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Predigt an Pfingsten 2013

19. Mai 2013, Klosterkirche, Pater Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Sind Sie ein Mensch, der schnell und leicht flucht? Wenn ja: Wann haben Sie das letzte Mal geflucht? Als heute der Wecker losging? Weil Sie heute Morgen zu spät dran waren und sich ein Knopf oder ein Reissverschluss nicht schliessen liess? Als Sie den Regen sahen? Auch Menschen, die nicht leicht fluchen, kennen das: Irgendwie müssen wir unseren Ärger, unsere Enttäuschung und unsere Überraschung ausdrücken. Und wer erregt ist, sagt schnell einmal ein Wort, das wir normalerweise nie sagen würden! Ein Fluchwort ist ein Kraftausdruck. Während es die einen bei "äch", "verflixt" oder bei "gaz no" belassen, greifen andere auf gröberes Geschütz zurück: Diese Kraftausdrücke reichen dann vom Schimpfwort wie "Dummkopf" über vulgäre Wörter bis zu blasphemischen Ausdrücken, zu Ausdrücken also, die bestimmte Glaubensinhalte oder Gott verhöhnen.

Auch im Welttheater, das ab dem 21. Juni auf dem Klosterplatz gespielt wird, wird geflucht. Ein Mitspieler fragte mich neulich, ob mir das gefalle. Gefallen? Nein, und "gefallen" ist hier sicher das falsche Wort. Wenn Fluchen gefallen würde, würde wohl niemand mehr fluchen, denn dann würde dem Fluchen seine provokative Seite genommen. Auch wenn mir das Fluchen nicht gefällt: Ich kann nicht behaupten, ich würde nie fluchen. Ich habe es heute schon getan, in diesem Gottesdienst, und Ihnen hat es vielleicht sogar gefallen! Als Schola sangen wir zu Beginn dieses Gottesdienstes vom Geist des Herrn, der die Erde erfüllt. Und dann baten wir Gott mit einem Vers aus Psalm 68, er möge aufstehen, seine Feinde fortjagen und die ihn hassen, sollen vor seinem Angesicht fliehen. Natürlich beten wird damit um den Sieg des Hl. Geistes über alle Ungeister dieser Welt. Aber die Wortwahl kommt aus dem Krieg und es werden dabei andere Menschen verwünscht. Dieses Verwünschen der Feinde Gottes ist nicht das Stärkste, was die Bibel zu bieten hat. Als in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts das Beten in der Kirche auch in der Muttersprache möglich wurde, entschied sich Papst Paul VI. darum, Texte wie die Psalmen 58, 83 und 109 aus dem Gebet der Kirche zu streichen, da in ihnen zu viel geflucht werde. Auch aus anderen Psalmen wurden ganze Verse gestrichen, da man nun plötzlich verstand, wie viel in der Kirche eigentlich geflucht wird. Es bleiben aber auch heute noch genügend Stellen in den Psalmen, die uns in der Kirche fluchen lassen. Warum denn eigentlich? Würden Lob, Dank und Bitte als Gebete nicht genügen? Anscheinend reicht das auch dem gläubigen Menschen nicht. Auch das ist eine Dimension des Betens: Beim Fluchgebet schreien wir die die Frustrationen, Ängste und Nöte von uns Menschen und der Welt vor Gott hinaus – und dafür brauchen wir eben Kraftausdrücke.

Ob mir das Fluchen auf dem Klosterplatz gefalle? Nein, mir gefällt Fluchen eigentlich nie, aber ich tue es hier in der Kirche auch – und die Bibel bringt noch ganz andere Ausdrücke als "Heilandsack", ein Wort, das wenigstens eine religiöse Wurzel hat: Menschen gingen früher mit Ihrer Wut zum Heiland in seinem Sakrament – Heiland-Sakrament! Das Kraftwort "Heilandsack" aus dem Welttheater könnte uns ja Anregung sein, mit unserer Wut zu Gott zu gehen!

Meine Lieben, ich fordere Sie hier nicht etwa auf, mehr zu fluchen. Ich wünsche uns vielmehr, den Glauben als Chance wahrzunehmen, echt, ganz zu werden und darum vor Gott auch jene Seiten des menschlichen Lebens einzubringen, die weniger schön, weniger angenehm sind. Von einem Pubertierenden kann ich noch nicht erwarten, dass er seine Gefühle, seine Zornausbrüche unter Kontrolle hat. Ob Jugendliche vermehrt einen Zugang zu Gott hätten, wenn sie vor Ihm nicht einfach brav sein müssten, sondern ihr inneres Durcheinander so vor Gott zu bringen lernten, wie sie es empfinden? Wir Erwachsene wachsen hoffentlich dahin, dass wir nicht Dinge sagen, die uns nachher leid tun, nur um unser Verletzt-Sein zu kaschieren. Das aufrichtige Beten kann auch für uns eine grosse Hilfe sein. Gott können wir ja mit unseren Frustrationen nicht vernichten, andere Menschen schon!

Doch gibt es der Bibel gemäss eine Lästerung, die dem Menschen nicht vergeben wird: jene gegen den Hl. Geist (Mt 12, 31). Warum? Wer das Wirken des Hl. Geistes verspottet, tut mehr als Gott eigene Frustrationen und Zweifel entgegen zu schleudern. Wer den Hl. Geist verflucht, weist das innerste Wesen Gottes zurück. Der Hl. Geist ist die lebendige Gegenwart Gottes, die macht, dass wir gar nicht fluchen müssten! Der Hl. Geist ist die Vergebung, er heilt die Verletzungen unseres Herzens. Im Hl. Geist wohnt Gott in uns, wie wir im Evangelium vernommen haben. Und darum verletzt der Mensch sein Innerstes, wenn er dem Geist Gottes flucht, das Heiligste in uns, das doch eigentlich Anlass dafür sein müsste, vor jedem Menschen Respekt zu haben, denn als Gläubige sehen wir in jedem Menschen einen Tempel des Hl. Geistes, eine Wohnung Gottes.

Liebe Mitchristen, wer flucht, benützt im Zorn oft Wörter, die wir normalerweise nicht brauchen würden. Sie können verletzend sein, für uns und für andere, sie können darum Sünde sein, wenn sie uns nämlich von dem trennen, was der Geist Gottes in uns zu wahrem Leben verhelfen möchte. Den Schritt, den ich mir für uns wünsche, ist der: weg vom Zornausbruch eines Jugendlichen, der seine Gefühle noch nicht im Griff hat, zu einer Herzensbildung, die auch in Wut und Verzweiflung nicht sagt oder tut, was wir nachher bereuen müssen. Ich wünsche mir für uns also das Freiwerden vom Fluchen. Die Pfingstsequenz, die die Schola vor dem Hören des Evangeliums für uns gesungen hat, ist für mich ein wunderbarer Weg dieser Herzensbildung, denn sie bittet den Hl. Geist genau in diesen Situationen in unser Herz zu kommen, aus der heraus wir sonst fluchen würden: in unsere Verletzungen, Frustrationen, Ängste und Zweifel. Sie finden die Pfingstsequenz im Internet oder in jeder Katholischen Kirche im Kirchengesangbuch unter der Nummer 493.1. Da heisst es unter anderem: "In der Mühe bist du Ruhe, in der Hitze Mässigung, im Weinen Trost. Wasche, was schmutzig in uns ist, bewässere, was trocken ist, heile, was verwundet ist. Beuge, was starr ist, wärme, was kalt ist, lenke, was vom Weg abgekommen ist."

Amen.