sprengt alle Grenzen. Es zählt nicht mehr die Nation, aus der wir kommen oder die Sprache, die wir sprechen. Es zählt nicht mehr der Stand, den wir in der Gesellschaft haben. Es zählt nicht mehr das Geschlecht. Der heilige Paulus bringt das Grenzensprengende auf den Punkt, wenn er schreibt: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus" (Gal 3,28). Ostern sprengt die Grenzen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ostern sprengt die Grenzen von Versagen und Sünde. Und letztlich: Ostern sprengt die Grenze des Todes.

Auf dieser Ostererfahrung gründet die Kirche. Diese Sprengkraft aller Grenzen müssen auch heute Menschen durch uns Getaufte erfahren dürfen. Als österliche Menschen bekennen wir durch unser Leben: Ostern sprengt alle Grenzen. Genau das heisst "katholisch": die menschlichen Grenzen sprengend, die göttliche Weite schenkend.

Das kommt auch in unserer Klosterkirche erfahrbar zum Ausdruck. Der erste Eindruck ist überwältigend für alt und jung. Wenn wir zudem ein paar Details anschauen, können wir noch mehr staunen. Alle grossen Gemälde sprengen die Grenzen – hier vorne im Chor und hinten im Raum über der Gnadenkapelle. Sie halten sich nicht an den Rahmen. Gemalte Personen treten plastisch aus den Gemälden heraus.

Die Kirche lebt. Die "eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" kommt mir vor wie eine grosse Orgel. Unzählige Register stehen uns zur Verfügung, die wir je nach Situation zum Erklingen bringen können. Und trotzdem klingt es manchmal erbärmlich, weil wir die Register nicht zu ziehen wissen. Eine Orgel…

(die Marienorgel verschafft sich mit Kreativität und Witz Gehör)
Liebe Schwestern und Brüder, der Stiftsorganist P. Theo wusste von dieser Predigt nicht mehr als Sie alle. Aber sein Hineinspielen in die Predigt lässt uns hören, worum es geht. Genau so soll die Kirche ihre Register ziehen, angepasst an die Herausforderungen. Mit Begeisterung und Freude. Wer auf einem Register beharrt und es zur Ideologie macht – sei es nun alt oder modern -, nimmt die mögliche Vielfalt nie wahr.

In dieser Feier ziehen wir viele Register – auch schon in den Äusserlichkeiten. Ich trage ein Mailänder Messgewand, das mein Vorgänger Abt Thomas Schenklin angeschafft hat. Er war nicht mein unmittelbarer Vorgänger... Er war Abt des Klosters Einsiedeln von 1714-1734. Unter seiner Amtszeit wurde diese Klosterkirche von 1719-1735 erbaut. Abt Thomas starb ein Jahr vor deren Vollendung. Im Jahr des Baubeginns, 1719, wurde Leopold Mozart geboren, der Vater von Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Musik wir heute hören, und der einen Mönch aus dem Kloster Einsiedeln im 10. Jahrhundert als Namenspatron hatte, den heiligen Wolfgang, den späteren Bischof von Regensburg. In der Zeit des Baus dieser Klosterkirche studierte Johann Ernst Eberlin, von dem wir das "Terra tremuit" – die Erde erzittert - zur Gabenbereitung hören, an der Benediktiner-Universität Salzburg und wurde Organist des Erzbischofs von Salzburg. Wir hören über 1000 Jahre alte Gesänge im gregorianischen Choral – schon damals hier im Kloster Einsiedeln gesungen. Diese sind selbstverständlich in lateinischer Sprache, die einmal so vulgär war, dass man die lateinische Bibelübersetzung heute noch Vulgata nennt. Die Grenzen der Sprachen werden wir heute oft überschreiten. Wir hörten bereits Griechisch in dieser Feier: Kyrie eleison. Und Hebräisch haben wir schon alle gesprochen und werden es noch mehrmals tun: immer, wenn wir "Amen" sagen. Als katholische Kirche bleiben wir nicht einfach in unserer Muttersprache sitzen.

Papst Franziskus führt uns die Katholizität der Kirche durch sein selbstverständliches Beispiel seit seiner Wahl Tag für Tag vor Augen. Etwas wird immer deutlicher: Unsere erste Frage in der Kirche darf nicht sein: Wer darf was tun? Wer darf was nicht tun? Eine solche Fragestellung zeugt von Angst und Enge. Wir dürfen uns fragen: Wie können wir als Begeisterte Jesus Christus heute verkündigen, nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Leben? Das ist die erste Frage, die konkreten Regelungen müssen immer dieser prioritären Ausrichtung dienen. So ist klar: Kirche mit einer Osterbotschaft darf sich nicht abkapseln, sondern muss zu den Menschen gehen, sie ansprechen, ihnen zuhören, sie dort abholen, wo sie sind. Das heisst nicht, dass wir uns jeder Mode anpassen müssen oder dem Zeitgeist huldigen. Der hat meist einen kurzen Schnauf. Aber wir müssen uns diesem Zeitgeist stellen. In der jeweiligen Situation glaubwürdig vom Auferstandenen Zeugnis ablegen. Aus einer solchen Einstellung heraus war es für den Erzbischof von Buenos Aires selbstverständlich, dass er nicht mit einer Limousine und einem Chauffeur unterwegs war, sondern in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer mit dem Auto unterwegs ist, bleibt in seinen eigenen vier Wänden, wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, begegnet der ganzen Welt, Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat. Das bringt immer auch Risiko mit sich. Ein dafür nötiges kindliches Gottvertrauen ist die Frucht einer kindlichen Begeisterung. Das überzeugt!

Liebe Schwestern und Brüder, das Ostergeschehen ist ein unscheinbares Geschehen, das alle Grenzen sprengt. Das zeigt sich auch im Sakrament der Eucharistie. Christus schenkt sich uns selbst in einem unscheinbaren Stücklein Brot. Er will bei uns zu Gast sein und uns bewegen, dass wir wirklich katholisch sind, alle engen Grenzen sprengend und Weite schenkend. Papst Franziskus sagte es in seiner Osternachtspredigt mit den einfachen Worten: "Brüder und Schwestern, verschliessen wir uns nicht dem Neuen, das Gott in unser Leben bringen will!"

Ja: Öffnen wir uns dem Neuen, das Gott in unser Leben bringen will! Heute!